Deutscher Kaiser als Geburtshelfer von IS?

Variante der IS-Flagge mit dem ersten Teil der Schahāda. Das Glaubensbekenntnis ist die erste der fünf Säulen des Islams. Quelle: Wikipedia

Nehmen sich Terroristen deutsche Leitkultur etwa zum Maßstab?

Ist das am 30. Juni 2014 ausgerufene arabisch-sunnitisch besiedelte »Islamische Kalifat« (Terrororganisatuion Islamischer Staat) im Irak etwa eine Neuauflage des 1924 abgeschafften Kalifats und der misslungenen Kalifatbewegung? Bekommt auf diese Weise unsereins nach fast 100 Jahren die Früchte jener giftigen Saat serviert, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts europäische Staaten gesät hatten?

Bekanntermaßen hausten damals rivalisierende europäische Nationen sowohl im Nahen Osten als auch in Asien. Charakteristisch für diese Gewalt-Periode überseeischer Expansion war zweierlei: „einerseits die geradezu hektische Gründung oder Vergrößerung überseeischer Imperien; andererseits das Vorrücken direkter Territorialherrschaft in Übersee“.1 Letztlich fielen diese europäischen Imperien auch übereinander her. Mit dem Ersten Weltkrieg2 leiteten sie zugleich den Beginn ihres unaufhaltsamen Unterganges ein.

Aufteilung des Osmanischen Reiches

Diese giftige Saat der Kolonisten3 wurde am 16. Mai 1916 mit dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen»4 der Diplomaten Sir Mark Sykes (*1879 bis †1919) aus England und Charles Marie Francois Georges-Picot (*1866 bis †1930) aus Frankreich ausgebracht. Und zwar indem die beiden Weltaufteiler „mit dicken Strichen und langem Lineal den Leichnam des Osmanischen Reiches5 unter England und Frankreich aufteilten – vom Mittelmeer bis zum Golf“.6 Somit einigten sich die beiden Weltmächte „über ihre künftigen Einflusssphären und legten damit praktisch schon die Aufteilung des Nahen Ostens nach dem Krieg fest“.7

Dass „die Grenzen auf dem Konferenztisch mitten durch geschlossene Herrschaftsbezirke und Kirchengemeinden gezogen wurden“, 29 hatten 101 Jahre zuvor die Sachsen am eigenen Leib erlebt. Am 8. Februar 1815 einigten sich die fünf Großmächte auf dem Wiener Kongress, dass das Königreich Sachsen 58 Prozent seines Landes und 42 Prozent seiner Einwohner an König Friedrich Wilhelm III. von Preußen30 (*1770 bis†1840) verliert.

Brutalität ohne gleichen

Wie bei dem Gerangel um Einflusssphären das Denken der Regierungspolitiker zunehmend ins Barbarische abglitt, demonstrierte vor aller Welt der deutsche Kaiser Wilhelm II.8 (*1859 bis †1941). Bei der Verabschiedung der Ostasientruppe am 27. Juli 1900 in Bremerhaven zur Niederschlagung des Boxeraufstandes9 erinnerte er in seiner berüchtigten »Hunnenrede« die Soldaten an das Barbarentum der Hunnen vor tausend Jahren und sagte: „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht!10 Führt eure Waffen so, dass auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen“.11

Imperialistische Kunststaaten geschaffen

„Am 8.1.1918 proklamierte Woodrow Wilson12 in einem 14-Punkteprogramm die Grundprinzipien der Nachkrigeregelung“.13 Damit war klar: „Auf den Trümmern des osmanischen Vielvölkerreichs konstituierte sich die neue Türkei13, während in dem europäischen Interessengeflecht imperialer Vereinbarungen die künftigen Konflikte bereits vorprogrammiert wurden.

