Trickreiche Geburt der Fürsten-Raffia

Postkarte aus dem Ersten Weltkrieg: Seine Majestät König Friedrich August III. von Sachsen in seinem Arbeitszimmer. Quelle: Wikipedia/ DresdenBell

Die Justiz der Weimarer Republik: äußerst fürstenfreundlich

Die vermeintlichen sächsischen Demokraten zelebrierten – im Gegensatz zur Alpenrepublik Österreich – mit Ex-König Friedrich August III. (1865-1932), eine Art Fürsten-Raffia wider die entschädigungslose Enteignung. Der Monarch war am 13. November 1918 zurück getreten. Natürlich war in der Weimarer Republik das Eigentum durch die Verfassung und das bürgerliche Recht geschützt. Doch auch in Zweifelsfällen wurde so lange prozessiert, bis der komplett von der Monarchie übernommene Justizapparat seine Entscheidungen zugunsten der Fürsten fällte. Somit stand letztlich das Recht immer auf der Seite der abgedankten Fürsten.

Der mühsame Start der Demokratie in Sachsen

Da kommt unsereins ins Grübeln: Wurde unter diesen Voraussetzungen »staatliche Großzügigkeit« nicht zu einer Art Verschwörung gegen die junge Republik? Bewirkte die damalige  Reichsregierung mit der großzügigen Auslegung der Gesetze in Sachsen so etwas wie Königstreue, die quasi einer Teilrestauration der fürstlichen Verhältnisse gleich kam? Wurden auf diese Weise die Politiker nicht zugleich zu Hitlerföderern?  Haben die Politiker Sachsens mit der fürstenfreundlichen Zusammenarbeit nicht eventuell auch die Weichen gestellt für die spätere Umgangskultur der Wettiner mit Hitlervertrauten?

Die Restauration kapitalistischer Verhältnisse

An den Auswirkungen der Entscheidungen der damaligen Sachsenregierung scheint selbst nach 60 Jahren Bundesrepublik der Freistaat Sachsen immer noch zu kranken wie an einem Krebsgeschwür. Das zeigte sich an dem EALG-Gesetz vom 27. September 1994 der Kohl-Regierung. »Rückgabe vor Entschädigung« zielt aus Restauration kapitalistischer Verhältnisse. Plötzlich war der Rechtsfrieden im bürgerlichen Freistaat Sachsen dahin. Die Wettiner stellten ihre Forderungen. Und forderten mehr und mehr. Die ersten Kulturgüter aus dem Gedächtnis Sachsens landeten sofort auf dem Kunstmarkt. Die Sachsen kochten. Von Gier und Raubrittermoral war die Rede. Adel verpflichtet? Wozu denn? Schließlich einigte sich 2009 die sächsische Landesregierung mit den Wettinern auf eine Grundlagenvereinbarung, die bis 2012 die Rückgabeansprüche zur Wiederherstellung des Rechtsfriedens einvernehmlich regeln soll.

Alpenrepublik Österreich machte kurzen Prozess

An den deutschen Sorgen leidet die Alpenrepublik Österreich nicht. Sie hatte 1919 die Fürsten zwar kurz und schmerzlos, aber historisch gerecht entschädigungslos enteignet. Basta! Anders die Sachsen. Der als überflüssig klassifizierte Ex-Monarch (der 1914 bei rund 5 Millionen Sachsen etwa 750 000 Soldaten in den Ersten Weltkrieg schickte, von denen 210 000 fielen und 19 000 vermisst blieben) bekam 10 Jahre später – ohne die Quellen des fürstlichen Reichtums zu ergründen – eine wahrhaft fürstliche Abfindung.

Fürstenfreundliche Sächsischer Landtag

Am 9. Juli 1924 legte der Sächsischen Landtag fest, dass den Wettinern neben einer Barabfindung in Millionen Höhe, die wertvollen Schlösser Moritzburg und Sybillenort zugesprochen werden. Ferner wurden ihnen 25 526 Hektar Grundbesitz übereignet. Darunter ausgedehnte Wälder sowie Wiesen und teiche, drei Rittergüter, ein Weingut und anderes mehr. Das machte die Wettiner mit zu den größten Großgrundbesitzern in Sachsen. Hinzu kamen Jagdrechte für die Reviere Rehefeld, Altenberg und Nassau sowie die Jagd auf Auer- und Birkenwild auf dem Revier Bad Elster. Obendrein kassierte die Dynastie noch kostbare Teile der Dresdner Kunstsammlungen quasi als Geschenk.

Erst das Fressen, dann die Moral?

Dabei hatten die Wettiner unter König Anton (1755-1836) in der Verfassung des Königreiches vom 4. September 1831 unter Artikel 20, Absatz b festgelegt, dass Kunstschätze „von dem Lande unzertrennbar und unveräußerlich“ sind.

