Kursächsischer Bauernaufstand 1790

Ein 5 600 Mann starkes und mit Artillerie ausgerüstetes Militär unter dem Kommando des Generals Heinrich Adolf von Boblick schlug nach einer Woche den Aufstand blutig nieder. Quelle Wikipedia

Fürstliche Gesellschaftsjagden bedrohten Bauernexistenzen

Der Kalender zeigte den 22.August 1790. Am Abend dieses Sommertages versammelten sich nahezu 1 000 Bauern auf dem Katzenberg zwischen Nossen und Meißen. Sie beratschlagten, wie sie ihre vier Verhandlungsbeauftragten befreien könnten. Die hatte man im Kreisamt Meißen inhaftiert. In Windeseile hatte sich anderntags die Bauernrevolte herumgesprochen. In der Nacht zum 23. August wuchs die Zahl der Aufständischen auf 8 000 an, „von denen etwa 2 000 mit Sensen, Beilen, Mistgabeln und Hacken bewaffnete Bauern vor die Meißner Stadttore zogen. Allein ihr Erscheinen erzwang die Freilassung der Verhafteten.“1

Das alles geschah ein Jahr nachdem am 28. April 1789 die Matrosen des unter englischer Flagge segelnden Schiffes Bounty gegen ihren 33-jährigen Kapitän William Bligh rebellierten. Was also war im Kurfürstentum Sachsen geschehen?

Eine Wildplage verwüstete die Ernte

„Die seit 1788 durch widrige Naturverhältnisse eingetretene wesentliche  Verschlechterung der Lebenslage vor allem der ländlichen Bevölkerung  führte im Frühjahr und Sommer 1790, als eine langanhaltende Dürre die Lage noch verschlimmerte, zu einer Situation, die die bestehenden feudalrechtlichen Bindungen weithin als untragbar erscheinen ließ.“1 Deshalb kam es bereits im Mai 1790 zu ersten Aktionen der Bauern. Durch die übertriebene kurfürstliche Hege war ein Wildplage entstanden. Die erbosten Bauern von Wehlen verjagten am Pfingstsonntag das Wild nicht nur von ihren Feldern, „sondern auch aus den angrenzenden landesherrlichen Wäldern und schossen es selbst ab.“1

Hoher Wildbestand gehörte zur kurfürstlichen Repräsentation

Ein möglichst hoher Wildbestand sollte die herrschaftlichen Jagdgäste beeindrucken. Prunksucht und Großmannsgehabe waren Bestandteile der kurfürstlichen Regierungspolitik. Das hungrige Wild, das durch die naturwidrige kurfürstliche Hege im Wald nicht mehr ausreichend Futter fand, fiel in Scharen über die Felder der Bauern her. Die Felder der Grundherren hingegen wurden bewacht. Die Bauern aber mussten tagsüber Frondienste leisten.

Zudem hatte der Boniteur2 (Gutachter eines herrschaftlichen Überwachungssystems) die Ernteerträge bereits eingeschätzt. Somit stand schon die Höhe der Abgaben fest: 10 Prozent der Ernte an die Kirche, 20 bis 30 Prozent an den adligen Grundherren3 Die Wildschäden interessierte die Herren nicht.

Ebenso wenig die Schäden, die die adligen Herren mit ihren Pferden anrichteten, wenn sie bei ihren vergnüglichen Treibjagden (Parforcejagd Hetzjagd HasenhetzeHatz) zuhauf kreuz und quer über die Felder ritten und die Feldfrüchte von den Pferdehufen zertrampelt wurden.4

Frondienste für die Jagdgesellschaft

Als Dank für die erlittenen Ernteverluste durften die Bauern obendrein noch Frondienste für die ausgelassene Jagdgesellschaft leisten. Auf eigene Kosten hatten sie nach Vorgaben die Jagdhunde und Pferde zu füttern. Auf vorgeschriebene Weise waren die Jäger, Hilfsjäger, Jägerburschen und Treiber mit einem angemessenen Gastmahl zu beköstigen. Ebenfalls als Fron galt es Hand- oder Spanndienste zu leisten (z. B. Waldwegebau zur Jagdvorbereitung) oder selbst als Treiber die herrschaftliche Jagd zu unterstützen.

