Der endlos scheinende Weg zum Computer

Vannevar Bush vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA, im Innovations-Wettlauf mit britischen Forschungsstätten und Hobbyforscher Konrad Zuse.Wer war wohl der Schnellste? Quelle: Wikipedia

Hobbyforscher Zuse eröffnet das Computerzeitalter im Wettlauf mit Instituten

War es nicht vermessen von Konrad Zuse, sich 1935 ausgerechnet mit der Entwicklung der Rechentechnik1 zu befassen? Schon seit 313 Jahren geisterte damals die Idee von einer rechnenden Maschine in den Köpfen führender europäischer Wissenschaftler. Aber drei Jahrhunderte blieben ohne jeden Erfolg. Zudem nahmen 1930 „am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA, Vannevar Bush8 (*1890 bis †1974) und seine Mitarbeiter den ersten elektronisch arbeitenden Analogrechner in Betrieb. Die Maschine lieferte, weil analog arbeitend, nur Näherungsergebnisse und zwar noch sehr störanfällig.“2 Aber auch die Briten griffen mit wissenschaftlicher Forschung in den Ideenwettbewerb ein. Weltweites Teamwork mit aufwendigem technologischem Hintergrund gegen finanziell schwache Einmannforschung im Hobbyformat. Konrad Zuse9 (*1910 bis †1995) wirkte eher wie ein Flaneur in fremder Umgebung denn als erfolgreicher Erfinder. Kann man denn so das Undenkbare denkbar machen?

Eine Vision wird in Angriff genommen

1622 hatte der englische Mathematiker William Oughtred10 (*1575 bis†1660) den ersten Rechenschieber gebastelt.2 Im Jahr darauf begann der deutsche Astronom Wilhelm Schickhardt11 (*1592 bis †1635) mit dem Bau einer rechenden Maschine.1 17 Jahre danach. Im Jahr 1640, stellte sein französischer Kollege Blaise Pascal12 (*1623 bis †1662) der Öffentlichkeit eine Addiermaschine vor, die wie das Räderwerk eine Kilometerzählers arbeitete und achtstellige Additionen sowie Subtraktionen ausführte.2 32 Jahre später, im Jahr 1673, hatte der geniale deutsche Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz13 (*1646 bis †1716) ein Multiplizierwerk gebaut, das alle vier Grundrechnungsarten bewältigte.1 Aber Computer? Fehlanzeige. Die Programmsteuerung fehlte.

Charls Babbage brachte uns dem Fortschritt ein Stück näher

Die erfand 160 Jahre später, im Jahr 1833, der Engländer Charles Babbage14 (+1792 bis †1871). Seine Erfindung war allerdings seiner Zeit so weit voraus, dass sich seine feinmechanische Präzisionsarbeit mit den damaligen technischen Möglichkeiten keineswegs herstellen ließ.1  So setzte – bis Vannnevar Bush8 1930 den ersten elektronischen Analogrechner in Betrieb nahm und Zuse 1935 mit der Entwicklung seiner Rechner begann –  eine nahezu 100 Jahre lange Pause ein.

Was Konrad Zuse vom Otto Normalverbraucher unterscheidet

Eine Alternative zum störanfälligen Analogrechner von Vannevar Bush8 bot 1931 die Veröffentlichung der Franzosen Raymond Valtat3 und Louis Pierre Couffignal3 (*1907 bis †1966). Beide befassten sich mit der binären Codierung von Rechenautomaten.3 Konrad Zuse machte nun etwas, was ihn als genialen Erfinder von Otto Normalverbraucher unterscheidet. Er griff nicht auf Valtats patentierte Erfindung zurück, obwohl sie erheblichen Vereinfachungen beim maschinellen Rechnen versprach. Konrad Zuse knüpfte an das bereits 257 Jahre zuvor von Leibniz 1679 entwickelte duale oder binäre Zahlensystem an. Für dieses Prinzip hatte 1854 der Brite George Boole15 (*1815 bis †1864) ein in sich konsistentes mathematisches System aufgebaut. Dominant waren bei dieser Erfindung neben den Grundrechnungsarten namentlich die logischen Verknüpfungen »UND«, »ODER« und »NEGATION«.

