Wüste Barbarei der Fürsten

Hoch dekoriert: König Friedrich August III., der 1918 abdankte. Quelle. Wikipedia

Königlicher Luxus auch nach der Abdankung in Sachsen

„Viele Jäger von heute bezeichnen die Treibjagden der Fürsten als eine wüste Barbarei“, schreibt 1969 Ludwig Renn (*1889 bis †1979) in seinem Roman »Adel im Untergang« über eine Episode im Königreich Sachsen. Diese gesellschaftliche Zerfallserscheinung des frühen Spätkapitalismus bestätigte König Friedrich August III. (*1865 bis †1932) nach seiner Abdankung 1918 mit seinem Lebensstil im Schloss Sibyllenort.

Bittere Not im Nachkriegs-Sachsen

Sein Biograph Josef Weiszt dokumentiert: „Seine Freude an der Jagd – von jeher im Hause Wettin erblich“, 1 konnte er im Jagdschloss voll ausleben. Die Bevölkerung im Nachkriegs-Sachsen litt indessen bittere Not. „Im Dezember 1918 wurden in Chemnitz 50,89 Prozent der Kinder für blutarm erachtet, 6,3 Prozent für tuberkulös und 17,9 Prozent für ungenügend ernährt.“2 Selbst Mitte 1920 war kein Ende der Not abzusehen. „Trotz Lohnerhöhungen lagen die Reallöhne unter dem Vorgriegsniveau.“3

Jagdluxus im Schloss Sibyllenort

„Schloss Sibyllenort wurde von König Friedrich August III. nach Abschluss des Ausgleichvertrages mit dem Freistaat Sachsen im Jahre 1924 und der damit verbundenen Sicherstellung des Vermögens der Albertinischen Wettiner umgestaltet und erhielt eine kostbare Innenausstattung.“3

Wie es da zuging? „Die hinterlassene Sammlung von Jagdtrophäen aus den verschiedensten Ländern und Erdteilen ist eine der reichhaltigsten und wertvollsten in Deutschland.“4 Und was noch? „In den Korridoren und Gängen hingen die Zeugen der Jagderfolge des königlichen Weidmannes und seiner Vorgänger.“5 Aber damit nicht genug. „Die breiten und weitausgereiften Seitenflügel des Schlosses umfassten neben Wohnungen für die Schlossbediensteten die Reithalle und den seit dem Aufenthalt des Königs reich besetzten Marstall, in dem sich die Leibpferde des Monarchen, der ja ein passionierter Jäger war, befanden.“5

Novemberjagd des abgedankten Monarchen

Schloss Sibyllenort um 1860, Sammlung Alexander Duncker. Quelle: Wikipedia/Theodor Blatterbauer

Rund 2680 Wildtiere bezahlten die königliche Jagdlust mit dem Leben

Den Verlauf der Treibjagd von Friedrich August III. schildert sein jüngster Sohn Ernst Heinrich (*1886 bis †1971) in dem 1970 erschienen Werk »Mein Jagdbuch«:

 „Mein Vater wohnte nach seiner Abdankung bis zu seinem Tode 1932 in seinem Schloss Sibyllenort und hatte als passionierter Jäger dort eine ideale Jagdgelegenheit. Er brauchte nur aus seinem Schloss herauszutreten und schon befand er sich mitten in seiner Jagd. War die Jagdzeit gekommen, lud man die guten Freunde und näheren Nachbarn ein.

Der Tag begann mit einem gemeinsamen Frühstück

Der Tag hatte einen bestimmten Ritus, der immer eingehalten wurde. Man kam am Morgen im Schloss bzw. im Herrenhaus zum ersten Frühstück zusammen, das gemeinsam, wie man so schön sagt, »auf breitester Basis« eingenommen wurde. Dazu gehörten Kaffee, Tee, Kakao, Spiegeleier, Speck, Schinken, Wurst und verschiedene Kuchen. Dann ging es zur Jagd und während dieser wurde im Freien ein jagdmäßiges Frühstück eingenommen, meist Erbsen- oder Kartoffelsuppe mit Wurst und Grog.

