Lebenswerte Stadt

Eine gepflegte Grünanlage wie hier die Rhododendron- Gruppe in der französischen Stadt Nancy bietet auch Lebensqualität. Quelle: Wikipedia/Magnus Manske.

Wie entsteht sie? Was sind ihre Maßstäbe? Welche Rolle spielt dabei die Bürgerschaft? Wer sind Verbündete?

Sind wir überhaupt mental darauf vorbereitet? Auf eine der größten Herausforderungen seit den Städtegründungen im Mittelalter? Damals eine Jahrtausendinnovation für Jahrhunderte kommunale Entwicklung. Und heute? Die Feuertaufe nennt sich: Stadtentwicklung unter dem Doppeltrend von Vergreisung und Schrumpfung der Bevölkerung.

Eine Region der alten Leute?

Vergreisung: Mobilität mit Rollator? Bis 2030 verliert die Oberlausitz etwa 36 Prozent ihrer arbeitsfähigen Bevölkerung9 „In Zukunft werden der Lausitz die Kinder und Enkel all jener fehlen, die seit 1990 der Arbeit und höheren Löhnen nachgezogen sind.“10 „Der Altersdurchschnitt in der Region ist seit 1990 um mehr als neun Jahre gestiegen.“11 In Hoyerswerda liegt die Zahl noch höher. „Experten warnen vor einem Pflegenotstand.“11

Tschüss, Oberlausitz!

Schrumpfung: Illusionär ist bei diesem Bevölkerungsrückgang die Vorstellung, dass die heutige Siedlungsstruktur eine Zukunft hat. Bis 2030 schrumpft die hiesige Bevölkerung um 22 Prozent10 „Seit dem Jahr 2000 verlassen jedes Jahr allein 1 000 junge Leute im Alter zwischen 18 und 20 Jahren die Region.“12 Bereits 2013 war Schönbach der Ort, „mit dem prozentual gesehen höchsten Leerstand an Wohngebäuden in Sachsen.“13

Stadtentwicklung ist folglich ein Projekt, das zugleich Zukunftsaussichten und Nachhaltigkeit bieten soll für nachfolgende Generationen im Sinne der 1992 beschlossenen Agenda 21 der UNO. Obendrein realisiert im Doppeltrend von Vergreisung und Schrumpfung der Einwohnerschaft. Ist das etwa keine Herausforderung wie zur Zeit der Städtegründungen in der Oberlausitz?

Das Gespenst in den Rathäusern

Hinzu kommt: Ein Gespenst geht um in den Rathäusern, das Gespenst der Pleite. Aber die Umlage, die die Kommunen an den Landkreis abführen müssen, steigt und steigt. Dabei fehlten im Mai 2013 bundesweit ohnehin den Kommunen Investitionen in Höhe von 128 Milliarden Euro. Neben dem Rückstand bei Schulsanierung und Kinderbetreuung war die Verkehrsinfrastruktur schon 2013 die größte Baustelle.1Längst kämpfen auch die Städte der Oberlausitz ums Überleben. Sachsens Rechnungshof räumte 2013 ein, „dass den Kommunen für eine zusätzliche Zukkunftsvorsorge kaum Spielräume bleiben.“14 Doch die 28 Städte der Oberlausitz wollen nicht so enden, wie das inzwischen verödete Detroit, einst pulsierende Hochburg der amerikanischen Automobilindustrie.

Und unter derartigen Bedingungen »Zukunft erfinden«?

Klar, was denn sonst?  Schreckt etwa Papst Franziskus zurück, die 2000 Jahre eingefahrene Institution katholische Weltkirche zeitgemäß auf Vordermann zu bringen? Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Bei der Stadtentwicklung halten wir es mit Humor wie der Däne Søren Kiergegaaard15 (*1813 bis †1855): „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“16

 

Was ist Stadtgespräch?

Refugien zur Besinnung bieten Platanen im Fritz-Enke-Volkspark in Köln. Quelle: Wikipedia/Willy Horsch

Was also erzählen sich die Leute über unsere Stadt?

