Das rote Königreich

Proklamation des Deutschen Kaiserreichs im Schloss Versailles. Gemälde,1885, Anton von Werner (1843-1915). Hier im Schloss amüsierte sich 1687 August der Starke (1670-1733) während seiner Kavalierstour durch die Königshäuser Europas. Quelle: Wikipedia/ Ar

Das blutig niedergeschlagene Paris wird zum Vorboten

Als sich am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal vom Schloss Versailles ein illustrer Kreis deutscher Fürsten und hoher Offiziere in ordensgeschmückten Uniformen versammelte, um König Wilhelm I. (*1797 bis †1888) zum Deutschen Kaiser auszurufen und das von Reichskanzler Otto von Bismarck (*1856 bis †1890) konzipierte Deutsche Reich aus der Taufe zu heben, nahm als Repräsentant der Wettiner Kronprinz Albert (*1828 bis †1902) an dieser prunkvollen Zeremonie teil.

Ob der Kronprinz wohl daran dachte, dass im Spiegelsaal vom Schloss Versailles 184 Jahre zuvor August der Starke (*1670 bis †1733) auf seiner Kavalierstour quer durch die Königshäuser Europas Zwischenstation gemacht hatte? Diese gewissermaßen diplomatische Exkursion zählte damals zum Pflichtprogramm junger Fürsten als angehende Potentaten des europäischen Hochadels. Jedenfalls gilt der Schlossbesuch beim »Sonnenkönig«im barocken Reisejahr 1687 als Vorstufe der Geburtsstunde für das Augusteische Zeitalter.

Dresdner Maiaufstand bestialisch niedergeschlagen

Doch zurück zu unseren 43-jährigen Kronprinz Albert im Jahr 1871. Das Königreich Sachsen hatte 56 Jahre zuvor mit Beschluss vom Wiener Kongress 1815 die Hälfte seines Staatsgebietes verloren und war damit in die politische Bedeutungslosigkeit eines Operettenstaates gestürzt. Doch nun, 1871, war die Zeit der Pariser Kommune angebrochen. Um ihr schleunigst den Garaus zu machen, wurde freilich auch Sachsen gebraucht.

Das militante Königreich Sachsen hatte 1849 den Dresdner Maiaufstand bestalisch niedergeschlagen und dabei die Frauenkirche zur Folterhölle gemacht.

Und so kommandierte Kronprinz Albert als Armeebefehlshaber einen Teil des Belagerungsrings von Paris. Mit dem Schneid eines geborenen Herrschers befürwortete er, dass der Widerstand der Bevölkerung gegen diesen Aggressionskrieg in der Hauptstadt Frankreichs durch den Beschuss mit schweren Geschützen rigoros gebrochen wird.

Die» blutige Maiwoche« in Paris

An Alberts Seite agierte der sächsische Kriegsminister General Alfred von Fabrice (*1818 bis †1891). Er war zum Generalgouverneur der besetzten nordfranzösischen Gebiete berufen. Als leidenschaftlicher Verfechter der militaristischen preußisch-deutschen Politik half er wenige Wochen später, die heldenhaften Pariser Kommunarden wie tollwütige Hunde zu richten. Denn 123 Tage nach der glanzvollen Zeremonie im Spiegelsaal von Versailles mit den albernen Operettenuniformen, begann nach dem mörderischen Beschuss von Paris die »blutige Maiwoche«. Sie dauerte 8 Tage. Ihr folgten Massenexekutionen, bei denen etwa 30.000 Menschen hingerichtet wurden.

Die Wutkrämpfe der alten Welt

Drei Monate nach der Reichsgründung und den Massenmorden in Paris fasst der 53-jährige Karl Marx (*1818 bis †1883) diese blutigen Ereignisse zusammen als »Der Bürgerkrieg in Frankreich«. Marx analysiert die Geisteshaltung der Regierenden. In diesen Monaten, „als einfache Arbeiter zum ersten Mal es wagten, das Regierungsprivilegium […] anzutasten […] da wand sich die alte Welt in Wutkrämpfen.“ Trotz der Niederlage (der noch viele folgen sollten bis zum Untergang der DDR und weitere folgen werden!) bleibt Marx optimistisch: „Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft.“ Die Evolution kennt mannigfaltige und große Zeiträume umfassende Entwicklungstendenzen.

In genau der vorausgesagten Richtung hatte sich die gesellschaftliche Entwicklung im Königreich Sachsen bereits in den letzten drei Jahrzehnten vor 1871 vollzogen. Zuletzt unter König Johann  (*1801 bis †1873), bis 1873 Kronprinz Albert die Regierungsgeschäfte für das Königreich übernahm, das freilich maßgeblich von Berlin aus regiert wurde. Aber selbst das Kabinett Bismarck konnte letztlich nicht verhindern, dass das Königreich Sachsen immer» roter« wurde.

Geburtsland der Industrialisierung Deuschlands

Der Streik. Gemälde von Robert Koehler 1886. Quelle: Wikipedi

Die Eingliederung in das deutsche Kaiserreich bot neue Chancen

„Durch seine Eingliederung in ein Staatsgebiet, dessen Territorium fast 40mal und dessen Einwohnerzahl 15mal so groß war wie die Sachsens, entstanden völlig neue, günstige Entwicklungsbedingungen, die insbesondere auf ökonomischen Gebiet rasch sichtbar wurden“, schreiben die Historiker Roland Zeise und Bernd Rüdiger in der »Geschichte Sachsens«.