Nach der Jagd ruhte man sich etwas aus. Dann zog man den schwarzen oder grünen Jagdfrack an und es gab Diner mit den Damen. In Sibyllenort verliefen die Jagdtage natürlich ähnlich, denn mein Vater passte sich den Sitten des Landes an. Die Jagden fanden im November statt.“6

Das Resümee der königlichen Treibjagd

„Schon zur Zeit König Alberts wurden bei einer solchen Treibjagd ungefähr 2 000 Fasanenhähne, einige hundert Fasanenhennen, 500 Kaninchen, 120 Hasen, einige Schnepfen, und 60 Rehe erlegt. Ähnlich war auch das Ergebnis der Treibjagden König Friedrich Augusts III.“3

Politlexikon

Quintessenz fürstlicher Barbarei

Fabrice-Mausoleum an der Stauffenbergallee in Dresden-Albertsstadt. Quelle Wikipedia/ Kolossos

Den Massenexekutionen bei der Jagd folgten Massenhinrichtungen in Paris

Wer massive Gewalt gegenüber dem Wildtieren über Generationen als höfisches Brauchtum kultiviert, der findet es letztendlich selbstverständlich, auch die andersdenkenden Untertanen wie Vieh zu massakrieren. Demokratie? Freiheit? Dafür war in einer Monarchie kein Platz.

Das militante Königreich Sachsen hatte bereits 1849 den Dresdner Maiaufstand7 bestialisch niedergeschlagen.

Über 100 Barrikaden in der Altstadt Dresden

„In der Oberlausitz erfasste die Bewegung vor allem die großen Weberdörfer um Zittau und die Klosterherrschaft Marienstern (Historie) bei Kamenz, wo deutsche und sorbische Bauern und Häusler gemeinsam die Privilegien des Stiftes angriffen.“7 In der Dresdner Altstadt wurden in wenigen Stunden über 100 Barrikaden errichtet. „Hervorragende Künstler wie Gottfried Semper, Richard Wagner, der Musikdirektor August Röckel, und die berühmte Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient standen offen auf der Seite der Aufständischen.“7

Folterungen in der Frauenkirche

Das Militär führte den Kampf mit äußerster Brutalität. „Besonders schlimm war es in der Frauenkirche, wo das Gotteshaus zur Folterhöhle für die Gefangenen wurde, die für die demokratischen  Rechte der Bürger gekämpft hatten.“8 Tagelang hörte man die Schreie der Gefolterten, andere wurden abgeschlachtet wie das Wild bei der fürstlichen Treibjagd. „Wer von den Aufständischen verwundet in Feindeshand geriet, wurde zumeist niedergemacht, darunter alle Insassen eines Lazaretts. Ermordet wurden auch zahlreiche Gefangene. Viele verröchelten, aus den Fenstern gestürzt, mit zerschlagenen Gliedern auf den Straßen. An die 50 Gefangene wurden beim Abtransport über die Elbbrücke gestoßen und, wenn sie nicht gleich ertranken, abgeknallt.“9

Trotz blutiger Niederlage prognostizierten Karl Marx10 (*1818 bis †1883) und Friedrich Engels 11 (*1820 bis †1895): „Ganz Deutschland wird zu einer einigen, unteilbaren Republik erklärt.“12

Wettiner machten auch der Pariser Kommune den Garaus

22 Jahre nach dem »blutigen Maiaufstand« in Dresden und 56 Jahre nachdem das Königreich Sachsen 1815 mit dem Beschluss vom Wiener Kongress13 die Hälfte seiner Staatsgebietes verloren hatte und in die politische Bedeutungslosigkeit gestürzt war, wurde der 43-jährige Kronprinz Albert14 (*1828 bis †1902) Mitinitiator der blutigen Grausamkeiten beim Massaker an der Pariser Kommune.15

Der Wettiner „kommandierte als Armeebefehlshaber einen Teil des Belagerungsringes von Paris und befürwortete eifrig die Beschießung der französischen Hauptstadt durch schwere Belagerungsgeschütze.“16 Bei dem 8 Tage langen mörderischen Beschuss der Kommunarden attestierte der sächsische Kriegsminister Generals Alfred von Fabrice16 (*1818 bis †1891). Die Erinnerungskultur an ihn pflegten die Wettiner mit einem Mausoleum.

