Naturschutz? Etwa in Jägerhänden?

Gemäß § 63 Bundesnaturschutzgesetz sind Jagdverbände eine staatlich anerkannte Naturschutzvereinigung. Demzufolge haben sie ausnahmslos die komplette Natur – selbst gegen die Interessen der Jäger – im Rahmen der Gesetze zu schützen.

Welchen europäischen Schutz-Status genießt der Wolf?

Was soll denn diese Skepsis? Gemäß § 63 Bundesnaturschutzgesetz sind Jagdverbände eine staatlich anerkannte Naturschutzvereinigung. In dem 1991 gebildeten Kreisjagdverband Bautzen betrifft das etwa 370 Jäger. Die von ihnen betreute Jagdfläche beträgt 64.753 ha genossenschaftliche Jagdbezirke, 12.648 ha Eigenjagdbezirke und 1.199 ha Verwaltungsjagd des Staatsbetriebes Forst. Die Jägerschaft trifft sich in 10 Hegeringen zur Arbeit für den Naturschutz.

In unserer Wolfsregion dürfte diese Naturschutzverantwortung für die Jägerschaft nicht ganz unproblematisch sein. Schließlich geht es auch beim Wolf um den im Grundgesetz sowie in der sächsischen Verfassung Artikel 10 – festgeschriebenen Erhalt der Artenvielfalt1 (Biodiversität) „auch in Verantwortung für kommende Generationen.“

Zudem tangiert das Thema Artenvielfalt (beispielsweise ist in Sachsen die Hälfte aller Vogelarten gefährdet21) Komponente unserer Lebensqualität – gleichermaßen als Bundesbürger wie als Unionsbürger – hinsichtlich ökologischer, genetischer, sozialer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, erzieherischer, kultureller und ästhetischer Art. Selbst das Weltkulturerbe (Grimms Märchen22) ist mit im Spiel. Wow! Aber was hat das mit Europa zu tun?

Europäische Wertegemeinschaft

Mit der Charta der Grundrechte der Europäischen Union entstand erstmals eine europäische Wertegemeinschaft. „Damit die Demokratie funktioniert, braucht sie eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Lebensbezüge und ein gemeinsames Projekt.“2 Eben. Schließlich werden wir ja nicht als Weltbürger geboren. So ein gemeinsames Projekt für gemeinsame Lebensbezüge ist eben auch der europaweite Schutz-Status für den Wolf.

 

Das Strafrecht zieht klare gesetzliche Grenzen zwischen erlaubten und unerlaubten Verhalten

Rechtsgüterschutz? „Gut, in dem sich Lebensinteressen des einzelnen und der Allgemeinheit verkörpern und das deshalb von der Rechtsordnung geschützt wird.“23 Es gibt die verschiedenen Rechtsgüter (z. B. Ehe, Gesundheit, Freiheit, Ehre, Eigentum usw.), die durchaus miteinander in Konflikt geraten können. „Der Schutz der Rechtsgüter ist Hauptaufgabe des Strafrechts.“23 In unserem Fall besteht für folgende Rechtsgüter strafrechtlicher Schutz:

Dem Washingtoner Artenschutzabkommen19 (CITES, Convention on International Trade in Endangered Species of the Wild Fauna and Flora) vom 3. März 1973 gehören 152 Staaten an. Es stellt Richtlinien für den Handel mit geschützten Tieren und deren Erzeugnissen auf und schränkt die Ein- und Ausfuhr der Tiere oder ihrer
Teile (Felle, Schädel, Knochen…) ein. Der Wolf (Canis lupus) ist hier in Anhang II (gefährdete Tierart) aufgeführt, einige Subpopulationen sind vom Aussterben bedroht und in Anhang I aufgeführt.

Ein gemeinsames Projekt für gemeinsame Lebensbezüge schufen Europarat und Europäische Union mit der staatenübergreifenden Regelung »Berner Konvention«.(wie die internationalen Abkommen für Postwesen und Verkehrswesen)20, beschlossen am 19. November 1979, in der EU in Kraft getreten am 1. Juni 1982 und von Deutschland ratifiziert am 12. Dezember 1984. Diese Regelung sieht im Anhang II insgesamt 710 geschützte Tierarten vor, darunter auch den Wolf (Canis lupus). Für die Berner Konvention haben sich 45 Staaten entschieden.

