Tugendhaft à la Friedrich den Großen?

Der Alte Fritz begutachtet den Kartoffelanbau auf einer seiner Inspektionsreisen. Quelle: Wikipedia

Welche Eigenschaften haben Konrad Zuse erfolgreich gemacht?

Wuchs Konrad Zuse7 (*1910 bis †1995) etwa mit preußischen Tugenden auf? Haben ihn ausgerechnet diese Eigenschaften befähigt, das digitale Zeitalter mit der Erfindung des Computers zu eröffnen? Sind acht Ehrendoktortitel möglicherweise der Lohn für eine preußische Arbeitsauffassung? 2003 wurde Konrad Zuse auf Platz 15 der größten Deutschen gewählt. Welche Erfindertugenden haben ihn dorthin  navigiert? Disziplin? Fleiß? Gehorsam? Gradlinigkeit? Härte (namentlich gegen sich selbst)? Mut? Ordnungssinn? Pflichtbewusstsein? Weltoffenheit? Zielstrebigkeit? Allesamt preußische Tugenden. Zufall?

40 Jahre erwerbstätig und keinen Tag wegen Krankheit gefehlt

Konrad Zuse schreibt über sich: „Mein Vater war Preuße, preußischer Beamter im besten Sinne. Bei seinem vierzigjährigen Dienstjubiläum hatte er nicht einen einzigen Tag wegen Krankheit gefahlt.“1 Ist so ein Vater nicht „im besten Sinne“ Vorbild für Arbeitsmoral und Pflichterfüllung?

Mutter und Großmutter lebten Pflichterfüllung vor

Auch die Lebensauffassung und das Vorbild von Großmutter und Mutter prägte Zuses Charakter: „Meine Mutter war eine geborene Crohn und stammte aus Cammin. Sie war eine Nichte meines Vaters. Über ihre Kindheit hat sie nicht gern gesprochen. Aber ich weiß, dass meine Großmutter sich mit ihren beiden Töchtern, von denen eine meine Mutter war, in Berlin als Näherin hat durchschlagen müssen. Sie muss eine tapfere Frau gewesen sein. Auch von dieser Seite sind mir Sparsamkeit und Fleiß mitgegeben.“1 Jedenfalls nicht gepredigte, sondern ganz selbstverständlich vorgelebte Arbeitsmoral und Pflichterfüllung.

Was sind eigentlich preußische Tugenden?

Bildungsfreundliche Umgangskultur am preußischen Hof. Tafelrunde, Adolph von Menzel. Quelle: Wikipedia

Preußische Tugenden werden zurückgeführt auf die protestantische Weltsicht von König Wilhelm I. (*1688 bis †1740) und dessen Sohn Friedrich den Großen8 (*1712 bis †1786). Zusammengefasst sind besagte preußische Tugenden in den ersten Zeilen des Gedichts »Der alte Landmann an seinen Sohn« von Ludwig Christoph Heinrich Hölty9 (*1748 bis †1776). Das Gedicht vertonte Wolfgang Amadeus Mozart10 (* 1756 bis †1791) mit geringfügigen Abwandlungen auf die Melodie »Ein Mädchen oder Weibchen« aus der Oper »Die Zauberflöte« (1791 uraufgeführt). Dieses Lied ließ täglich das Glockenspiel der Hof- und Garnisonskirche zu Potsdam erklingen. Sein Text: „Übˈ immer Treu und Redlichkeit, / Bis an dein kühles Grab; / Und weiche keinen Finger breit  / Von Gottes Wegen ab. / Dann wirst du, wie auf grünen Aun, / Durchs Pilgerleben gehen; / Dann kannst du, sonder Furcht und Graun, / Dem Todˈ ins Auge sehen.“2

Der Lebenssinn steckt im Detail

Die Liste der preußischen Tugenden ist relativ lang:
• Aufrichtigkeit
• Bescheidenheit
• Disziplin
• Fleiß
• Gehorsam (aber mit Gesinnungsfreiheit)
• Geradlinigkeit
• Gerechtigkeitssinn ( „Suum cuique“ = Jedem das Seine, ein Grundsatz des antiken Griechenlands. Im Konzentrationslager Buchenwald stand der Spruch, nach innen gerichtet, am Haupttor3)
• Gottesfurcht (bei religiöser Toleranz; „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“4
• Härte (gegen sich mehr noch als gegen andere)
• Mut
• Ordnungssinn
• Pflichtbewusstsein
• Pünktlichkeit
• Redlichkeit
• Selbstverleugnung ohne Kadavergehorsam („Wer auf die preußische Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört.“)5
• Sparsamkeit
• Tapferkeit ohne Wehleidigkeit („Lerne leiden ohne zu klagen.“)6
• Treue
• Unbestechlichkeit
• Unterordnung (wer sich nicht unterordnen kann, kann auch nicht führen)
• Weltoffenheit
• Zurückhaltung („Mehr sein als scheinen“ anstatt Hochstapler Gert Postel)
• Zuverlässigkeit
•Zielstrebigkeit

Der Erfinder des Computers machte sich – von Kindheit an! – preußische Tugenden zu Eigen. Konrad Zuse war allerdings ein Preuße eher im Sinne von Immanuel Kant, von Theodor Fontane oder von Wilhelm von Humboldt. Doch sind Arbeitstugenden des 18. Jahrhunderts ausreihend für einen innovativen Schwung der 1960 begonnenen 3. Industriellen Revolution? Benötigen wir nicht darüber hinaus in einer Zeit, in der die Zusammenhänge zwischen Technik, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft immer komplexer werden, Erfindertugenden als Schlüsselqualifikationen, die der Wettbewerbsfähigkeit bei der vorherrschenden Globalisierungsdynamik ebenbürtige Basisinnovationen zu bieten haben?

Quellen

1 Konrad Zuse: Der Computer – mein Lebenswerk, in: Hoyerswerda – Geschichte und Geschichten aus Dörfern und Städten, Geiger-Verlag, Horb am Neckar 1992, Seite 207

2 Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Sämtliche Werke, Band 1, Weimar 1914, Seite 197-200.

3 Frank Brunssen: „Jedem das Seine“ – zur Aufarbeitung des lexikalischen NS-Erbes, in: Bundeszentrale für politische Bildung, Sprache und Politik, 15.10.2010,

4 Friedrich der Große (* 1712 bis †1786) schrieb am Rand einer Eingabe: „Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der anderen abrug Tuhe, den hier Mus ein jeder nach seiner Fasson Selich werden.“ Georg Büchmann: Geflügelte Worte

5 Walter Flex: Preußischer Fahneneid, (1915) in: Ders. Gesammelte Werke, Band 1, Seite 73-74, Zitat Seite 74; auch als Grabschrift von Flex auf Ösel

6 Dieser Ausspruch wird Kaiser Friedrich III. (*1831 bis †1888) zugeschrieben. Er soll seinem Sohn Wilhelm I. (*1859 bis †1941) gesagt haben: Lerne leiden ohne zu klagen, das ist das Einzige, was ich dich lehren kann.“

7 Heinrich W. Franke: Konrad Zuse, in: Die Großen – Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band XI/1, Seite 124

8 Otto Bardong: Friedrich der Große, in: Die Großen – Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band VI/2, Seite 526

9 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 10, Seite 197

10 Klaus Matthias: Wolfgang Amadeus Mozart, in: Die Großen – Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band VII/1, Seite 74