Im Jahr 1800 hatte mit der Inbetriebnahme der achtstöckigen Baumwollmaschinenspinnerei in Harthau (OT von Chemnitz) die Industrialisierung im roten Königreich Sachsen begonnen. Errichten ließ sie der „aus dem Rheinland stammende und aus Manchester kommende Textilkaufmann Carl Friedrich Bernhardt“. Damit begann quasi die Industrialisierung Deutschlands. 1803 waren hier 114 Männer, Frauen und Kinder beschäftigt. Die Bernhardsche Spinnerei war weit über Sachsen hinaus bekannt. Selbst J. W. v. Goethe(*1749 bis †1832) besuchte 1810 die Spinnerei.

Neue politische Rahmenbedingungen

Sachsen industrialisierte sich zunehmend rascher. Gefördert wurde dieser Prozess mit der neuen kapitalistischen Wirtschaftsgesetzgebung, die die feudalen Strukturen zersetzte. Rechtsprechung wie das Gesetz über die Freizügigkeit (1867), der Gewerbeordnung (1869), der Aufhebung des Konzessionszwangs für Aktiengesellschaften (1870). Zudem trat 1872 in ganz Deutschland das bereits 1868 beschlossene metrische System für Maße und Gewichte in Kraft und 1873 wurde die Münzeinheit durch Einführung der Markwährung realisiert.

Vor allem nach der Reichsgründung wurde das Königreich Sachsen voll vom Fieber der »Gründerjahre« erfasst. In den letzten drei Jahrzehnten bis 1870 waren 91 Aktiengesellschaften mit einem Kapital von etwa 30 Millionen Talern entstanden. Doch allein 1871 bis 1872 wurden 150 Gesellschaften mit einem Kapital von 145 Millionen Talern ins Leben gerufen. Die kapitalstärkste Neugründung war die Dresdner Bank, die im 20. Jahrhundert zu den vier größten deutschen Banken zählte.

Die Gewerkschaft wird Tradition

Der gesellschaftliche Fortschritt dokumentierte sich auch an den raschen Betriebsgründungen. Die Zahl der Betriebe mit mehr als fünf Beschäftigten erhöhte sich in den zwei Jahrzehnten von 1875 bis 1895 um fast 200 Prozent. „Bei nur knapp 3 Prozent der Fläche und 8 Prozent der Bevölkerung des Reiches konzentrierten sich 10 Prozent aller Betriebe mit fast 12 Prozent aller Erwerbstätigen in Industrie und Handwerk in Sachsen“, bilanzieren Historiker in der »Geschichte Sachsens«.

Mit der Industrialisierung Europas entwickelte sich auch entsprechend die Arbeiterbewegung, namentlich die in Deutschland, besonders aber im Königreich Sachsen. Hier allerdings wurde die Arbeiterbewegung unter der Herrschaft der Wettiner heftiger als in anderen deutschen Ländern verfolgt. Aber selbst damit konnte die Entwicklung zur Demokratie sowie die Verfassungstradion nicht verhindert werden. 

Rigorose Unterdrückung der Meinungsfreiheit

Leipziger Hochverratsprozess: Zwei Jahre Festungshaft für August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Hubertusburg. Quelle: Wikipedia

 Sozialistengesetz führt zum Leipziger Hochverratspozess

Die juristische Grundlage bot das – 1878 mit den Stimmen der konservativen und den meisten nationalliberalen Abgeordneten im Reichstag verabschiedete – »Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie«. Mit diesem »Sozialistengesetz« wurden zwischen 1878 und 1890 im Deutschen Reich etwa 1300 Druckschriften und über 330 Arbeiterorganisationen verboten. Tausende Menschen wurden inhaftiert oder mussten emigrieren.

Meinungsfreiheit?Rechtsstaatlichkeit? Pustekuchen!

Anlass für das »Sozialistengesetz« waren die Attentatsversuche auf Kaiser Wilhelm I. (*1797 bis †1888) am 14. Juli 1861 und 11. Mai 1878. Die lastete Bismarck der Sozialistischen Arbeiterpartei an und nutzte sie, um gegen den zunehmenden politischen und gesellschaftlichen Einfluss der Sozialdemokratie anzugehen. Das veranschaulichte im März 1872 der Leipziger Hochverratsprozess, durch den August Bebel (*1840 bis †1913) und Wilhelm Liebknecht (*1826 bis †1900) zu zwei Jahren Festungshaft in  Hubertusburg in Wermsdorf verurteilt wurden. Immerhin erreichte durch den Prozess das Manifest der Kommunistischen Partei – heute Weltkulturerbe – das bis dahin streng verboten und bereits 1848 veröffentlicht worden war, gleichermaßen hohe Auflagen und einen populären Bekanntheitsgrad.

Tja, gesellschaftliche Entwicklungen lassen sich allenfalls verzögern, aber eben keineswegs aufhalten.  

Wie das Königreich Sachsen zunehmend »rote Farbe« bekam, lässt sich zudem an der Geschichte des 1. Mai verfolgen. Am Kampftag 1890 zählte Dresden – trotz Sozialistengesetz – mit zu den regionalen Schwerpunkten Deutschlands, aus denen sich später der Deutsche Gewerkschaftsbund entwickeln sollte.