Fürstliche Vergnügungen bei Tierquälerei

Eingestellte Jagd zum Dianenfest bei Bebenhausen, Ölgemälde von Johann Bapist Seele, 1813/14. Quelle: Wikipedia

Herrschaftliche Schützen saßen bequem und knallten die Tiere einfach ab

Können Sie sich so etwas vorstellen? Auf begrenztem Raum verfolgt eine herrschaftliche Jagdgesellschaft Wild als Show im Zwingerhof oder im Hof des Dresdner Residenzschosses. Im Mittelpunkt als fürstlicher Jagdherr August der Starke. Reich verziert mit Schmuckgarnituren aus Silber und Gold und besetzt mit Edelsteinen, die in seiner Schatzkammer verwahrt wurden.1

Der Jagdlust der Regenten fielen ungezählte Wildtiere zum Opfer

„Innerhalb der höfischen Vergnügungen nahmen auch in Sachsen die Jagden einen herausragenden Platz ein, die ebenfalls zu den circenses gezählt werden. Aus heutiger Sicht am schlimmsten die so genannte eingestellte Jagd. Die Herrschaftlichen Schützen sitzen saßen bequem etwa auf dem Balkon eines Jagdhauses, während die Tiere vorbeigetrieben und regelrecht abgeknallt wurden.

Den eingestellten Jagden sächsischer Potentaten fielen unter ungezählten Wildtieren auch Wisente in Massen zum Opfer. August III. erwarb sich als König von Polen den fragwürdigen Ruhm eines Schlächters von Wisenten der Bialiwieser Heide. 1752 blieben an einem einzigen Jagdtag 42 Wisente auf der Strecke. Allein 20 hatte der König erlegt.“2

Tierhetzen zum Gaudi der Herrschaften

Tierhetzen erfreuten sich im 17./18. Jahrhundert außerordentlicher Beliebtheit. Die erste urkundlich bezeugte Tierhetze in Dresden veranstaltete Kurfürst Christian II. 1609 auf dem Altmarkt. Sein Nachfolger Johann Georg I. wiederholte das Spektakulum am gleichen Ort 1617. August II. ließ am 12. Februar einen Tiger gegen einen Büffel kämpfen. Es folgten ein Wisent, zwei Bären, sechs Wildschweine und ein Hund, die gegeneinander gehetzt wurden. Für die Folgejahre sind Schaukämpfe mit Hirschen, Stieren, Löwen und anderen exotischen Tieren nachgewiesen.“2

Jagdliches Dejeuner nach der Tierschinderei

Pot-au-feu (französisch für »Topf auf dem Feuer«), ist ein klassischer Entopf der ländlichen Küche Nordfrankreichs, bestehend aus Rindfleisch und Gemüse. Quelle: Wikipedia

Barbara Gräfin de Nicolay auf Schloss Le Lude in die Kupfertöpfe geschaut

Noch heute pflegt der Hochadel in Frankreich Traditionen der fürstlichen Jagdsaison. Wie man am 7. September 2014 dank Arte bei der Dokumentation »Cuisine royale« erfahren konnte, „beispielsweise auf Schloss Le Lude  (Website) im französischen Loire-Tal.“22 Dort wird zu Beginn der Jagdsaison für zwölf Personen gekocht à la Herrgott in Frankreich. Barbara Gräfin de Nicolay führt höchst selbst Regie, wobei sie eigenhändig Kräuter pflückt, Servietten faltet und die extravagante Tischdeko arrangiert.

In der Küche gehen ihr freilich Hausdame und Koch zur Hand, wenn in Kupfertöpfen auf einem Ofen mit Holzfeuer gekocht wird, was zwar länger dauert, aber besser schmeckt. Am Ende zeigt die Speisekarte: „Zum jagdlichen Dejeuner kommt ein Pot-au-feu auf den Tisch, was ein kräftiger Rindereintopf ist. Das drei-Gänge-Menü nach erfolgreichen Schießen von Enten und Fasanen besteht aus einem raffinierten Zuchini-Brot, gebratener Ente an karamellisierten Birnen und einer Mousse au Chocolat. Der wahre Kick liegt in den Zutaten: Alles, was an Gemüse und Kräutern in die Töpfe kommt, ist in den Schlossgärten gewachsen., das Rind kommt von den Schlossweiden, und die Enten hat der Graf am Schlossteich geschossen – alles Bio, worauf die Gräfin als Passionierte Gärtnerin größten Wert legt.“22 Klar doch, dass eigene Wohl hatte bei Adels seit jeher oberste Priorität. Was sonst?     