Denn mit den damals entstandenen Kunststaaten imperialer Prägung wurden zahlreiche Volksgruppen im Mittleren Osten willkürlich getrennt und mit den damit verbundenen Demütigungen künstliche Spannungen erzeugt. Die ersten Kämpfe der Terrororganisation Islamischer Staat unter dem Kommando von Abū Bakr21 al-Baghdadi14 galten ebendiesen künstlich geschaffenen Grenzen unter der Flagge der Schahāda. „Die nationalstaatliche Ordnung im Mittleren Osten – entlang der von europäischen Imperien gezogenen Grenzen – befindet sich im Prozess der Auflösung“.15

Unerbittlicher Hass und Brutalität

Der unerbittliche Hass der Kämpfer Islamischer Staat auf den Gegner dürfte der damaligen Vorgabe des deutschen Kaisers durchaus gleichen. Ein Video zeigt im Internet das schier Unfassbare. „Der Mörder beugt sich über sein am Boden liegendes Opfer und schneidet ihm mit dem Messer einen roten Klumpen heraus. Triumphierend reckt er das Herz hoch – und führt es dann zum Mund, als wollte er es küssen. Dazu der Ruf: Allahu Akbar! Gott ist groß!“16

Ein religiöser Todeskult? „Das Motiv des Herzensausreißens stammt aus der Frühzeit des Islam, aus dem 7. Jahrhundert, als Hamsa, der Onkel des Propheten Mohammed17,im Krieg der Muslime gegen die heidnischen Mekkaner fiel. Eine Frau aus dem Stamm der Quraisch in Mekka riss dem toten Hamsa die Leber aus dem Leib und aß sie. Als Mohammed nach der Schlacht die Leiche seines Onkels sah, schwor er: Wenn Allah mir zum Sieg gegen die Quraisch  verhilft, will ich 30 ihrer Leichen verstümmeln“.16

Wohin geht die Reise der arabischen Staaten?

Seit 1979 mit der Islamischen Revolution im Iran und der Einführung einer schiitischen Theokratie schwelt der Schiitisch-sunnitische Konflikt. In ihn wurden 1975-1990 Libanon, seit 2004 Irak, 2004-2010 Jemen, seit 2012 Syrien und 2014 Irak verwickelt.18

„Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten zerstört die arabischen Staaten“.19 Und was folgt dann? „Wie Deutschland nach dem Dreißigjährigen und Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wird auch der künftige Orient weitgehend in konfessionell und ethnisch homogene Gebiete aufgeteilt sein“.20

Quellen

1 Klaus j. Bude: Die Welt im Zenit des Hochimperialismus, in: Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild, Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv, Lachen am Zürichsee 1990, Band: Das 1. Jahrzehnt, Seite 139

2 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 91. Auflage, Mannheim 1994, Band 24, Seite 27

3 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 91. Auflage, Mannheim 1990, Band 12, Seite 184

4 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 91. Auflage, Mannheim 1993, Band 21, Seite 515

5 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 91. Auflage, Mannheim 1993, Band 22, Seite 496, 497

6 Josef Joffe: Stell dir vor, es ist Krieg… aber keiner greift mehr ein, in: DIE ZEIT N0 26, 18. Juni 2014, Seite 1

7 Chronologie 1910 – 1919, in: Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild, Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv , Lachen am Zürichsee 1990, Band: Das 2. Jahrzehnt, Seite 83

8 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 91. Auflage, Mannheim 1994, Band 24, Seite 198

9 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 91. Auflage, Mannheim 1987, Band 3, Seite 589

10 Klaus Andreas Dietsch: Zeit der Demütigung – Asien unter kolonialer Herrschaft, in: Brockhaus. Meilensteine, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden, Geschichte, Kultur und Wissenschaft, Gütersloh 2011, Band 1: Völker, Staaten und Kulturen, Seite 279

11 Chronologie 1900 – 1909, in: Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild, Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv , Lachen am Zürichsee 1990, Band: Das 1. Jahrzehnt, Seite 20

12 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 91. Auflage, Mannheim 1994, Band 24, Seite 216
Thomas Woodrow Wilson (*1856 bis †1924) war 28. Präsident der USA.

