Zündstoff für Dritten Weltkrieg

Die »Frontstadt« Berlin (West) 160 Kilometer tief im „feindlichen politischen System“ DDR

Berlin war Hauptschauplatz des Kalten Krieges. Was bedeutete das?

Frontstadt?1 Kampfbegriff. „Inmitten der Deutschen Demokratischen Republik liegt Berlin.“1 Stadt in einem „feindlichen politischen System.“2 Das gab es weltweit noch nie für ein Hoheitsgebiet. „Berlin: Kernstück des magnetischen Spannungsfeldes zwischen Ost und West.“2 Ein Dauerbrenner des Kalten Krieges, der mitunter der – von einem Dritten Weltkrieg bedrohten – Welt den Atem stocken ließ.

Hauptstadt des besiegten Deutschen Reiches

Berlin „als Hauptstadt des besiegten Deutschen Reiches 3 wurde nach 1945 „zu einem Brennpunkt des Ost-West-Konfliktes. Die unter Viermächtebesatzung gestellte, alsbald in Berlin (Ost) und Berlin (West) geteilte Stadt, Symbol der Spaltung Deutschlands und Europas, wurde ein Hauptschauplatz des Kalten Krieges,3 nach dem Berlinabkommen 1971 4 ein Testfeld der Entspannungspolitik.5

Politische Konfrontation ohne Ende

„Groß-Berlin umfasst mit einer Fläche von 882,4 km² das größte Stadtgebiet Deutschlands.“3 „Die Bindung der Stadt zur Bundesrepublik Deutschland wurde in dem Viermächteabkommen vom 3.9.1971 von den westlichen Alliierten garantiert; sie findet ihren Ausdruck u. a. durch zahlreiche Bundesbehörden und –gerichte, die hier ihren Sitz haben.

Völkerrechtlich wird Berlin (West) durch die Bundesrepublik Deutschland vertreten.“3

Na, so was auch!

„Obwohl Berlin (Ost) nach westlichem Standpunkt kein Bestandteil der Deutschen Demokratischen Republik ist, wird Berlin im Artikel 1 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik von 1968 (i. d. F. von 1971) als deren Hauptstadt bezeichnet.“3 Alleinvertretungsanspruch. Was denn, nicht mal die eigene Hauptstadt sollte sich die völkerrechtlich anerkannte und in der UNO vertretene DDR bestimmen können?

Wessen Gebietshoheit unterlag eigentlich Berlin?

„Die Gebietshoheit der Besatzungsmächte in Berlin ist seit 1945 verwurzelt in der faktischen Besetzung (occupatio bellica). Der Viermächtestatus Berlins beruht auf der Vereinbarung Großbritanniens, der UdSSR und der USA über die alliierte Verwaltung Groß Berlins als besonders Besatzungsgebiet zusätzlich zu den vier Besatzungszonen (Londoner Protokoll vom 12.9.1944 und Londoner Abkommen vom 14. Juli 1944 im Londoner Protokoll) “6

Tja, militärische Weitsicht müsst man haben

Nachdem 1944 die Londoner Abkommen unterzeichnet waren, wurde beispielsweise  den US-Militärs erst 1945 bewusst, dass Berlin ja keineswegs an die amerikanische  Besatzungszone grenzte, sondern 160 Kilometer tief in der sowjetischen Besatzungszone lag. Was nun? „Es gab für die Westmächte kein verbrieftes Recht auf freien Zugang nach Berlin.“7 Auf welcher rechtlichen Basis sollten denn nun die Westalliierten nach Berlin gelangen? Nur in Zeiten Napoleons (*1769 bis †1821) führten Verkehrskorridore anderer Mächte durch Hoheitsgebiete – aber immer in den Krieg. Folglich war mit der Viermächtebesatzung Berlins ungewollt ein 45 Jahre währender Brennpunkt des Kalten Krieges geboren.

Im Falle eines Falles hätte es Krieg gegeben

Denn die DDR war seit 14. Mai 1955 Mitglied des Warschauer Pakt8  Und dieser militärische Beistandspakt des Ostblocks unter Führung der UdSSR verpflichtete, „bei Gefahr für die Sicherheit eines Vertragspartners (Artikel 3) zu gegenseitigem Militärischen Beistand.“8 Und was bedeutete das in puncto Frontstadt Berlin und von den Westalliierten zwar militärisch genutzte, aber rechtlich ungeklärte Nutzung der Verkehrskorridore durch Hoheitsgebiet der DDR?

Angenommen, in den über vier Jahrzehnten gegenseitiger atomarer Bedrohung wäre ein zufälliges Ereignis auf einem der 169 Kilometer langen Verkehrskorridore unglücklicherweise von den Kommandeuren als militärische Provokation gedeutet worden. Was dann? „Die Sowjetunion und ihre Verbündeten hätten zurückschlagen müssen!“9

Black Saturday war die erste ernsthafte Warnung

Eurofighter Typhoon im September 2007.Quelle: Wikipedia / Kogo.

In zweieinhalb Minuten zweimal vermeintlicher Beginn des Atomkrieges? Unmöglich!

