Architektur als hundsgemeine Hässlichkeit

Das Guggenheim Museum Bilbao mit der Ria des Nervión in der Innenstadt Bilbaos. Quelle: Wikipedia

Strukturalismus, gesichtsloser Funktionalismus, Kulturlosigkeit

War Victor Marie Hugo1 (*1802 bis †1885) nicht nur ein erfolgreicher französischer Schriftsteller der „zweiten Romantiker-Generation“2, sondern obendrein ein begnadeter Vorausdenker, „der mit dem Anspruch des selbsternannten Sehers“2 schon in den „Frühfolgen des Industriepkapitalismus“2 die weltweite Krise der Architektur im heutigen Spätkapitalismus voraussah? „In seinem Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) – genauer, in dem geschichtsphilosophischen Kapitel mit dem Titel Dieses wird jenes töten – stellte er fest, dass in demokratischen Zeiten für alles Große kein Platz mehr sei und das Leben ästhetisch verarme.“3 Gilt das etwa auch für den Erfindergeist?

Bauwelt und Gesellschaft am Ende?

Venedig, die so oft totgesagte Stadt, ist alle zwei Jahre für die weltweite Architekturzunft das Mekka „der großen Biennalen4, die die Stadt regelmäßig in einen Kunstrausch versetzen.“5 Die biennale Botschaft 2014: „Mit der Architektur ist es aus und vorbei.“6 Wieso dieser Kassandraruf? Genau 183 Jahre nach Victor Hugos apokalyptischer Voraussage? Zudem ausgerechnet auf einer Schau von Weltrang? Das ist ja gerade der Clou. „Denn die Ausstellung interessiert sich für den Niedergang, für Stumpfsinn und hundsgemeine Hässlichkeit. Vor allem aber dafür, wie es so weit kommen konnte. Warum, fragt sie, sieht die Welt so aus, wie sie aussieht? Die Biennale will nicht einfach Architektur zeigen, sie will Gegenwart durchdringen, mit all ihren Nöten und Verkorkstheiten. Und sie kommt zu dem naheliegenden Schluss: Nicht allein die Bauwelt ist am Ende, die Gesellschaft ist es ebenso.“6

Das Klosett wird zur internetfähigen Datensammelstelle

Was diese Krise verursacht? Das Anspruchsdenken unserer Gegenwart. Es macht „aus jedem Anspruch eine Vorgabe, aus der Vorgabe eine Vorschrift, und schließlich bleibt dem Architekten kaum mehr übrig, als sich in der Rolle des Sachzwangsverwalters zu fügen.“6 Folglich regiert weltweit „gesichtsloser Funktionalismus.“ Bei ihm jedoch zählt nicht mehr die Gestalt, sondern das „Verhüten, Vermeiden, Verhindern.“

Die Treibkraft dieses Normenwahns? Die digitale Sicherungstechnik. Sie läutet mit dem Terror des digitalisierten Wohnens (und Arbeitens) eine Epoche der Fremdbestimmung ein. Architektur verkommt zur „Ansammlung fabrikfrischer Fertigprodukte.“ Denn alles „will heute reguliert, kontrolliert, optimiert werden.“ Wohin das führt? „Aus dem Abort wird ein Ort mit Anschluss, eine internetfähige Datensammelstelle. In Japan gibt es diese Klosetts bereits zu kaufen, sie analysieren was in sie hineinfällt. Und wenn sie Bedenkliches finden, wird Meldung erstattet.“6

Syndrome der Kulturlosigkeit

Architektur? Was ist das überhaupt? Baukunst, klar. Aber eben auch „die älteste und am meisten zweckgebundene der bildenden Künste.“7 Und dazu zählen? „Mit Malerei und Graphik gehört die Bildhauerkunst zu den drei klassischen Gattungen der bildenden Kunst.“8 Architektur als eine Form gesellschaftlicher Kultur?

Die Architekturkrise ist zweifellos eine Folge des Spätkapitalismus. Syndrome zeigten sich in der Bundesrepublik bereits in den 50er Jahren. „Allen nach dem Krieg wieder aufgebauten Innenstädten ist gemeinsam, dass sie nach der Fertigstellung kaum noch einen wesentlichen kulturellen Faktor bildeten.“9 Ein Traditionsbruch? „Der Krieg hatte gewissermaßen eine Lücke gerissen, die nicht mehr aus der Welt zu schaffen war und die von der Architektur, bei aller Begeisterung für das zukünftige Wirtschaftswunder, nicht überbrückt werden konnte.“9

Bauwerke glichen Jahrmarktsattraktionen

„Die Bauwerke dieser Zeit glichen Jahrmarktsattraktionen. Das Guggenheim-Museum, das Frank Lloyd Wright in New York baute (1959), hat die Gestalt einer Rutschbahn. Das TWA-Building von Eero Saarinen am Flughafen in New York aus den Jahren 1956-1962 ähnelt einem sich niederlassenden Vogel.“9

„Le Corbusiers Kapelle in Ronchamp (1953) erinnert an eine von Picasso gemalte Klosterschwester, die die »Wilden« mit farbigen Glasstückchen zu sich lockt.“9

„Die Berliner Philharmonie von Hans Scharoun (1956-1963) mutet mit ihren wie zufällig aufeinandergestapelten Schalterhallen, Galerien, Tribünen und Plattformen an wie ein eilig aufgezogenes Zirkuszelt und wird deshalb auch vom Berliner Volksmund »Zirkus Karajani« genannt (nach dem Dirigenten Herbert von Karajan).“9

Wieso pötlich dieser Stilpluralismus?

