„In welchem Licht erschiene unsere Gesellschaft, wenn wir sie zum Beispiel aus den Augen unserer Nutztiere betrachten könnten? Aus der Sicht der Hühner- und Putenküken, die mutterlos auf dem Betonboden sitzen und piepen; aus der Sicht der Kuh, der man das Kalb direkt nach der Geburt nimmt, weil der Mensch die Milch für sich abschöpfen will; aus der Sicht der Zuchtsauen, die in Besamungsständen (englich oft: rape rack, Vergewaltigungsgestell) künstlich besamt werden und nach wenigen Jahren des Besamens- und Gebärturnus mit Elektroschockern oder Kunststoffpaddeln auf die Transporter getrieben und zum Schlachthof gefahren werden?“1

Haben wir überhaupt eine Vorstellung, was man bei uns in Deutschland mit Tieren so treibt? Etwa für uns?

Die subventionierte Tierquälerei. Barmherzigkeit?

Barmherzigkeit? Menschlichkeit? Ein Hausschwein könnte 27 Jahre leben. Stattdessen wird es in Kastenständen gepfercht und mit Fütterungsautomatik gemästet. Quelle: Wikipedia

Selektiver „Naturschutz« und Massentierhaltung mit gemeinsamer Konstante: Gewalt

Dieter Görner

„Die Menschen quälen einander und ihre Sklaven, die Tiere, mit großer Findigkeit und Gründlichkeit…“2 Ach ja? „In Deutschland leben mehr als 100 Millionen Tiere in der Obhut des Menschen.“3 Und? Trotz Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz: Gewalt gegen Tiere ist im Spätkapitalismus legalisiert und institutionalisiert. „Ein riesiger von uns Bürgern subventionierter Wirtschafts- und Wissenschaftsapparat befasst sich allein damit, wie man aus Tieren noch gewinnbringender Nahrungsmittel erzeugen kann. An Universitäten und Forschungseinrichtungen sind Menschen damit beschäftigt, auszumessen, wie stark Skelettschmerzen verzüchteter Masthühner sind, oder Küken ein Loch in den Bau operieren, damit man ihre Verdauungsvorgänge von außen besser manipulieren kann.“1 Was treibt diese Zeitgenossen zu dieser Tierquälerei?

Statt Gesundheit der Tiere – Effizienz

„Heute wird nicht mehr auf die Gesundheit der Tiere geachtet, sondern allein auf die Effizienz.“4 Wieso? „Eine Sau soll schließlich heute im Jahr 25 Ferkel kriegen, einen Milchkuh über 10 000 Liter Milch geben, ein Mastschwein täglich ein Kilogramm schwerer werden. Dass ein Hähnchen innerhalb eines Monats schlachtreif wird, hat die Natur nicht vorgesehen.“5 Und das soll verfassungsrechtlicher Naturschutz sein? Zu allem Übel erfahren wir dann auch noch von klein auf, dass die Jäger mit Schusswaffe und Abschussplan tödlichen Naturschutz betreiben. Vermittelt man so „in Verantwortung für die künftigen Generationen“ Respekt vor der Natur?

„Die Rechtfertigungslast liegt nicht auf der Seite derer, die für eine gewaltfreie Gesellschaft plädieren. Die Rechtsfertigungslast liegt bei denjenigen, die an der bisherigen Form einer Gesellschaft, die routinemäßig Gewalt gegen Tiere ausübt, festhalten wollen. Sie müssen erklären, warum dieses Verzüchten, dieses Einsperren, dieses Des-Lebens-Berauben, dieses Schlachten akzeptabel sein soll.“1

Die Verlogenheit der Agrarwirtschaft

Von klein auf wird bislang in dieser Richtung unser Verständnis im Umgang mit der Natur geprägt. Vordergründig davon, „was Menschen sind, was Tiere sind und wie wir zueinander stehen. Von klein auf lernen wir, dass unsere Interessen mehr zählen als ihre; damit sie unseren Interessen dienen, muten wir ihnen Angst, Qual, Freiheitsverlust, Tod – schlechthin alles zu.“

