Stand Sachen um 1830 Kopf?

Die Industrielle Revolution Deutschlands begann im Königreich Sachsen, dem damals stärksten Industriegebiet Deutschlands. Quelle: Wikipedia/Darwinek

Wie die Industrielle Revolution in Deutschland entstand

Dieter Görner

Der von Friedrich Engels (1820-1895) und Louis Auguste Blanqui2 (1881 - 1905) im frühen 19. Jahrhundert geprägte Begriff »Industrielle Revolution« zur Kennzeichnung der Phase beschleunigter technologischer, ökonomischer und sozialer Veränderungen in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts3 beschrieb ein kontinentales Phänomen.

Ursprungsland Großbritannien

„Die Industrialisierung breitete sich von Großbritannien zunächst nach West –und Mitteleuropa sowie in die USA, später nach Nord-. Süd-und Osteuropa sowie in andere europäische Siedlungskolonien aus. Dennoch spielten andere Kontinente als Rohstoffe und Lebensmittel liefernde Peripherien eine wichtige Rolle. […] Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich schließlich Deutschland und vor allem die Vereinigten Staaten zu wirtschaftlichen Weltmächten, die mit Großbritannien konkurrierten.“4

Vor 1914 gab es außerhalb der europäisch geprägten Kultur nur in Japan Industrialisierungsansätze. Eine Industrialisierungsgeschichte des 19. Jahrhunderts ist daher zwangsläufig eurozentrisch.4

Ausgangspunkt Königreich Sachsen

Ausgangspunkt der Industriellen Revolution in Deutschland war das Königreich Sachsen. Und da exakt die Textilindustrie. „Denn die Industrie hatte ihren Ursprung überall im Spinnen und Weben“.7 Wieso? „Das Spinnen ist eine alte Handwerkskunst, die schon 9 000 v. Chr. bekannt war, rund 2 000 Jahre später wurden die ersten Handspindeln gebaut. Die Technik des Spinnens und die Spindeln haben sich ganz unabhängig voneinander auf den einzelnen Kontinenten entwickelt“. 8 Aber der erste Schritt zur Mechanisierung der Herstellung von Garnen wurde um 7 000 v. Chr. getan. „Vermutlich um 1000 n. Chr. wurde in China das Spinnrad erfunden“.8 1767 erfand James Hargreaves (٭1740 bis †1778) die Spinnmaschine »Spinning Jenny«. Auch die Sagen der Oberlausitz widerspiegeln dies Entwicklung

Spinnen im Märchen

„Die große Bedeutung , die das Spinnen einst im alltäglichen hatte, kann man unter anderem daran ablesen, welche bedeutsame Rolle eine Spindel oder ein Spinnrad und das Spinnen in den Märchen spielt“. 8

„Dornröschen stach sich mit einer Spindel und fiel in den 100-jährigen Schlaf, der Goldmarie fiel ihre wertvolle Spindel beim Spinnen in den Brunnen und bei dem Versuch sie wieder zu finden, kam sie zu Frau Holle. Die arme Müllerstochter sollte aus Stroh Gold spinnen und konnte diese Aufgabe nur mit Hilfe von Rumpelstilzchen bewältigen und Wassilissa aus dem Märchen von Baba Jaga gewann mit dem wunderbar gesponnenen Flachs das Herz des Zaren“.8

Das Fabrikzeitalter

„Das Fabrikzeitalter in der sächsischen Textilindustrie begann endgültig 1799, als in Chemnitz die Kaufleute Wöhler und Lange gemeinsam mit dem aus England angeworbenen Maschinenbauer Whitfield ein großes Spinnereigebäude errichteten, in dem sie 10 englische Waterspinnmaschinen aufstellten. Ein Jahr später nahm diese erste Maschinenspinnerei in Sachsen die Produktion auf.

Fast gleichzeitig entstand in Harthau bei Chemnitz durch den aus dem Rheinland stammenden und aus Manchester kommenden Textilkaufmann Carl Friedrich Bernhard eine achtstöckige Maschinenspinnerei. Unter der Leitung des außerordentlichen befähigten englischen Spinnmeisters und Maschinenbauers Evan Evans aus Manchester wurde diese Fabrik mit 14970 Spindeln für Muletwist die größte mechanische Spinnerei und galt in ihrer Zeit als ein technisches Wunderwerk.“5

Ein Königreich industrialisiert sich rasant

Im Königreich Sachsen entwickelte sich die Wirtschaft unglaublich rasant. „Allein zwischen 1825 und 1830 entstanden 200 Textilfabriken. 8 000 Männer bauten von 1836 bis 1839 die erste deutsche Eisenbahnstrecke zwischen Dresden und Leipzig. Die Dampfschiffe auf der Elbe transportierten ab 1837 nicht mehr nur Passagiere , sondern erstmals auch Güter.“6

Aber die Politik humpelte hinterher

„Das war damals nicht anders als heute. Das Königreich sperrte sich gegen überfällige Reformen Deshalb gingen die Bürger auf die Straße. 1830 kam es in Leipzig und Dresden zu Unruhen. “6 Schließlich musste König Anton aber doch den bürgerlichen Forderungen nachgeben und einer sächsischen Verfassung zustimmen.

Doch auf dem Lande herrschten nach wie vor mittelalterliche Zustände. „Bauern hungerten, Krankheiten grassierten, Ziegen waren einer Familie mehr wert als ihre Kinder, denn sie geben keine Milch.“6 Von diesem Elend mussten sich die Bauern auch noch frei kaufen.

„Am Ende der ersten Phase der Industriellen Revolution in Sachsen, die Rudolf Forberger nach neuesten Forschungsergebnissen in das Jahr 1830 legte, folgte ein zweiter Höhepunkt der Erfindung und des Betreibens von Maschinen in der Textilbranche mit der Bobinetmaschine und ihrem fabrikmäßigen Einsatz 1829 durch den Plauener Mechaniker Wilhelm Schönherr. Das stellte ebenfalls ein Leistung von nationaler Dimension dar. Daneben kam es zur Mechanisierung der Flachsspinnerei.“5

Erinnert sich heute noch jemand an Sachsens Stärken? Nämlich an den Mut und revolutionären Erfindergeist unserer Vorfahren?

Quellen

1 Die Großen, Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Fünf Jahrtausende Weltgeschichte in Darstellungen und Dokumenten, multimediale Enzyklopädie in 24 Bänden, Coron Verlag, Lachen am Zürichsee1990, Band VIII/1, Seite 288

2 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, Mannheim 1987, Band 3 , Seite 385

3 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, Mannheim 1989, Band 10 , Seite 482

4 Uwe Müller: Industrielle Revolution und Industrialisierung, in: Meilensteine, - Geschichte Kultur und Wissenschaft, 10 multimediale Themenbände, Gütersloh 2011, Band 7: Handel und Wirtschaft, Seite 217

5 Reiner Groß: Kurstaat und Königreich an der Schwelle zum Kapitalismus, in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989

6 Peter Ufer: Unruhige Zeiten, in: Sächsische Zeitung, 19. Juni 2016, Seite 8