Ein neues Zeitalter beginnt

„Zuse gelang der Nachweis, dass sich jedes programmgesteuerte Rechenwerk im Prinzip aus einer Vielzahl ansteuerbaren bistabiler Schaltelemente (das sind Schalter mit zwei stabilen Schaltpositionen) aufbauen lässt.“2 Zugegeben, die Zuse Z 1 hatte viele Kinderkrankheiten. Doch am 12. Mai 1941 arbeitete »Zuse Z3« als erster programmgesteuerter Rechner der Welt in jeder Hinsicht einwandfrei.

Konrad Zuse eröffnete ein neues Zeitalter

Damit hat Konrad Zuse ein neues Zeitalter eröffnet, die Epoche des Computers. „Die produktivitätssteigernden Effekte setzten in den Siebziger- und Achtziger Jahren ein.“4 Damit mutierte im 20. Jahrhundert das kapitalistische System – horribile dictu – zum »digitalen Kapitalismus«.5 Er steigerte die Lebenserwartung von 47 Jahre (1950) auf heute 68 Jahre und ernährt statt 3 Milliarden Menschen (1960) heute 7 Milliarden weltweit. Mehr noch. Der digitale Kapitalismus „hat ja nicht nur in kurzer Zeit für uns edler Weine und Schokolade, veganes Essen und raschen Wissenszugang möglich gemacht. Weltweit enorm ausgeweitet haben sich durch ihn Lebenschancen und Teilhabe für seit Jahrtausenden Entrechteten, für Frauen, Farbige, Homosexuelle und Behinderte…“5

Visionen sind keine Utopien

Das Entstehen der Kommunikationsindustrie weckte hohe Zukunftserwartungen. „Da im Unterschied zu den vorangegangenen Schlüsselerfindungen die Neuerung diesmal nicht auf produktionstechnischem, sondern auf immateriellen Gebiet lag (der Information), wurde sogar über die Eröffnung eines völlig neuen Zeitalters ungebrochenen, krisenfreien Wirtschaftswachstums, einer »New Economy«, spekuliert.“6

Allerdings in ganz anderer Hinsicht machte Konrad Zuse das Undenkbare denkbar: „Visionen sind keine Utopien, denn sie sind machbar.“7   

Quellen

1 Herbert W. Franke: Konrad Zuse. Von der Rechenmaschine zum Computer, in: Die Großen – Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band XI/1, Seite 125

2 Felix R. Paturi: Der Computer – Voraussetzung für die Hochtechnologie, in: Brockhaus Meilensteine, 10 Thematische Bände, 2011, Band: Große Erfindungen, Seite 302

3 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 5, Seite 159

4 Wo sind die großen Innovationen?. Interview mit dem weltweitführenden Produktivitätsforscher Robert Gordon, in: WirtschaftsWoche N0 6, 4. Februar 2013, Seite 36
5 Alexander Cammann: Und er triumphiert doch!, in: DIE ZEIT N0 9, 21. Februar 2013, Seite 45

6 Andreas Schieberle: Die moderne Welt – Das Zeitalter der Marktwirtschaft und Kommunikation, in: Brockhaus Meilensteine, 10 Themenbände, 2011, Band: Handel und Wirtschaft, Seite 319

7 Nike Wagner: Visionen sind keine Utopien, denn sie sind machbar, in: Sächsische Zeitung, 26. Februar 2013, Seite 8 (Nike Wagner war Intendantin des Weimarer Kunstfestes »Pèlerinages« und ist Nachfahrin von Liszt und Wagner)

8 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 4, Seite 235

9 Heinrich W. Franke: Konrad Zuse, in Die Großen – Leben und Leistung  der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band XI/1, Seite 124
9 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 24, Seite 635

10 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 18, Seite 141

11 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 19, Seite 337

12 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 16, Seite 574

13 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 13, Seite 225

14 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 2, Seite 444

15 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 3, Seite 532