Grausames Jagdspiel mit Füchsen

Zwei Paare hielten zwischen sich mit Abstand von mehreren Meter ein Netz und dann… Quelle: Wikipedia

1747 wurden unter August III. 414 Füchse, 281 Hasen, 39 Dachse geprellt

Anscheinend gab es keine Tierquälerei, die sich abartige Fürstenhirne nicht ausdenken konnten. „Das grausamste Spiel mit Tieren, im Zeitgeschmack ein »Mordsspaß«, war das Fuchsprellen. Zwei Paare hielten zwischen sich im Abstand von mehreren Metern ein Netz lose auf dem Boden. Lief eines der ausgesetzten und verängstigten Tiere, keineswegs allein Füchse, darauf, spannte man es blitzschnell und schleuderte das Tier in die Höhe. So oft, bis es tot war.

Unter August dem Starken wurden 1722 insgesamt 160 Füchse geprellt., 1747 unter seinem Sohn, dessen Jagdleidenschaft noch größer war, 414 Füchse, 281 Hasen und 39 Dachse.“2

Die Dynastie Wettin lebte eine Spirale der Gewalt

Über Jahrhunderte wurde die gewalttätige Gesellschaftsjagd in der Dynastie Wettin als vermeintliches Brauchtum fürstlicher Festkultur vererbt und mit repräsentativer Vergnügungssucht im so genannten »Augusteischen Zeitalter« auf die Spitze getrieben.

Der Gründer des Hauses Wettin, Markgraf Konrad I.3 (*1089 bis †1157), erwarb 1123 die Mark Meißen gewaltsam mit Unterstützung Lothars von Sachsen 4 (*1075 bis †1137) im zähen Ringen gegen die eigene Verwandtschaft, die ihn sogar etliche Jahre gefangen nahm. Nach Lothars Königswahl 1125 erhielt Konrad I. auch die reichsrechtliche Anerkennung als Markgraf5. Die fürstliche Macht nutzte er ein Vierteljahrhundert erfolgreich zur Aneignung neuer Territorien. Kraft fürstlichen Erbrechts teilte er 1156 die erworbenen (teilweise einst königlichen) Ländereien unter seinen vier Söhnen auf. Sein ältester Sohn Otto der Reiche 6 (*1125 bis †1190) erhielt die Markgrafschaft Meißen.

Sachsen wird Kurfürstentum

 267 Jahre später machte Friedrich IV./ I. der Streitbare6 (*1370 bis †1428) das Markgraftum Oberlausitz zum Aufmarschgebiet gegen die Hussiten7, um mit den Hussitenkriegen 8 (1420 – 1434) Sigismund 9 zur böhmischen Königskrone zu verhelfen. Die politischen Eliten Europas zogen im Bund mit der Kirche  –geradezu im Ausrottungswahn wie bei der Hexenverfolgung – mit Kreuzzügen wider die revolutionären Reformer. Als Dank dafür übertrug Sigismund ihm am 6. Januar 1423 das sächsische Herzogtum und die damit verbundene Kurwürde. 10 Damit war der Grundstein gelegt für das vermeintliche »Augusteische Zeitalter« und das spätere Königreich.

Laut Friedensvertrag von Posen vom 11. Dezember 1806 trat Sachsen dem Rheinbund 11 bei und „wurde Königreich von Napoleons 12 Gnaden.“13  

Quintessenz barbarischer Jagdspiele

Großer Nordischer Krieg. Gemäldezusammenschnitt im Uhrzeigersinn: Schlacht von Poltawa, von Gangut, bei Narwa, bei Gadebusch sowie Schlacht bei Storkyro. Quelle: Wikipedia

Über Generationen mangelhaften Respekt vor dem Leben praktiziert

Über Jahrhunderte pflegte die Dynastie Wettin mit gewalttätigen Jagdspielen fehlenden Respekt vor dem Leben anderer als Familientradition und fürstliches Brauchtum. Gewalttätigkeit als Regierungskultur praktizierte bereits der Gründer der Dynastie, Konrad I.3 (*1089 bis †1157) beim Wendenkreuzzug auf Geheiß des Kreuzzugspredigers.

Bauernschlächter und Lutherhasser

Nachdem  Friedrich IV./ I. der Streitbare6 (*1370 bis †1428) das Markgraftum Oberlausitz zum Aufmarschgebiet gegen die Hussiten7 gemacht und mit blutigen Kreuzzügen wider die revolutionären Reformer den Terror auch nach Sachsen geholt hatte, trat 200 Jahre später Herzog Georg der Bärtige 14 (*1471 bis †1539) an die Spitze des Kursfürstentums Sachsen. „Um 1550 lebten rund zwei Drittel der etwa 434 000 Einwohner Sachsens in Dörfern, der größte Teil von ihnen als Bauern (49,5 Prozent).“15 Mit seinem Söldnerheer zog Herzog der gewaltätige Bärtige in den Bauernkrieg und metzelte – im Ausrottungswahn wie bei der Hexenverfolgung – am 15. Mai 1525 in der Schlacht bei Frankenhausen mit den anderen Fürstenheeren die revolutionären Bauernhaufen nieder. „6 000 bis 8 000 Mann stark war das Bauernlager bei Frankenhausen gewesen. 5 000 bis 6 000 wurden erschlagen.“21 Mehr noch. „Die Fürsten nahmen Rache an den Bauern. Ganze Dörfer wurden geplündert und niedergenrannt. Überall fanden Hinrichtungen statt.“16 Gleich darauf gründete der gewalttätige Herzog „einen Bund, der sich die Ausrottung der lutherischen »Sekte« zum Ziel genommen hatte.“15

