Heiliges Römisches Reich

Existierte von 962 bis 1806. Nachfolger wurden:
1871 das Deutsche Reich und
1949 die Bundesrepublik Deutschland

Mark MeißenHistorieKostenlos: LiteraturBestellung

Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Offizielle Bezeichnung für den Herrschaftsbereich der römisch-deutschen Kaiser vom 2. Februar 962 bis 6. August 1806. Als Gründungsdatum des Heiligen Römischen Reiches (lat. sacrum romanum imperium) gilt unter deutschen Historikern deshalb der 2. Februar 962, weil an diesem Tag mit Otto I. (*912 bis †973) erstmals ein deutscher König zum Kaiser gekrönt wurde. Das Krönungszeremoniell vollzog in Rom der minderjährige Papst Johannes XII. (*937 bis †964), der wegen seiner zahlreichen Verbrechen 963 abgesetzt werden musste.

Bereits Kaiser Otto I. hatte sich – in einem Anflug von Größenwahn, aber bei dem Lebenswandel des Papstes wiederum kein Wunder – als Stellvertreter Gottes auf Erden gesehen. Seine Nachfolger äfften das natürlich wacker nach. Somit lässt sich dieser Gotteswahn selbst bei den Proklamationen der Albertiner als sächsische Könige wieder finden. Wenngleich keiner von ihnen je gekrönt wurde, weil Napoleon I. (*1769 bis †1821) den ersten Wettiner im Dezember 1806 mit dem Friedensvertrag von Posen wie eine Schachfigur in seinem Europa-Spiel als König bestimmt hatte und dessen Nachfolger – wie in der Monarchie nun mal üblich – den Königstitel kurzerhand erbten, ganz gleich ob sie regierungsfähig waren oder nicht. Die Geschichte Sachsens sagt darüber oft mehr aus als die geschönten Biografien der Könige von Sachsen.

Kaiser contra Papst

Durch die Verbindung des Kaisertitels mit der Bezeichnung Romanum Imperium erhob Kaiser Karl der Große (748-814) Anspruch auf die Nachfolge des antiken Römischen Reiches und damit gleichsam auf eine kontinentale Universalherrschaft in Europa, Afrika und dem Nahen Osten. Da es also um Großmacht ging, wurde unter Konrad II.  (um *990 bis †1039) diese Bezeichnung amtlicher Titel des Kaiserreiches.

Seit 1157 wird in den Urkunden von Friedrich I., genannt Barbarossa, (etwa *1122 bis †1190), das Kaiserreich als Sacrum Imperium bezeichnet, um in Anlehnung an das römische Kaiserrecht Justinians I. (etwa *482 bis †565) (als Kaiser: Imperator Caesar Flavius Justinianus Augustus) die sakrale Würde des Kaisers gegenüber den machtorientierten Päpsten zu betonen. In den Königsurkunden bürgerte sich ab 1254 die Reichsbezeichnung Sacrum Romanum Imperium ein. Mit dem Zusatz »Heilig« wurde das Gottesgnadentum des Kaisertums betont und versucht, deren weltliche Alleinherrschaft gegenüber dem Papst zu legitimieren.

In deutschen Urkunden trat bei Kaiser Karl IV. (*1316 bis †1378) der Reichsname Heiliges Römisches Reich auf. Erst im 15. Jahrhundert tauchte in deutschen Urkunden der Zusatz auf Deutscher Nation (Nationis Germanica). Diese Bezeichnung schränkte das Kaiserreich auf die deutschen Territorien ein und grenzte Italien und Burgund aus.

Die Wiege heutiger Nationalstaaten

Nach der Reformation gewannen die Territorialstaaten – infolge der (durch die Glaubensspaltung) unterschiedlich definierten Herrschaftsbereiche – immer mehr an Macht. Somit ist das Heilige Römische Reich auch der Ursprung der heutigen Nationalstaaten. Dieses Ringen um den Reichsnamen über fast ein halbes Jahrtausend deutet zugleich auf die Machtkämpfe zwischen Kaiser und Papst, aber obendrein auch auf das Machtgerangel bei der Nachfolge des Königs hin.

Deshalb berief Karl IV. (*1316 bis †1378) nach seinem Italienzug (1354-1356) – bei dem er am 5. April 1355 in Rom zum Kaiser gekrönt worden war – am 10. Januar 1356 in Nürnberg einen Hoftag ein, auf dem er (nach der Beratung mit den Kurfürsten) die Goldene Bulle verkündete. Das in lateinischer Sprache abgefasste Gesetzeswerk hatte 31 Kapitel, von dem die ersten 23 in Nürnberg verkündet und der Rest am 25. Dezember 1356 in Metz proklamiert wurden.