Übertrieben? Von wegen! „Der 27. Oktober 1962 gilt als Höhepunkt der Kubakrise und ging als Black Saturday, als »Schwarzer Samstag« in die Geschichte ein. Nie wieder war die Menschheit so dicht davor in den Abgrund zu stürzen – und das auch noch aus Versehen.“10 Nie wieder? Doch ,doch! „Am Abend des 25. September 1983.“11 Nachts um 0:15 Uhr. „Plötzlich leuchte in der Kommandozentrale an der Wand in großen roten blinkenden Buchstaben das Wort »Start« auf“ Alarm! Sirenengeheul. Im russischen Kommandostand. Vor 15 Sekunden wurde eine amerikanische Atomrakete gezündet! Tatsächlich? Zweieinhalb Minuten später erneut Atomalarm! Hat soeben der Atomkrieg begonnen? Weltbedrohliche Zufälle im Militärbereich. Und trotzdem geht Aufrüstung immer weiter und weiter?

Die gegenseitige Bedrohung der Supermächte

„In keiner Region der Welt standen sich die Supermächte einander näher gegenüber als in den beiden deutschen Staaten.“9

1961, vor dem Bau der Berliner Mauer, befanden sich in Friedenszeiten „auf dem Territorium der BRD 900 000 Soldaten, 190 Raketenstartrampen, 4 100 Artilleriesysteme, 7 800 Panzer und Selbstfahrlafetten sowie 1 600 Kampfflugzeuge. Die Kräfte wären in einer Spannungsperiode bzw. bei Kriegsbeginn bedeutend verstärkt worden.“9

Und wie kampfbereit war die DDR? „Auf dem Territorium der DDR befanden sich in Friedenszeiten: 570 000 Soldaten, 230 Raketenstartrampen, 6 300 Artilleriesysteme 11 300 Panzer und Selbstfahrlafetten  sowie 1 050 Kampfflugzeuge.“9

Deutschland wäre von der ersten Sekunde eine Krieges an in seiner „Gesamtheit Front gewesen.“1 Zur sowjetischen Militärstrategie gehörte ferner, „zum Schutz des eigenen Territoriums die Kampfhandlungen auf gegnerischem Gebiet zu führen.“ 12

„Das Territorium der DDR mit seiner über 1 300 Kilometer langen Staatsgrenze zur BRD, d.h. zur NATO, war der wichtigste Konzentrierungsraum für die Vereinigten Streitkräfte des Warschauer Vertrages in der Westlichen Strategischen Richtung.“9 Kann sich Otto Normalbürger überhaupt vorstellen, unter welchen Gefahrenpotential die Deutschen Jahrzehnte gelebt haben?

Aggressionspotential der Frontstadt

Doch die „Frontstadt«2 Berlin (West) hielt zusätzlich noch ein eigenständiges Agrressionspotential parat. „Das betraf das dort vorhandene militärische Potential (mit den deutschen Polizistenzählte man etwa 35 000 bis 40 000 bewaffnete Kräfte, die defacto inmitten des DDR-Territoriums stationiert waren) wie auch die dort tätigen Geheimdienste.“9 Von ihnen hatte die DDR vor dem Mauerbau „12 000 hauptberufliche Agenten und Spione in Westberlin identifiziert, die unbemerkt und unkontrolliert zu jeder Tages- und Nachtzeit den angeblich »Eisernen Vorhang« passieren konnten.“9

DDR blutete ökonomisch aus

Neben diesem Bedrohungspotential gab es noch die ökonomischen Verluste. 63 000 Grenzgänger und rund 40 000 Gelegenheitsarbeiter verursachten allein jährlich einen Verlust von 2,5 Milliarden. Hinzu kam der personelle Aderlass durch den anhaltenden Flüchtlingsstrom. Von 1949 bis 1961 wurden von westdeutscher Seite 2 686 942 Flüchtlinge regsitiert.13

Die Betriebe Ostdeutschlands beklagten 2013 den ständig zunehmenden Fachkräftemangel. Walter Ulbricht bilanzierte am 1. August 1961 den Verlust durch die Republikflucht und kam zu dem Ergebnis: „Bei der weiteren Entwicklung würden 1962 im Vergleich zu 1960 mindestens 175 000 qualifizierte Facharbeiter fehlen. Der dadurch 1961 eingetretene Produktionsausfall betrage im Vergleich zu 1960 etwa 2,5 bis 3 Milliarden DM.“2 Das freilich summierte sich aber noch weiter. „Jeder ausgebildete junge Mensch trägt im Laufe seines Lebens ungefähr drei Millionen Euro zum wirtschaftlichen Umsatz bei.“14

Bei dieser Drohkulisse keinesfalls vergessen: Den militanten Alleinvertretungsanspruch der BRD. Er machte im Kalten Krieg das Kraut so richtig fett.

Politlexikon

Quellen

1 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 5, Seite 302

2 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Deutsches Wörterbuch in 3 Bänden, Band 1 (Band 26), Mannheim 1995, Seite 1172

3 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 3, Seite 151, 133, 134.

4 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 3, Seite 148

5 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 6, Seite 433

6 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 13, Seite 522

7 F. C. Delius, Peter Lapp: Transit Westberlin, Ch. Links Verlag, Berlin 2000, Seite 81

8 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 23, Seite 601

9 Heinz Keßler, Fritz Streletz: Ohne Mauer hätte es Krieg gegeben, edition ost im Verlag das Neue Berlin, Berlin 2011, Seite 169, 132, 133, 26

10 Jens Schmitz: Am Rande der Apokalypse, in: Sächsische Zeitung, 20./21. Oktober 2012, MAGAZIN ,Seite M2

11 Heidrun Hannusch: Der Mann, der die Welt rettete, in: Sächsische Zeitung, 16. November 2012, Seite 3

12 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 23, Seite 601

13 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 5, Seite 315

14 Maik Hosunang: Die Zukunft am Ende der Welt, in: Sächsische Zeitung, 21. April 2011, Seite 9