Markgraftum Oberlausitz

739 Jahre quasi eine Ständerepublik seit dem Frühmittelalter

Mark Meißen • Historie: Sachsen1485 - 1694

Das Markgraftum Oberlausitz (ca. 1076 bis 1815) war ein eigenständiges Nebenland der Böhmischen Krone mit einer Besonderheit innerhalb des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Auf Grund verschiedener Ursachen war hier keine eigene Herrschaftsdynastie entstanden. So gelangte die Oberlausitz im Laufe der Zeit ganz oder teilweise immer wieder an verschieden Fürsten. So an die Markgrafen von Brandenburg und Meißen, an die Kürfürsten von Sachsen oder an den böhmischen König, ohne dass das Gebiet damit in das jeweilige Land eingegliedert wurde. Daraus ergab sich eine weitere Besonderheit insofern, dass es einen Markgrafen der Oberlausitz im eigentlichen Sinne nicht gab. Die Geschicke des Landes wurden durch den Landvogt und durch zwei Stände auf den Landtagen des Markgraftum gelenkt. Den einen Stand bildete der Landadel (Lehnsadel) und die Prälaten (Vertreter der Zisterzienserklöster St. Marienstern und St. Marienthal als namhafte Grundherren). Den anderen Stand bildeten die großen Städte (Oberlausitzer Sechsstädtebund).

Das Markgraftum Oberlausitz wurde ab 1076 von Herzog Vratislav II. (*1035 bis †1092) erstmals böhmisch regiert. Bereits Ende des 12. Jh. war das Land als Reichslehen an die Krone Böhmen gelangt und – mit einigen Unterbrechungen – ab 1526 dann dauerhaft bei Böhmen verblieben. Es stellte somit ein Nebenland der Krone Böhmens dar. Und es ist prägender Teil der abwechslungsreichen Geschichte der Oberlausitz.

Stolz auf die Region

1835 hat sich das Königreich Sachsen unter der Regentschaft des Hauses Wettin das Markgraftum Oberlausitz einverleibt. Dieser Verlust der Eigenständigkeit traf die Region in Mark und Bein. Denn bereits 1620 – als wegen einer Verpfändung Kurfürst Johann Georg I. (*1585 bis †1656) die Oberlausitz besetzte und die Stände politisch drangsalierte – hatten die stolzen Oberlausitzer unliebsame Bekanntschaft mit dem Haus Wettin gemacht. Mit dem vom Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) diktierten Prager Frieden vom 30. Mai 1635 gelangte das Markgraftum Oberlausitz endgültig in den kurfürstlichen Besitz der Wettiner, wobei die Lehnoberhoheit bei Böhmen verblieb. Kursachsen kämpfte fortan gegen Schweden, das sich dafür an der sächsischen Bevölkerung mehrfach blutig rächte. Mit der 1815 erfolgten Landesteilung Sachsens geriet der nördliche und östliche Teil der Oberlausitz an Preußen. Dennoch fühlten sich die Bewohner nach wie vor mit der Oberlausitz fest verbunden. Doch mit der Einverleibung in das Königreich Sachsen 1835 verlor die Oberlausitz auch ihre eigene Verfassung, die sie 1534 dem böhmischen König Ferdinand I. (*1503 bis †1564) abgetrotzt hatte. Für die Oberlausitzer begann eine neue Verfassundtradition.

Traditionsreiches Siedlungsgebiet der Sorben

Das Markgraftum Oberlausitz gilt als Kernland des altsorbischen Siedlungsgebietes an der Ostgrenze des Ostfrankenreiches. Darauf deuten noch heute zahlreiche sorbische Ortsnamen hin. Die Sorben zählen zur westslawischen Bevölkerung der Lausitz, deren Vorfahren in der zweiten Etappe der Völkerwanderung (4. bis 6. Jh.) ihre Siedlungsgebiete nördlich des Karpatenbogens und östlich der Weichsel aufgaben. Der Stamm der Milzener ließ sich im fruchtbaren Gebiet Oberlausitzer Gefilde zwischen dem heutigen Kamenz und Löbau nieder. Sie besiedelte damit erstmals dauerhaft den einstigen Urwald in der heutigen Oberlausitz. So entstand das westslawische Siedlungsgebiet mit der westslawischen Bauernkultur. Sie schuf die Grundlagen für die heutige Kulturlandschaft.

Von den unruhigen Zeiten, die für die etwa 300 sorbischen Dörfern in der Oberlausitz im 10. Jh. mit der deutschen Landnahme im Altsorbengebiet begann, zeugen die Fliehburgen und Wallanlagen. Dazu zählen die vor 1000 Jahren errichtete »Ostroer Schanze« in Panschwitz-Kuckau – dem Standort der Pilgerstätte Kloster St. Marienstern an der länderübergreifenden Via Sacra im östlichsten Dreiländereck Deutschlands – sowie die Slawenburg Raddusch mit dem Museum für Archäologie der Lausitz.

Die Burgen und die damit verbundenen Burgbezirke spielen in der Regionalgeschichte der Oberlausitz sowie in der europäischen Geschichte eine maßgebliche Rolle. Aus den mittelalterlichen Burgbezirken entwickelte der Lehnsadel systematisch Grundherrschaften, die als befestigte Verwaltungszentren schließlich zur »Herrschaft als Amt« wurden.

Räuber und Schmugglerbanden

Aus der Grenze zwischen der Oberlausitz und Böhmen wurde die Landesgrenze zwischen Böhmen und Sachsen. Doch damals nahm man es mit dem Grenzverlauf nicht so genau. So entwickelten sich Grundherrschaften über die Grenzlinie hinweg. Dabei entstanden böhmische Enklaven inmitten der nunmehr sächsischen Oberlausitz. Diese unübersichtlichen Grenz- und Territorialverhältnisse waren zwar für Räuber- und Schmugglerbanden ein gefundenes Fressen, erschwerten aber die Lebensumstände der Grenzbewohner (wie heute?) erheblich. Erst Napoleon (*1769 bis †1821) brachte Bewegung in diese Angelegenheit, indem er die Abtretung der Enklavengebiete an das Königreich Sachsen forderte.

Schirgiswalde profitierte allerdings ab 1798 von den politischen Wirren jener Zeit. Auch als Österreich sich 1809 weigerte, den Ort an Sachsen zu übergeben, aber dennoch die Hoheitsrechte nicht wahr nahm. Somit schwebte Schiergiswalde 36 Jahre in einer Art Interregnum, obwohl die Stadt zum Domstift Bautzen gehörte. Wie dem auch sei, der Ort in »nirgendwo« war daher für Jahrzehnte zollfrei und bezog riesige Warenmengen, die unverzollt nach Böhmen oder Sachsen geschmuggelt wurden. Das Schmugglerparadies endet erst 1834, als der Deutsche Zollverein in Kraft trat und 1845 die Sachlage mit dem Ort im Lausitzer Bergland endgültig vertraglich geregelt wurde.

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