Und die Grüne Woche? Gaukelt mit ErlebnisBauernhof eine heile Welt vor. „Wollen wir eine solche gewalttätige Gesellschaft sein? In der wir Kindern Bilderbücher über heile-Welt-Bauernhöfe vorlegen, weil wir ihnen die Wahrheit über die Herkunft ihres Essens nicht zumuten können“1

Millionenfaches Gemetzel

„Weltweit werden jährlich 65 Milliarden 525 Millionen Tiere geschlachtet. (Versuchstiere, Fische und erjagte Tiere nicht mit eingerechnet.) Falls es zur Veranschaulichung hilft: In den dreißig größten Kriegen der Menschheit sind insgesamt etwa 600 Millionen umgekommen. Jemals auf der Erde gelebt haben seit der Steinzeit gut 100 Milliarden Menschen. Wir schlachten in anderthalb Jahren also mehr Tiere, als je Menschen auf der Welt gelebt haben – ein wahres Gemetzel.“1 Ist das etwa noch normal? Warum ist unsere Gesellschaft im Spätkapitalismus so wie sie ist?

Die Gefahren für den Menschen

Steve Wing, Umweltmediziner an der University of North Carolina, „maß die Emissionen der Agrarfabriken in einem der Schweinezuchtzentren des Bundesstaates und fand hohe Konzentrationen von giftigem Schwefelwasserstoff und Staubpartikeln in Wohngebieten. Wing stellte fest, dass hoher Blutdruck und Atemwegsbeschwerden bei Anwohnern oft mit der Schweinehaltung zu tun haben. »Die Allergene, Gase, Bakterien und Viren, die von diesen Anlagen ausgehen, haben alle das Potential, Menschen krank zu machen«, sagt der Mediziner.“18

 

Stress beeinträchtigt die Fleischqualität

Qualitätsfleisch erkennt man an Farbe , Konsistenz und Geschmack. Quelle: Wikipedia/ Van Robin

Die Qualität des Fleisches hängt maßgeblich von der Aufzucht und der Fütterung des Tieres ab, aber auch davon, was Stunden vor dem Schlachten geschieht

Stress ist ein „Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Einzelphänomene, für die ein Zustand erhöhter Aktivierung des Organismus kennzeichnend ist.“20 Die bei Tieren ausgelösten Stress-Syndrome entsprechen biologisch den menschlichen Körperreaktionen. Dabei unterscheidet man zwischen physiologischen und psychologischen Reaktionen. Physiologisch reagieren wir mit Schweißausbruch, Herzklopfen, veränderter Durchblutung, während wir psychologisch reagieren mit Angst, Erregung, Unruhe, Aggression.20

Jede Stress-Art verändert das Fleisch

Hausschweine – sie könnten natürlicherweise bis zu 27 Jahre alt werden21  – sind besonders stressanfällig. Äußerst sensibel reagieren daher Tiere aus der Massentierhaltung.22

Physischer Stress

Er entsteht, wenn die Tiere auf langen Transportwegen eingepfercht hungern mussten und sich in den Muskelzellen die Glykogenreserven23 erschöpften. Dadurch entsteht im Muskelfleisch wenig Milchsäure, wodurch sich nur eine geringe Leichenstarre bildet. Dieses Fleisch erkennt man an folgenden Merkmalen: Dunkelrote Farbe, trocken und zäh beim Schneiden, es sondert kaum Wasser ab und wird nicht sauer. Dieses Fleisch ist äußerst anfällig für Bakterien.

Rindfleisch ist sehr dunkel, fühlt sich klebrig an, schmeckt nicht und verdirbt schnell.22

Psychischer Stress

Er entsteht, wenn die Tiere beim Transport eng zusammengepfercht sind und Todesangst erleiden. Dadurch entsteht ein Überschuss der Stresshormone Adrenalin und anderer Hormone. Dieses Fleisch weist folgende Merkmale auf: Blasse Farbe, weiche, fast teigige Konsistenz und sondert Wasser ab.