Wie scherzte doch gleich Alfred Döblin17 (*1878 bis †1957)? „Das Leben wird immer reicher, je wackliger man wird.“18

Und was macht diesen Reichtum aus? Die ortstypysche Das könnte durchaus zukunftsentscheidend sein. „Denn in den Städten und Regionen wird die Zukunft Deutschlands gemacht.“ 2 Worauf es dabei ankommt? „Auf vernetztes Denken und langfristige Kooperationen.“2 Strategisches Denken ist gefragt. Namentlich im Zeitalter der Globalisierung.

„Was ist heute eine lebenswerte Stadt? Wie entsteht sie? Was sind ihre Maßstäbe? Und wie erfüllt sie die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Menschen? Gibt es so etwas wie eine friedliche Koexistenz der unterschiedlichen Ansprüche?“3

„Heimat ist Erinnerung, ist Gedächtnis. Also Geschichte.“4 Derzeitiges Engagement wird Lebenswirklichkeit und damit Stadtgeschichte. Die aber entscheidet maßgeblich mit über Abwanderung. An welche konkreten Erfahrungen mit der Stadt erinnern sich die Bewohner am liebsten?

Wie beurteilt man eine Stadt?

Verspricht eine Kuh im Straßenverkehr wie hier in der indischen 8-Millionen-Stadt Bangalores auch Lebensqualität? Quelle: Wikipedia

Kann es ein objektives Urteil über eine Stadt geben?

„Nein, ebenso wenig wie über einen Roman oder eine Partei. Wir gehen mit Vorurteilen an Städte und Regionen heran, wir erleben einen winzigen Ausschnitt aus deren sozialer und kultureller Wirklichkeit. Wir kommen mit einer ebenso kleinen Auswahl ihrer Bewohner in persönlichen Kontakt, und wir lassen uns in unterschiedlich starker Weise auf die Lebenswirklichkeit ein.“ 5 Städtische Lebensqualität ergibt hiesige Lebenswirklichkeit. Aber wie fühlt die sich an?

Fragen an die Lebensqualität

Was ist an unsere Stadt lebenswert? Welche Maßstäbe setzt die Stadt für das Zusammenleben ihrer Bewohner? Wie hilft sie Zugezogene beim Einleben?

Welche Maßstäbe setzt die Stadt für die Qualität ihrer Gastronomie? Wie weltoffen und herzlich empfängt sie ihre Besucher? Wie bringt sie Touristen nahe, wodurch sich ihre Stadtgeschichte von den anderen Städten unterscheidet?

Wie sorgt die Oberlausitz für ihre Kinder?

„Warum gibt es nicht in jeder Stadt eine Schule, deren Architektur man ausländischen Besuchern stolz vorführen kann? Und eine feine Kantine, in der man sie danach gerne beköstigen würde? Warum muss man die Klassenräume suchen, die so schön sind, dass Kinder am liebsten den ganzen Tag dort verbringen würden? Wieso hat nicht längst jede Schule moderne Labors, in denen die Ideen für morgen entstehen können.“19

Welche Zukunftskompetenzen vermittelt die Stadt ihren Schülern?

Mit welchen Netzwerken der Stadt und des Umlandes erschließt sie effizient Bildungsressourcen? Beispielsweise mit Schulgärten, wie vor 300 Jahren der evangelische Theologe und Pädagoge August Hermann Francke (*1633 bis †1727). Mit den Bildungseinrichtungen seiner Franckeschen Stiftungen nutzte er den Schulgarten als Lernort für Fächer wie Deutsch (Beschreibung), Mathematik (Berechnungen) und Kunst (Zeichnen). 1727 zählte die Stiftung etwa 2 300 Schüler.5 Heutige Städte pflegen zudem Permakultur wie die essbare Stadtan Andernach. 

Die Sinnesfreuden der Stadt

Die Einkehr in traditionellen Biergarten am Hofbräukeller in München vereint Sinnesfreuden mit Stadtspezifischem. Quelle: Wikipedia/Henning Schlottmann

Wie wahrt die Stadt ihre regionalen Besonderheiten?