In Deutschland setzt das Bundesnaturschutzgesetz die FFH-Richtlinie in bundesdeutsches Recht um und stellt den Wolf (Canis lupus) gem. § 7 (2) Nr. 14 a) bzw. b) unter strengen Schutz.

In Österreich ist im Tierschutzgesetz die Haltung von Wölfen im Abschnitt 7.10.6 der 2. Tierhaltungsverordnung geregelt. Das Tierseuchengesetz regelt nach dem § 16 die Tötung und das Einfangen von Wölfen, bei welchen die Wutkrankheit (Tollwut) ausgebrochen ist. Nach dem Wiener Naturschutzgesetz gilt der Wolf als streng geschützte Art. In verschiedenen Landesjagdgesetzen gilt er als nicht jagdbar oder ganzjährig geschont.

Schutz ohne jedwede Ausnahme

Selbst die Schweiz blitzte mit ihrem Ansinnen gegen den Wolf ab

Wie ernst es dem Europarat in Straßburg (Council of Europe) mit dieser Regelung ist, erfuhr die Schweiz bereits vor Jahren. Sie beantragte am 27. November 2006 die Rückstufung des Wolfschutzes und – blitzte ab. Der Europarat gestattet keinerlei Ausnahmen. Im Vordergrund dieser Maßnahme steht die Biodiversität als Lebensgrundlage für das menschliche Wohlergehen.3

Dennoch nahm die sächsische Landesregierung den Wolf im September 2012 ins Jagdrecht auf. Beugten sich die politischen Entscheidungsträger etwa den Interessen von 0,35 Prozent der Bevölkerung mit Jagdschein?

Nur Sachsen tanzt europaweit aus der Reihe

„Damit ist Sachsen das erste – und bislang einzige – Bundesland, in dem der Wolf unter das Jagdrecht fällt – allerdings mit ganzjähriger Schonzeit.“4 Vorerst. „Natürlich wird es einen Zeitpunkt geben, ab dem auch Wölfe wieder gejagt werden können. Davon bin ich fest überzeugt.“5 Völlig anderer Auffassung ist freilich der Naturschutzbund. Bernd Heinitz, Vorsitzender des NABU Sachsen, übergab am 14. März 2012 Landtagspräsident Matthias Rößler eine Petition mit über 8 000 Unterschriften gegen die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht.6

Das Gesuch trug auch Unterschriften von Wolfsbefürwortern aus anderen Bundesländern sowie aus „Norwegen, Finnland, Dänemark, Belgien, Frankreich Österreich, der Schweiz, aus Tschechien, den USA und aus Südafrika.“6

Ein zwielichtiger Optimismus

Über die Aufnahme des Wolfs in das sächsische Jagdrecht „soll erreicht werden, dass sich Jäger für das gefährdeter Raubtier engagieren und sich an der Aufsicht und Beobachtung der Tiere beteiligen müssen.“4  

Ach ja? Wollen die das denn überhaupt? Eine auf Betreiben von Jägern gebildete Aktionsgruppe Wolf aus der Oberlausitz übergab am 30. Januar 2014 an Landtagspräsident Matthias Rößler ein Gesuch mit nahezu 10 000 Unterschriften von Wolfsgegnern. In dem Schreiben fordern sie eine enge Begrenzung des Verbreitungsgebietes des Wolfs sowie eine drastische Beschränkung der finanziellen und personellen Aufwendungen für den Wolfsschutz.7

Eigensüchtigen Jägerinteressen Zügel anlegen

Ist unter diesem Gesichtspunkt die Entscheidung der sächsischen Landesregierung – den Wolf in das Jagdrecht aufzunehmen – möglicherweise ein beschluss mit unabsehbaren Folgen? Liegt es etwa nicht im Verantwortungsbereich einer Regierung, in diesem Falle die Interessen von drei Parteien abzuwägen? Namentlich die der Wölfe (die überleben wollen), die der Naturschützer (die eine ursprünglich von den Jägern 1904 ausgerottete Art erhalten möchten) und die der Jäger (die sich ungebetenen Raubtieren Konkurrenten vom Halse schaffen möchten). Überhaupt: Haben Jäger tatsächlich derartige Nachteile, wie sie behaupten?

 Mit unserem Bürgerengagement gegen eigensüchtige Jagdpolitik pflegen wir zugleich sächsische Verfassungstraditionen. Denn einzelne Jäger, die in einem Anflug von Größenwahn in einer Demokratie den hiesigen Naturschutz allein nach Jägerinteressen selektieren möchten, erinnern zutiefst befremdlich an eine hochmittelalterliche Denkungsart.