Das weiche und saftige Fleisch ist nur von geringer Qualität, kann sich durch Einwirkung von Bakterien leicht zersetzen und schrumpft beim Braten zusammen.22

Bioland-Fleisch

Eine Alternative zu Erzeugnissen der Massentierhaltung ist Bioland- Fleisch. Die Richtlinien beispielsweise für Bioland-Rinder schließen Genmanipulation und Embryotransfer aus. „Von Natur aus widerstandsfähig, brauchen Bioland-Rinder keine vorbeugenden Arzneimittel oder Wachstumsförderer. Zwar dauert es länger bis die Tiere ihr Schlachtgewicht erreicht haben, doch dafür ist ihr Fleisch ausgereifter und kräftiger in Struktur und Farbe. Spätestens beim Braten merkt man den Unterschied zu herkömmlichen Fleisch.“24   Hinzu kommt: „Rindfleisch ist wegen seines geringeren Fettgehaltes gegenüber Schweinefleisch besser verdaulich.“25  

Sind Menschen bereits in Gefahr?

Die Massenproduktion schadet uns womöglich mehr als wir uns in unserer Konsumlaune jemals vorstellen können

Zum Gewaltexzess gegen Tiere zählt auch das tonnenweise Zwangsverfüttern von Antibiotika. Aber ist der Missbrauch von Medizin als Doping für gewaltsame Leistungssteigerungen von Nutztieren nicht womöglich blanker Ökoterrorismus? Überhaupt: Ist mit Pharmaka gezüchtetes Fleisch tatsächlich völlig gefahrlos für den ständigen Verzehr? Oder entstehen langfristige Gefahren für unsere Gesundheit?

Eine weltweite Gefahrensituation?

Und ob. „Bundesweit sterben jährlich 30 000 Menschen an Infektionen durch resistente Keime, schätzen Arzt- und Hygieneverbände.“6 Eine normale Naturerscheinung? Antibiotikum ist schließlich pure Natur. Doch warum habe sich dann seit 2011 die Lage dramatisch zugespitzt? Wie dramatisch? „Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor einem »post-antibiotischen« Zeitalter, dem eine Schramme am Knie tödliche Folgen haben könnte.“6 Eine Studie ermittelte 2013, dass bereits bei kleinen Kindern die Darmflora gegen einen Großteil der Antibiotika resistent ist. Beginnt jetzt der Wettlauf Mensch-Bakterium?

Zehn Millionen Tote wegen Antibiotika?

In einer Expertise warnen Wissenschaftler, „dass sich die Zahl der Toten von jetzt weltweit etwa 700 000 pro Jahr bis 2050 auf zehn Millionen erhöhen könnte.“26 Dafür lägen Schätzungen der britischen Regierung zugrunde und wurde davon ausgegangen, dass keinerlei Gegenmaßnahmen getroffen werden. „Für Europa würde dies einen Anstieg von jetzt etwa 23 000 auf 400 000 Toten bedeuten. Damit würden dann mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs.“26

Und in Deutschland? „In Deutschland geht das Bundesgesundheitsministerium von insgesamt 400 000 bis 600 000 Patienten aus, die jedes Jahr durch medizinische Behandlung Infektionen bekommen – und von bis zu 15 000 Toten.“26 Jährlich bekommen rund ein Drittel aller Krankenversicherten ein Antibiotika verschrieben, obwohl „etwa 30 Prozent aller Antibiotika in der Humanmedizin nicht notwendig sind.“26

Antibiotika? Was ist das denn?