Mit Schandmal auf der Stirn

Wilddiebereien – eine Form bäuerlichen Widerstandes gegen die Lasten und Folgeerscheinungen des Jagdwesens – wurden grausam bestraft. Die Konstitutionen (eine Gesetzessammlung) erkannten darauf die Todesstrafe oder lebenslängliche Zwangsarbeit, wie beispielsweise beim Brunnenbau auf der Augustusburg, wo Wilddiebe mit eingebrannten Hirschhornmalen auf der Stirn, in Eisen geschmiedet, elend verpflegt, schwerste Bergmannsarbeit leisten mussten.“5

 

Blutige Niederlage erboster Bauern

Luftaufnahme (2008) der Festung Königstein 218 Jahre nach dem Bauernaufstand, wo die Wortführer der Bauern auf dem 9,5 Hektar großen Felsplateu 240 Mater über der Elbe eingekerkert wurden. Quelle: Wikipedia/ Fritz-Gerald Schröder

Die Wortführer des Aufstandes erwartete der Königstein

„Am Pfingstsonntag 1790 verjagten die Bauern von Wehlen das Wild nicht nur von ihren Feldern, sondern auch  aus den angrenzenden landesherrlichen Wäldern und schossen es selbst ab. Diesem Beispiel folgten 15 weitere Gemeinden in der Wehlener Umgebung. Bald sprengten diese Unruhen den lokalen Rahmen. In den Ämtern Stolpen, Dippoldiswalde , Dresden und Radeberg geschah gleiches, wenig später auch in der Gegend von Oschatz, Torgau, Elsterwerda und Hoyerswerda.“1

Die Forderungen der Bauern

Die Bauern forderten: • Beseitigung der Adelsprivilegien • Veränderung des Akzisewesens • Abschaffung der Wildhege • Verbesserung der Rechtsprechung • allgemeine Erleichterung im Steuerwesen.

„Mit der Verweigerung der Frondienste durch die Churschützer Bauern am 3. August 1790 brach der Aufstand mit aller Gewalt los. Binnen weniger Tage befanden sich die Bauern der dem Feudalherren Friedrich von Zehmen gehörenden Grundherrschaften Schleinitz und Petzschwitz in der Lommatzscher Pflege im Aufstand. Mitte August waren es mehr als 50 Dörfer in 15 Grundherrschaften, die die Frondienste aufgekündigt hatten. Im Aufstandsgebiet stationierte kleine militärische Einheiten wurden entwaffnet und die Grundherren zu schriftlichen Verzichtserklärungen auf alle Frondienste und Zinsen gezwungen.“1

Militär knüppelte die Bauern nieder

Innerhalb von zwei Wochen war nahezu das ganze flache Land vom Bauernaufstand erfasst, auch die Oberlausitz. Doch ab 24. August begann der Militäreinsatz , der einen Woche später Herr der Lage war

„158 Bauern und Bürger wurden verhaftet, verhört und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.“1 Die Wortführer der Bauern hingegen wurden in Ketten gelegt und auf den Königstein abgeführt. „Die feudalen Bindungen, die Abgaben, Dienste und anderweitige Verpflichtungen blieben unverändert beszehen.“1

Politlexikon

Quellen

1 Reiner Groß: Kurstaat und Königreich an der Schwelle zum Kapitalismus (1780 – 1830), in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 307, 305, 306, 310

2 Alexander Pretsch: Titel, Berufe, Tätigkeiten und Familienstände im Altkreis Hoyerswerda in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in: Neue Hoyerswerdaer Geschichtshefte, Nr. 6 (2003), Seite 24

3 Gerhard Brendler: Mit Morgenstern und Regenbogenfahne, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 3. Auflage, Berlin 1978, Seite 6

4 Ruth Seydewitz: Wenn die Madonna reden könnte, 5. Auflage, Urania Verlag, •Leipzig • Jena • Berlin 1973, Seite 83

5 Karl Czok, Reiner Groß: Das Kurfürstentum, die sächsisch-polnische Union und die Staatsreform (1547 – 1789), in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 217