Wie artikulierte doch gleich Brecht (1898-1956) in der 1928 uraufgeführten »Dreigroschenoper« die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft? „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“.

König ohne großes Kunstverständnis

Innenansicht der Gemäldegalerie Alte Meister der Kunstsammlungen in Dresden. Im Hintergrund die Sixtinische Madonna. Quelle: Wikipedia/Hajotthu

Königliche Krönungsinsignien kurzerhand verscherbelt

Wie Max Seydewitz (1892-1987) als ehemaliger Leiter der Staatlichen Kunstsammlungen bilanzierte, befanden sich unter den verschenkten Kunstschätzen der Weltkultur 119 Bilder, Pastelle und Miniaturen der Gemäldegalerie. Erstaunlich, denn Ludwig Renn (1889-1979) – gebürtig Freiherr Vieth von Golßenau – schrieb in seinem Buch »Adel im Untergang«, dass der Ex-König Friedrich August III. (1865-1932) nicht gerade als kunstverständig galt. „Seine Vorliebe beschränkte sich auf Bilder, wo im morgendlichen Walde Hirsche röhren. Wenn man dann auch noch den Hauch des Hirsches als kleinen Nebel sah und das Tier recht viele Enden an einem Geweih hatte, so war das für den König Kunst.“  

Als Fürstenabfindung Prunkstücke aus dem Grünen Gewölbe

Der Ex-König – der 1914 bei rund 5 Millionen Sachsen etwa 750 000 Soldaten in den Ersten Weltkrieg schickte, von denen 210 000 fielen und 19 000 vermisst blieben –  kassierte vom Freistaat ferner 97 kostbare Prunkstücke aus dem Grünen Gewölbe. Darunter die Insignien der Krönung 1733 in Polen von August III. (1696-1763) und seiner Frau Maria Josepha von Österreich (1699-1757), Tochter von Kaiser Joseph I. (1678-1711). Weiterhin 479 Diamanten und Smaragde, Goldpokale, viele Juwelen aus den Brillanten-, Rubin- und Saphier-Garnituren sowie Perlenketten. Ein Collier kann eine Million Euro und mehr kosten.

338 Kostbarkeiten aus der Porzellansammlung

Aus der Porzellansammlung erhielten die Wettiner 388 Kostbarkeiten, zu denen neben großen chinesischen Vasen seltene und auf dem Kunstmarkt hoch im Kurs stehende Meißner Tierfiguren gehörten. Aus dem Historischen Museum erhielten sie 125 Präsente, darunter kostbare Prunkwaffen und wertvoll gearbeitete Harnische. Und schließlich wurde den Wettinern auch noch die Kupferstich- und Handzeichnungssammlung auf der Brühlschen Terrasse im Werte von vier Millionen Mark zugesprochen.

Unwiederbringliche Kunstschätze der Weltkultur

Mit den Kunstschätzen der Weltkultur im Wert von mehreren Millionen Mark bekam die Fürstendynastie auch die Silberkammer des Königshauses geschenkt. Darunter auch, wie Prinz Ernst Heinrich Herzog zu Sachsen formulierte, das „Vermeille Service (Tafelaufsatz August des Starken usw.)… “ Augustus Rex hatte es 1719 zur Hochzeit seines einzigen legalen Sohnes aus der Staatskasse finanziert. Das nach Ernst Heinrichs Ansicht „alte churfürstliche Silber ist nie wieder zu beschaffen.“

Mammon wichtiger als Tradition

Die Wettiner jedenfalls, die mit ihrem bürgerlichen Bandwurm-Namen aristokratischer Scheintitel wie Prinz, Herzog oder Markgraf sich so gebärden, als stünde die Familientradition der untergegangenen Fürstendynastie Wettin wer weiß wie hoch im Kurs, die strafte der Ex-König Friedrich August III. (1865-1932) – letzter sächsischer König, der am 13. November 1918 auf den Thron verzichtete – bereits 1925 europaweit lügen.

Denn am 1. April 1926 berichtete die »Sächsische Staatszeitung«, der sächsische Ex-Monarch habe am 13. Juli 1925 die polnischen Krönungsinsignen von August III. (1696-1763) und seiner Frau verkauft. Die Insignien und Ornate von der Krönung am 17. Januar 1734 hatte Ex-König Friedrich August III. im Jahr zuvor bei der Fürstenabfindung erhalten. Laut Urkunde, die sich wie die Krönungsinsignien im Warschauer Nationalmuseum befindet, verkaufte er an eine Maklerfirma in Wien „den polnischen Krönungsmantel von August III. samt 2 Kronen, 2 Reichsäpfeln und 2 Szeptern vom Königlich Sächsischen Haus.“ Dieses Zertifikat stammt übrigens vom »Verein Haus Wettin Albertinische Linie e.V.«.