Antibiotika sind „niedermolekulare Stoffwechselprodukte von Bakterien, Pilzen, Algen Flechten und höheren Pflanzen, die dafür empfindliche Mikroorganismen abtöten oder ihre Verwendungsfähigkeit blockieren.“7 Und wie viele gibt es davon? „Nur 60 der bisher bekannten 6 000 Antibiotika eignen sich für medizinische Zwecke /bei Mensch und Tier).“7 Kann man tonnenweise Antibiotika einfach so verfüttern? „Die Kenntnis der verschiedenen Wirkungsmechanismen ist von praktischer Bedeutung für die kombinierte Anwendung von zwei oder mehreren Antibiotika, weil nicht nur eine verstärkte bakterizide Wirkung, sondern gegebenenfalls auch ein Antagonismus auftritt.“7 Ach ja? Und was ist mit dem Fleisch für unseren Braten? „Rückstände der Antibiotika im Fleisch können zur Resistenzbildung bei Keimen und zur Sensibilisierung beim Menschen führen.“7

Grenzenlose Industrialisierung der Landwirtschaft

„Inzwischen werden dreimal so viele Antibiotika bei den Nutztieren eingesetzt wie bei uns Menschen. Das ist völlig unverantwortlich und beschert uns die Gefahr, dass immer mehr Krankheitserreger multiresistent werden und lebenswichtige Medikamente ihre Wirkung verlieren.“5

Ein Huhn könnte von Natur aus 30 Jahre alt werden.8 Die Agrarindustrie verkürzt das Leben eines Masthähnchens auf 39 Tage. „An zehn davon schluckt es im Schnitt Antibiotika – so das Ergebnis einer Studie der Uni Leipzig.“6 Wohl bekomm`s! „Bei Masttieren bekommt oft die ganze Herde die Arznei prophylaktisch, obwohl das verboten ist.“6 Und was unternimmt die Bundesregierung?

Die neue Gefahr der Globalisierung

Die Europäische Union und die USA verhandeln über ein Freihandelsabkommen. „»Transatlantic Trade and Investment Partnership« (TTIP), auf Deutsch: Transatlantisches Handels- und Investitionsabkommen.“9 Na und? „Auf den beiden Seiten des Atlantiks denkt man über den Umgang mit Lebensmitteln ganz verschieden.“10 Beispiel Chlorhühnchen: „Das Fleisch geschlachteter Hühner wird in den USA im Chlorbad desinfiziert.“10 Beispiel Klonfleisch: „Anders als in Europa dürfen in den USA Tiere geklont werden. Fleisch und Milch von geklonten Schweinen, Rindern und Ziegen dürfen als Lebensmittel gehandelt werden.“10 Beispiel Hormon-Doping: „Hormone steigern die Fleischproduktion und die Milchleistung  von Kühen. In den USA werden sie häufiger eingesetzt als in Europa.“10 Könnte das die Errungenschaften im europäischen Verbraucherschutz gefährden?

Extrarechte für Multis

Die Einfuhr einfach verbieten? Von wegen. Unter dem Aktenzeichen »ARB/12/12« hat der schwedische Energieriese Vattenfall die Bundesrepublik verklagt. „Weil er wegen der Energiewende seine Atomkraftwerke früher als geplant abschalten musste, soll Schadenersatz her. 3,7 Milliarden Euro sollen es angeblich sein.“11 Das Gericht, das darüber entscheiden wird, hat seinen Sitz in Washington unweit vom Weißen Haus. Es ist das Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten, kurz ICSID. „Vor diesem Gericht können Unternehmen klagen, und zwar dann, wenn sie der Meinung sind, diese Länder hätten auf unfaire Weise den Wert ihrer Investitionen geschmälert, ohne sie dafür zu entschädigen.“12 Das Gerichtsverfahren erfolgt auf der Basis sogenannter Investitionsschutzabkommen. „Es gibt rund 3 000 solcher Abkommen, sie umspanne die Erde wie ein unsichtbares Netz aus Paragrafen.“12 Spät-Kapitalismus samt seinem gesellschaftlichen Bewusstsein lässt grüßen.

 

Medikamente in der Tiermast

Antibiotika: In der Massentierhaltung wurde es zur Regel, die Nutztiere häufig mit diesem Medikament zu füttern, um ihr Wachstum zu fördern und Infektionen vorzubeugen.