Mit Halali zur Hatz auf die Kommunarden

„Nach ihrem Sieg über die Pariser Kommune am 28. 5.1871 ging die Konterrevolution mit großer Grausamkeit gegen die Kommunarden vor. Etwa 30 000 Menschen wurden ermordet. Über 40 000 Kommunarden wurden eingekerkert und zur Zwangsarbeit verurteilt […]. Allein über 7 500 wurden in die algerische Wüste deportiert. Die meisten der Überlebenden starben an den Entbehrungen.“17

Nix da mit Nächstenliebe für Andersdenkende à la Jesu Christus. Die politische Führungselite Europas wütetet wie vom Ausrottungswahn der Hexenverfolgung befallen.

Obwohl nach so viel Grausamkeit und Menschenverachtung ein Sieg nahezu aussichtslos schien, sagte Karl Marx zuversichtlich voraus, dass eine neue Gesellschaft unumstößlich folgen wird. „Sie kann nicht niedergestampft werden durch noch so viel Blutvergießen. Um sie niederzustampfen, müssten die Regierungen vor allem die Zwingherrschaft des Kapitals über die Arbeit niederstampfen – also die Bedingungen ihres eigenen Schmarotzerdaseins.“20

Gelangte Papst Franziskus mit seinem Resümee „Diese Wirtschaft tötet“ auf seine Art nicht zu einem ähnlichen Schluss? Hält sich nicht auch der Dalei Lama für einen Marxisten? Und zeigen die Konflikte an allen Ecken und Enden der Welt im Spätkapitalismus etwa nicht, dass die Völker an dieser Problemlösung arbeiten?

Quellen

1 Franz Josef Weiszt: Das war unser König Friedrich August, Dresden 1933, dokumentiert von: Albert von Sachsen: Die Albertinischen Wettiner, Geschichte des Sächsischen Königshauses 1763-1932, St. Otto-Verlag, Bamberg 1989, Seite 364

2 Roland Zeise, Bernd Rüdiger: Während des ersten Weltkrieges, in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 426

3 Albert von Sachsen: Die Albertinischen Wettiner, Geschichte des Sächsischen Königshauses 1763-1932, St. Otto-Verlag, Bamberg 1989, Seite 364, 366

4 Franz Weiszt: Das war unser König Friedrich August, Dresden 1933, dokumentiert von: Albert von Sachsen: Die Albertinischen Wettiner, Geschichte des Sächsischen Königshauses 1763-1932, St. Otto-Verlag, Bamberg 1989, Seite 364

5 Friedrich Kracke: König Friedrich August III., Sachsens volkstümlicher König, München 1964, dokumentiert von: Albert von Sachsen: Die Albertinischen Wettiner, Geschichte des Sächsischen Königshauses 1763-1932, St. Otto-Verlag, Bamberg 1989, Seite 364, 365

6 Ernst Heinrich von Sachsen: Mein Jagdbuch, dokumentiert von: Albert von Sachsen: Die Albertinischen Wettiner, Geschichte des Sächsischen Königshauses 1763-1932, St. Otto-Verlag, Bamberg 1989, Seite 365, 366

7 Roland Zeise: Die bürgerlich-demokratische Revolution 1848/49, in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 356, 357, 362

8 Ruth und Max Seydewitz: der verschenkte Herkules, Buchverlag Der Morgen, Berlin 1972, Seite 95

9 Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution 1848/49, Berlin 1973, Seite 289

10. Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 14, Seite 260

11. Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 6, Seite 383

12 Karl Marx, Friedrich Engels: Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland, in: Werke, 43 Bände (in 45 Büchern), Dietz Verlag, Berlin 1959, Band 5, Seite 3

13 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 24, Seite 175

14 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1986, Band 1, Seite 316

15 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 12, Seite 210

16 Roland Zeise, Bernd Rüdiger: Bundesstaat im Deutschen Reich, in Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 381

17 Geschichte in Übersichten, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1988, Seite 263

18 Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, 43 Bände (in 45 Büchern), Dietz Verlag, Berlin 1962, Band 17, Seite 362