Übergeschnappte Jäger im Zaum halten

Ganz anders das Credo im Yellowstone-Nationalpark (Website): „All unsere Managementpläne sind auch deshalb darauf ausgerichtet, Wölfe vor dem Menschen zu schützen, nicht umgekehrt.“18 Wohlgemerkt: Hysterische Jäger bedrohen im deutsch-westpolnischen Wolfsgebiet 104 erwachsene Wölfe. Wohlswissend, dass zur Erhaltung der Art mindestens 250 erwachsene und reproduktionsfähige Tiere erforderlich sind.5 

Braucht die Wolfsregion Oberlausitz jetzt etwa Managementpläne, die eigens darauf ausgerichtet sind, die Wölfe vor übergeschnappten Jägern zu beschützen?

Ehrfurcht? Sogar vorm Wolf?

Thomas von Aquin. Quelle: Wikipedia

Hochmittelalterliche Denkungsart begegnet noch heute dem Wolf

Diese Denkungsart, moralisch streng zu trennen zwischen Menschen und Tieren, reicht zurück bis in das Hochmittelalter. Begründet hat sie der Theologe Thomas von Aquin8 (*1225 bis †1274).Er hat diese Trennung nach einem sicheren Kriterium entschieden: „nach der Sterblichkeit und der Unsterblichkeit“

Seiner Ansicht nach besaßen auch Pflanzen und Tiere eine Seele, „die vegetative und die animalische Seele.“8 Beide seien leibgebunden gewesen und endeten damit mit dem Tod. Die menschliche Seele hingegen sei einerseits eine Form des Leibes, „andererseits ist sie geistig und immateriell und kann so nach dem Tod auch getrennt vom Leib weiterbestehen.“8

Thomas von Aquin war ein Zeitgenosse des römischen Kaisers Friedrich II.10 (*1194 bis †1250), der in Neapel die gegen den Papst und die Kirche geplante Hohe Schule gründetet, die erste reine „Staatsuniversität Europas“11, die Thomas von Aquin besuchte. der gehört zu den bedeutendsten der 35 katholischen Kirchenlehrer. Seine Ansichten wurden daher fester Bestandteil der abendländischen Kultur und wirken somit bis heute.

Den Hexenwahn Europas gefördert

Zwar bezweifelte Thomas von Aquin offiziell »Mariä Unbefleckte Empfängnis“ (8. Dezember), die 1854 Papst Pius IX. (*1792 bis †1878) in der Bulle »Ineffabilis Deus« zur göttlichen Offenbarung – „also zum für alle Katholiken verbindlichen Glaubenssatz“ – erklärte.12

Desto eifriger begründete der katholische Kirchenlehrer allerdings die »Teufelsbuhlschaft«. „Demnach konnten sich Dämonen mit einem dafür prädestinierten, leicht verführbaren Menschen geschlechtlich vereinigen und einen Pakt zur Vermehrung des Bösen schließen.“13

Dieser Bund mit dem Teufel sollte später bei der Hexenverfolgung eine maßgebliche Rolle spielen. „Unter dem Vorwurf der Hexerei wurden in Europa vom 15. bis zum 18. Jahrhundert mehr als 50 000 Menschen hingerichtet.“13 Dieser menschenverachtende religiöse Wahn (siehe auch Kreuzzugsprediger, Wendenkreuzzug) mit dem ins Werk gesetzten Mord vornehmlich an Frauen brutalisierte – über die von Kriegen übersättigten Jahrhunderte unseres Kontinents – auch die Umgangskultur mit der Kreatur bis in unsere Tage.

Ehrfurcht vor dem Leben?

Unsereins hat durch das Verhalten der einiger militanter Jäger, die den Wolf am liebsten sofort aus unserer Gegend vertreiben würden, den Eindruck gewonnen, mancher Jäger hat schwerlich Ehrfurcht vor dem Leben des Wolfes. Diese schwarzen Schafe unter hiesigen Jägern haben ja nun oft genug – und immer möglichst auch spektakulär – betont, dass sie ihn ja als wertloses Leben aus dem Naturschutz unserer Region selektieren wollen. Gibt es überhaupt einen Maßstab für Ehrfurcht vor dem Leben?