Wie pflegt sie im Zeitalter amerikanischer Supermärkte den eigentümlichen Mix traditioneller europäischer Stadtkultur aus Wohnen, Handel, Arbeit und Kultur? Wie zukunftsorientiert fördert sie – gerade im Zeitalter der Globalisierung – regionale Identität? Wie unterhaltsam pflegt sie Kultur und Tradition?

Welche Rolle spielen die Wochenmärkte für regionale Wirtschaftskreisläufe? Welche Sinnesfreuden bereitet die Stadt mit regionaltypischen Erzeugnissen? Bautzen beispielsweise veranstaltet Senfwochen mit lukullischen Kreationen der Gastronomen. 25 Landwirte haben sich zur Erzeugergemeinschaft Oberlausitzer Senfsaat zusammengeschlossen. Schließlich hat die die Senffabrik in Kleinwelka einen Jahresbedarf von 3 000 Tonnen Senfkörnern.6

Städtisches Umweltbewusstsein ist gefragt

Wie innovativ betreibt die Stadt nachhaltige Umwelt- und Energiepolitik? Die Energiewende gilt als preistreibend. Bereits 2013 kostete die großzügige Vergütung der Ökostromlieferanten die Stromzahler 20 Milliarden Euro.7 Am 15. Oktober 2012 erhielt die Konrad-Zuse-Stadt Hoyerswerda das europäische Gütezertifikat European Energy Award für ihre nachhaltige Energie-und Klimaschutzpolitik.8 Ganz Sachsen konnte damals gerade mal 11 Ausgezeichnete vor weisen. Aber allein die Oberlausitz zählt 27 weitere Städte. Was machen denn die anders?

Politlexikon

Quellen

1 Kommunen fehlen 128 Milliarden Euro, in: Sächsische Zeitung, 24. Mai 2013, Seite 2

2 Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, in: DIE ZEIT N0 20, 12. Mai 2010, Seite 8

3 Architekt Peter Kulka: Keine Angst vor der Moderne, in: Sächsische Zeitung, 28. November 2012, Seite 5

4 Schriftsteller Uwe Tellkamp: Heimat hat ihre Tücken, in Sächsische Zeitung, 5. Oktober 2012, Seite 5

5 Wolfgang Donsbach: Die beste Therapie: mehr Ausländer, in: Sächsische Zeitung, 18. Januar 2013, Seite 5

5 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 7, Seite 502, 503

6 Nicole Preuss: Wo wächst der Bautz`ner Senf?, in: Sächsische Zeitung, 21. Oktober 2013, Seite 18

7 Thilo Boss: Droht uns ein Blackout? In: SUPERillu No 41/2013, Seite 39

8 Energieauszeichnung für Hoyerswerda, in: Hoyerswerdaer Tageblatt, 17. Oktober 2012, Seite 13

9 Die Lausitz schrumpft bis 2030, in: Sächsische Zeitung, 22. Oktober 2013, Seite 1

10 Tilo Berger: Der Lausitz fehlen die Kinder der Weggezogenen, in: Sächsische Zeitung, 22. Oktober 2013, Seite 20

11 Jana Ulbrich: Im Kreis Bautzen droht der Pflegenotstand, in: Sächsische Zeitung, 7. Oktober 2013, Seite 1

12 Irmela Hennig: Die Oberlausitz verliert jedes Jahr 1000 Jugendliche, in: Sächsische Zeitung, 10. Oktober 2013, Seite 21

13 Matthias Klaus: Verliebt in Sachsens leerstes Dorf, in: Sächsische Zeitung, 16. Oktober 2013, Seite 6

14 Sächsische Zeitung, 13. Dezember 2013, Seite 1

15 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 670

16 Sächsische Zeitung, 17. Januar 2014, Seite 15

17 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19.Auflage, Mannheim 1988, Band 5, Seite 572

18 Alfred Döblin: Male, Mühle, male, in: Die Vertreibung der Gespenster. Autobiografische Schriften. Betrachtungen zur Zeit. Aufsätze zu Kunst und Literatur, Berlin 1968, 1,Seite 312

19 Petra Pinzler: Einstürzende Schulbauten, Wie kaputt sind Deutschlands Schulen? In: DIE ZEIT N0 12, 19. März 2015, Seite 25