Der sächsische Judas kassiert die Oberlausitz

95 Jahre danach schlug sich 1620 der Lutheraner Johann Georg I 17 (*1585 bis †1656) im Dreißigjährigen Krieg „für das Versprechen auf die Lausitz und Schlesien“ 18 auf die Seite der Katholischen Liga und nahm auf einen Okkupationszug zunächst die Oberlausitz in Besitz und nahm dann Breslau ein. In den Augen der protestantischen Welt galt er fortan als »sächsischer Judas« „als Johann Georg I. durch den Prager Sonderfrieden seine Glaubensbrüder preisgibt und zum Lohn den Besitz der Lausitzen erhält.“19 Na und? Schließlich nutzte der passionierte Wolfsmörder „und seine Nachfolger die größere Macht, die sie sich im Ergebnis des Dreißigjährigen Krieges auf Kosten der Reichsgewalt und des Bürgertums angeeignet hatten, für ihren persönlichen Vorteil und für eine Prunk- und Prachtentfaltung, die bei weitem noch das übertraf, was auf diesem Gebiet an deutschen Fürstenhöfen in der Zeit vor dem Krieg üblich war.“20

Das verhinderte Weltreich

„Fürstliche Vergnügungssucht und Großmannsucht gipfelten im so genannten »Augusteischen Zeitalter«. „August der Starke wollte ein Weltreich von Finnland bis zur Türkei errichten. So überfiel er mit dem Dänenkönig Schweden, um die damals zu Schweden gehörenden Ostseeprovinzen zu erobern.

Dieser Krieg hat ungeheure Summen verschlungen und dem Volk viel Not und Elend gebracht. Zeitgenossen schätzten, dass Augusts polnische Königskronen und der von ihm leichtfertig entfesselte Nordische Krieg Sachsen 88 Millionen Taler, 800 Kanonen und 40 000 Mann gekostet hat.“1 Hinzu kamen noch 23 Millionen Taler an Besatzungskosten. Die Ausgaben für alle in den 70 Regierungsjahren gesammelten Kunstschätze betrugen rund 10 Millionen Taler. Demgegenüber stehen 400 bis 500 Millionen Taler, die beide Regenten für ihre Vergnügungen ausgegeben haben.

Politlexikon

Quellen

1 Ruth Seydewitz: Wenn die Madonna reden könnte, Urania Verlag, Leipzig • Jena • Berlin 1973, 5. Auflage, Seite 86, 101

2 Ernst Günther: Der Daumeneindruck Augusts des Starken, 16 königlich-sächsische Miniaturen, Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, Husum 2005, Seite 71, 70

3 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim1990, Band 12, Seite 279

4 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim1990, Band 13, Seite 544

5 Manfred Kobuch: Reichsland Pleißen und wettinische Territorien, in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 124

6 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim1988, Band 7, Seite 678

7 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim1989, Band 10, Seite 318

8 Geschichte in Übersichten, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1988, Seite 154

9 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim1993, Band 20, Seite 254

10 Siegfried Hoyer: Der meißnisch-sächsische Territorialstaat Anfang des 14. Jahrhunderts bis 1485, in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 156

11 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim1991, Band 18, Seite 354

12 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim1991, Band 15, Seite 326

13 Reiner Groß: Kurstaat und Königreich an der Schwelle zum Kapitalismus (1789 – 1830), in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 318

14 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim1989, Band 8, Seite 329

15 Siegfried Hoyer: Das Herzogtum Sachsen in der Zeit des Frühkapitalismus und der frühbürgerlichen Revolution (1485 – 1547) in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 179, 193

16 Geschichte in Übersichten Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1989, Seite 157

17 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim1990, Band 11, Seite 194

18 Karl Czok, Reiner Groß: Das Kurfürstentum, die sächsisch-polnische Union und die Staatsreform (1547 – 1789), in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 240

19 Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte, dumentiert von: Max Seydewitz: Dresden – Musen und Menschen, Buchverlag der Morgen, 5. Auflage, Berlin 1979, Seite 23

20 Max Seydewitz: Dresden – Musen und Menschen, Buchverlag der Morgen, 5. Auflage, Berlin 1979, Seite 29

21 Gerhard Brendler: Mit Morgenstern und Regenbogenfahne, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1978, Seite 38

22 Jörg Marschner: Bei Adels in der Küche, in: Sächsische Zeitung, 6./7. September 2014, Seite 12