13 Gudrun Krämer: Osmanisches Reich, in: Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild, Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv , Lachen am Zürichsee 1990, Band: Das 2. Jahrzehnt, Seite 359

14 Jan Kuhlmann: Das Gesicht des Dschihad, in: Sächsische Zeitung, 7. Juli 2014, Seite 4

15 Andrea Böhm: Eine Welt versinkt, in: DIE ZEIT N0 26, 18. Juni 2014, Seite 3

16 Evelyn Finger, Thilo Guschas, Michael Thumann: 10 Argumente für das Töten, in: DIE ZEIT N0 27, 26. Juni 2014, Seite 56

17 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 15, Seite 7

18 Islamischer Bruderstreit, in: DIE ZEIT N0 27, 26. Juni 2014, Seite 39
Sunniten: leitet sich ab vom arabischen Wort »Sunna«, Tradition. Gemeint sind die überlieferten Handlungen Mohammeds. Für die Sunniten muss der Anführer der Gläubigen (»Kalif«) sem Stamm des Propheten angehören. Er ist fehlbar.

Schiiten: abgeleitet vom arabischen »Schiat Ali«, Partei Alis. Einzig direkte verwandte Mohammeds dürfen die Schiiten Führer (»Imane«) der Gläubigen sein. Sie sind unfehlbar. Weil der Prophet keinen Sohn hatte, war sein Neffe und Schwiegersohn Ali der einzige rechtmäßige Kalif

19 Andrea Böhm: Eine Welt versinkt, in: DIE ZEIT N0 26, 18. Juni 2014, Seite 3

20 Navid Kermani: Es gibt diese Welt nicht mehr, in: DIE ZEIT N0 27, 26. Juni 2014, Seite 43

21 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 351

Nach dem Tod Mohammeds17 623 folgte Abū Bakr, der erste der vier »rechtsgeleiteten« Kalifen22, dem die Wahrung von Mohammeds Lebenswerk zu danken war.
Dagegen war Omar I.23 (*um 586 bis †644), er herrschte ab 634, der eigentliche Begründer des islamischen Großreiches, das sich über ganz Arabien, Syrien und Palästina, Mesopotamien, Iran, Ägypten und das angrenzende Nord-Afrika ausdehnte.

Misslungene Restauration

Eine Restauration des Kalifats ist bislang stets früher oder später gescheitert. Zunächst entstand im frühen 20. Jahrhundert die Khilafatbewegung24, eine an die Idee des Kalifats anknüpfende Bewegung, die die Integrität des muslimischen Raumes gegen den Zugriff christlicher Staaten verteidigen wollte.

Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches5 (1918), dessen Herrscher als Kalifen die Einheit des muslimisch-sunnitischen Raumes ideell repräsentierten, wuchs die Bewegung zeitweilig an, besonders im Britisch Indien. Dort verband sie sich mit der indischen Unabhängigkeitsbewegung von Mohandas Karamchand Gandhi25 (*1869 bis †1948), Verfechter des gewaltlosen politischen Widerstands.

Nach der Absetzung des türkischen Sultans (1922), Abd ül-Medjid II.26 (*1868 bis †1944), und der Abschaffung des Kalifatstitels (1924) durch die türkische Republik, brach die Khilafatsbewegung  zusammen.

Als sich zwei Tage später der König des Hidjas, Husain I.27 (*1853 bis †1931) zum Kalifen ausrief, blieb das ebenso eine Episode wie die restauratorischen Bestrebungen des ägyptischen Königs, Faruk I.28 (*1920 bis †1965), kurz vor seinem Sturz 1952.

22. Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 11, Seite 351

23 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 16, Seite 191

24 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 659

25 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 8, Seite 122

26 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1986, Band 1, Seite 29

27 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 10, Seite 315

28 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 7, Seite 127

29 Matthias Donath: Die diebische Elster aus Preußen, in: Sächsische Zeitung, 19. Mai 2015, Seite 7

30 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 7, Seite 677