Mittelalterliches Grundgesetz

Karl wollte mit diesem Gesetzeswerk die Struktur des Reiches stabilisieren sowie die Thronfolge und das Wahlverfahren für den neuen König – ohne Mitspracherecht des Papstes – regeln. Die Goldene Bulle wurde zur Reichsverfassung, die bis zur Auflösung des Heiligen Römischen Reiches am 6. August 1806 galt und die Rechte und Pflichten der Kurfürsten fest schrieb. Sie garantierte die Immunität der Kurfürsten, die Vererbung ihres Titels sowie die Unteilbarkeit der Kurfürstentümer, billigte den Kurfürsten das Münzrecht, das Zollrecht sowie das Recht auf Ausübung der Rechtsprechung zu und übertrug ihnen zugleich den Schutz des Judentums. Der zweite Teil der Goldenen Bulle regelte steuerliche und rechtliche Fragen.

Neben den Kurfürsten hatten namentlich die Stände ein Interesse an einem gesetzlich fixierten Heiligen Römischen Reich, die praktisch nie zu einem eigenen Staat werden konnten und deshalb auf den vom Kaiserreich gewährten Schutz angewiesen waren.

Reiche kommen und gehen

Als sich jedoch Napoleon I. am 18. Mai 1804 zum erblichen Kaiser der Franzosen ernannte, war diese Monarchie bereits ein Angriff auf die Machtansprüche von Kaiser Franz II. (*1768 bis †1835) in Europa, dessen Machtgefüge Napoleon neu gestalten wollte. Als er in Paris den (zweiten) Rheinbund (Confédération du Rhin) für fast 100 Fürsten in Europa gebildet hatte, stellte er kurzerhand dem Kaiser in Österreich am 22. Juli 1806 das Ultimatum, bis zum 10. August die Kaiserkrone nieder zu legen. Andernfalls würden französische Truppen in Österreich einmarschieren. Daraufhin wurde am 6. August 1806 die Abdankung von Franz II. als Reichsoberhaupt verkündet, der damit zugleich (ohne Zustimmung des Reichstages) die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verfügte.

So wie das historisch gewachsene Heilige Römische Reich (als Ursprung der heutigen Nationalstaaten) am 6. August 1806 unterging (und danach auch Napoleons Monarchie), so ist bei der derzeitigen Europäisierung auch das heutige europäische Staatensystem in der künftig staatenlosen Europäischen Union historisch überlebt.

Geistige Herausforderungen ungeahnter Dimension

Infolgedessen sieht sich das Europa des 21. Jahrhunderts großen Herausforderungen gegenüber. Stichwort: Niedergang der europäischen Weltherrschaft. Intergration abgewirtschafteter osteuropäischer Länder wie der Ukraine in die Union sund zugleich in die NATO. Dabei müssen die Unionsbürger nicht allein soziale Unterschiede überwinden wie sie derzeit etwa zwischen Deutschland und Rumänien bestehen (was zunächst einmal so manchen Job kosten dürfte). Die Unionsbürger müssen neben dieser gleichermaßen komplexen wie komplizierten Problematik zugleich gemeinsam sichern, dass ein bunt gemischtes System vieler Nationalitäten gleichberechtigt und kreativ miteinander in der EU kooperierend die Herausforderungen der Globalisierung überleben kann. Das führt zu gesellschaftlichen Veränderungen, an die so mancher Europäer noch gar nicht zu denken wagt.

Heimat neu erfahren!

Reichstag: statt formloser Hoftag
Im 12. Jh. Versammlung der Reichsstände
Tagte ab 1594 in Regensburg zumeist über Wochen

Reichsstände: Personen oder Korporationen
Waren keinem Landesherren untertan, nur dem Reich
Sie untergliederten sich in: geistliche und weltliche

Fürstentum: Reichsfürst und Kurfürst
Von 902 bis 1806 an der Macht des Reiches beteiligt
Ab 1180 bildete sich der Reichsfürstenstand heraus

Königswahl: im Kurfürstenkollegium
Das Gremium hatte ab 1356 alleiniges Wahlrecht
August der Starke gewann die Wahl nur mit Bestechung

Krönungsornat: Amtstracht des Herrschers
Das Einkleiden symbolisierte göttlichen Herrschaftsanspruch
Der Ornat wurde bei repräsentativen Anlässen getragen

Krönungszeremoniell: 1356 von Kaiser Karl IV. eingeführt
Das Zeremoniell schrieb die Goldene Bulle genau vor
Die prunkvolle Krönungsprozedur dauert zumeist Stunden

Reichskleinodien: die Insignien der Macht
Reichskrone war unverzichtbar für Könige und Kaiser
Insignienschatz wird in der Wiener Hofburg aufbewahrt

Abendland: antike Vorstellungswelt
Mittelalterlicher Begriff für das christlich geprägte Europa
Auch Ausdruck für Weltherrschaft und Dogmatismus

Morgenland: Mut zur Vision
Gestaltete die Zivilisation über Kulturgrenzen hinaus
Wurde zur Drehscheibe für den Wissenstransfer