Außenansicht der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles. Quelle: Wikipedia/ Carol M. Highmith Archive

Die Postmoderne als Merkmal kultureller Krise?

Die Postmoderne ließ grüßen. Dieser zentrale Begriff der Kunsttheorie wird von manchen Theoretikern auch als ein Merkmal kultureller Krise verstanden. Wieso? Weil „aufgrund der Relativierung von Wertmaßstäben und bisher gültigen Gewissheiten weder eine vernünftige Legitimation von Wahrheiten und Gerechtigkeit geleistet noch die Annahme von Fortschritt durch Aufklärung verteidigt werden kann.“10 Was geschah in den 60er Jahren?

„Der aus der Literaturwissenschaft übernommene Begriff Postmodernewurde auf die Kunst, vor allem die Architektur übertragen, um eine grundsätzliche Kurskorrektur zu signalisieren. In deren Mittelpunkt stand der Rückzug auf die überlieferten Stile.“11

„In der Malerei bedeutete dies die Wiederentdeckung des gegenständlichen Bildes, während die Verarbeitung historischer Stilprinzipien zur gestalterischen Grundlage der Architektur erhoben wurde.“11 Und was folgte daraus? „Indem sich die Künstler nun aller Stilepochen frei bedienen konnten, entstand unter dem Oberbegriff der Postmoderne ein sogenannter Stilpluralismus.“11.

Zugleich entstand in den 60er Jahren »Kunstlose Kunst«12, die „sich sogar ganz von der Wirklichkeit löste und Gedanken und Gefühle in einer abstrakten Sprache von Linien und Farben auszudrücken versuchte.“ Das hinterließ nicht zuletzt ebenfalls in der Architektur Spuren.

Einfallslose Großspurigkeit in Beton

„Ein Kennzeichen der Architektur des beginnenden 21. Jahrhunderts ist der Hang zur großen, mit Bedeutung aufgeladenen Geste. Viele Stararchitekten pflegen ihre Formensprache wie ein Markenzeichen – eine Entwicklung, die Ermüdungserscheinungen mit sich bringen kann.“13 Das Ergebnis? „So heißt es zur Walt Disney Concert Hall in Los Angeles (2003) und zum Museum MARTa im ostwestfälischen Herford 2005, der Architekt Frank O. Gehry wiederhole nur einfallslos die wuchtigen Großformen seines Guggenheim-Museums in Bilbao (1997), ohne örtliche Strukturen und Traditionen zu berücksichtigen.“13 Eine derartige Kritik „wird gegenüber Stararchitekten vielfach erhoben: Ihre Solitäre, so expressiv sie auch sein mögen, fügen sich nicht in das bauliche Umfeld ein.“ Der Trend? „Während der Mehr- und Einfamilienhausbau weiterhin ein Schattendasein fristet, richtet sich die Aufmerksamkeit wie gewohnt auf Großprojekte.“13

Tod der modernen Architektur

Er wurde von der Architekturkritik exakt auf den 15. Juli 1972 festgelegt, „als in St. Louis (Missouri) die 14geschossige Siedlung Pruitt-Igeo, erbaut 1955 im damals hochaktuellen, aseptischen Stil, gesprengt wurde, da man gegen die steigende Kriminalität ihrer Bewohner kein anderes Mittel mehr wusste. Wenn auch die spektakulärste Bankrotterklärung der modernen Architektur, war dies nur ein Zeichen für den Irrweg, in den unreflektiertes Reproduzieren der Lehre des modernen Stils geführt hat.“14 Und was war noch blamabel? „Fatal war dabei allerdings die Überzeugung, mit besseren Gebäuden bessere Menschen schaffen zu können.“

Das kommt eben davon, wenn man partout nicht einsehen will, was der 41-jährige Karl Marx15 (*1818 bis †1883) im Januar 1859 definierte: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, dass ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“16

Quellen

1 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 10, Seite 289

2 Christian Schäfer: Victor Hugo, in: Die Großen – Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt , Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band VII/2, Seite 677

3 Robert Kaltenbrunner: Der Terror in modernen Formen, in: DIE ZEIT N0 45, 31. Oktober 2012, Seite 57

4 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 3, Seite 289

5 Tobias Timm: Schwankende Schönheit, in: DIE ZEIT N0 51, 13. Dezember 2012, Seite 67

6 Hanno Rauterberg: Architektur gibt es nicht mehr, in: DIE ZEIT N0 25, 12. Juni 2014, Seite 49

7 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 2, Seite 82

8 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 3, Seite 307

9 J. Meuwissen: Architektur auf neuen Wegen, in: Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv, Stuttgart 1999, Band: Die 50er Jahre, Seite 222, 223

10 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 17, Seite 410

11 Steffen Krämer: Die bildende Kunst – Aufgaben, Gattungen und Formen, in: Brockhaus, Meilensteine, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden zur Geschichte, Kultur und Wissenschaft, Gütersloh 2011, Band: Kunst und Architektur, Seite 13

12 P. Janssen: Kunstlose Kunst, in: Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv, Stuttgart 1999, Band: Die 60er Jahre, Seite 225

13 Kunigunde Wannow: Architektur im 21. Jahrhundert  – Bauten der Superlative, in: Brockhaus, Meilensteine, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden zur Geschichte, Kultur und Wissenschaft, Gütersloh 2011, Band: Kunst und Architektur, Seite 348

14 Garrelt Hermanussen: Die Architektur, in: Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv, Stuttgart 1999, Band: Die 70er Jahre, Seite 225

15 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 14, Seite 260

16 Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Vorwort, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, 43 Bände (in 45 Büchern) Dietz Verlag, Berlin 1961, Band 13, Seite 9