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ So jedenfalls artikulierte es Albert Schweitzer14 (*1875 bis †1965). Der aber war als junger Theologe wegen seiner Ansichten selbst seinen kirchlichen Brüdern so verdächtig, dass sie „ihn später ausdrücklich dazu verpflichteten, auf ihrer Mission in Lambarene ausschließlich als Arzt zu wirken, ansonsten aber »stumm wie ein Karpfen« zu bleiben.“15

Mitgefühl ist eine kulturelle Leistung

Aber kann ein Jäger, der eine traditionsreiche Kultur des Tötens huldigt (Fürstenjagd, Königsjagd, Kaiserjagd), überhaupt so eine Ehrfurcht vor dem Leben empfinden, wie wir sie meinen? Menschliches Mitgefühl ist schließlich nicht etwa Selbstverständliches, sondern „es ist eine kulturelle Leistung, zu der man erst einmal bereit sein muss.“16 Zu dieser Leistung lässt William Shakespeare 17 (*1564 bis †1616) seinen Porzia, im Kaufmann von Venedig, in seiner Denkungsart sinnieren: „Wäre Tun so leicht wie Wissen, was gut zu tun ist, so wären Kapellen Kirchen geworden und armer Leute Hütten Fürstenpaläste.“

Barbarei und Gemeinschaftsgut

Und dennoch. „Barbarisch aber sei es, wenn einem diese Fähigkeit zur Empathie, zum Mitfühlen und Mitleiden, völlig fehle, sagte der Publizist Roger Willemsen.“16

2002 wurde der Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz geschrieben. Seither ist der Tierschutz juristisch ein „überragend wichtiges Gemeinschaftsgut.“ Als mündige Bürger sollten wir es – im Namen der wehrlosen Tiere – unbedingt verteidigen. So wie es in der Regel auch die Jägerschaft macht, die in unseren heimischen Wäldern aufopferungsvolle Hege betreibt.

 

Quellen

1 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 2, Seite 149

2 Mein Erzfeind, mein Nachbar, Philosoph Alain Finkielkraut mit Soziologe Ulrich Beck im Streitgespräch über Nation, Einwanderung und Identität, in: DIE ZEIT N0 8, 13. Februar 2014, Seite 3

3 Sächsische Zeitung, 28. November 2006, Seite 2

4 MDR-Fernsehen »Exakt«, 31. Juli 2013

5 Der Wolf kann in einigen Jahren gejagt werden, Umweltminister Frank Kupfer im Gespräch mit Gunnar Saft, in: Sächsische Zeitung, 11. / 12. Januar 2014, Seite 8

6 NABU-Online, 14. März 2012

7 Offenbar Wolfsrisse auch in Mittelsachsen, in: Sächsische Zeitung, 30. Januar 2014, , Seite 8

8 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1993, Band 22, Seite 108

9 Richard David Precht: Seelenverwandt, in: DIE ZEIT N0 15, 8. April 2010, Seite 37

10 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 7, Seite 671

11 Josef Pieper: Thomas von Aquin, in: Die Großen – Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band III/2, Seite 702, 

12 Thomas Rosky: Feste im Christentum, in: Brockhaus  Meilensteine, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden, Gütersloh 2011, Band: Religionen und Glaubensformen, Seite 157

13 Thomas Rosky: Hexenverfolgung, in: Brockhaus Meilensteine, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden, Gütersloh 2011, Band: Religionen und Glaubensformen, Seite 260

14 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 19, Seite 646

15 Robert Jungk: Albert Schweitzer, in: Die Großen – leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band XI/ 2, Seite 992

16 Heinrich Löbbers: Moral hat einen schlechten Ruf, bericht über die Dresdner Rede von Roger Willemsen, in: Sächsische Zeitung, 17. Februar  2014, Seite 3

17 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1993, Band 20, Seite 194

18 Vor den Wölfen müsst ihr keine Angst haben, Hartmut Landgraf im Gespräch mit Wildbiologe Douglas Smith im Yellowstone-Nationalpark, in: Sächsische Zeitung, 21. März 2013, Seite 7

19 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 23, Seite 613

20 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 3, Seite 161

21 Hälfte aller Vogelarten in Sachsen ist gefährdet, in: Sächsische Zeitung, 22. März 2010, Seite 6

22 Grimms Märchen sind Teil des Welterbes, in; Frangfurter Allgenmeine, 21. Juni 2005

23 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 18, Seite 150