Hormome: In der Europäischen Union sind sie verboten – im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten. Dennoch ist ihre Verwendung weit verbreitet, weil sie einen schnelleren und fettarmen Fleischansatz bewirken.

Anabole Steroide: Das sind hormonähnliche Medikamente, die die Muskelmasse der Tiere erhöhen. In den USA wird meistens Clenbuterol verwendet, das allerdings in der Europäischen Union verboten ist.

Beta-Rezeptorenblocker: Diese Medikamente beschleunigt namentlich bei Schweinen die Herzfrequenz, wodurch die Fettverbrennung gesteigert wird.

Thyreostatika: Eine Arznei, die die Schilddrüsenfunktion hemmt, dadurch der Stoffwechsel der Tiere verlangsamt wird, die nun schneller an Gewicht zunehmen.

Sedavita (Beruhigungsmittel) wie Neuroleptika stellen die eingepferchten Tiere ruhig: im Massenstall, beim Transport, während der medizinischen Behandlung.19

Die Sackgasse der Menschheit. Aber unabänderlich?

Erosionsrinne in einem Kornfeld im Nordwesten der USA. Experten rechnen in den folgenden 25 Jahren durch degradierten Ackerboden mit Einbußen in der Nahrungsmittelproduktion zwischen 15 und 35 %. Quelle: Wikipedia

Die Industrialisierung der Landwirtschaft hat die Produktivität jedes Landarbeiters um nahezu das Fünfzigfache gesteigert. Wird unsere Welt etwa dadurch derart verseucht und verwüstet?

Gewalt etwa auch gegen »Mutter Erde«? Und wie! „79 000 Quadratkilometer Agrarland sind in den vergangenen dreißig Jahren weltweit unbrauchbar geworden. Das ist eine Fläche, so groß wie Österreich. Und wir verlieren den Boden immer schneller.“13 Aber weshalb? „Es gibt einen immer höheren Nutzungsdruck, ausgelöst durch das Bevölkerungswachstum; überdies wollen die Konsumenten in den Industrieländern und wachsenden Mittelschichten weltweit mehr Fleisch konsumieren, deshalb werden mehr Flächen für den Anbau von Futtermitteln gebraucht. Außerdem steigt die Nachfrage nach Energiepflanzen. Auch durch Wetterextreme als Folge des Klimawandels werden Böden verweht, verwüstet oder einfach weggespült.“13

Killt die Massentierhaltung unseren Planeten?

„Die Tierhaltung auf der Erde ist für knapp 20 Prozent der vom Menschen verursachten Klimagase verantwortlich, die Intensivhaltung bei uns gefährdet über die Nährstoffe in Gülle und Stallmist unser Grundwasser und ist hauptverantwortlich für Algenpest und sinkenden Sauerstoffgehalt der Ostsee. Die Versauerung  unserer Böden wird durch Ammoniak verursacht, das zu 90 Prozent aus der Tierhaltung stammt. Zwei Drittel der Ackerernte in Deutschland benötigen wir, um unsere Nutztiere mit Futter zu versorgen. Eine riesige Verschwendung und angesichts der durch Erosion, Klimawandel  und Übernutzung immer knapper werdenden Ackerböden auf der Welt auch eine ethische Frage.“5

Land grabbing bedroht sozialen Frieden

Die weltweit drohende Knappheit an Ackerflächen verführt zu exterritorialen Landnahmen. „Private oder staatliche Anleger suchen anderswo nach Ackerflächen. Besonders oft kommen sie aus bevölkerungsreichen Ländern wie China, Südkorea oder Saudi-Arabien, die selbst über wenig fruchtbaren Boden verfügen. Diese land grabbing bedroht den sozialen Frieden, weil das Land dann für die Versorgung der lokalen Bevölkerung fehlt.“13

Der kanadische Konzern Bedford Biofuels pachtete im Jahr 2008 im Tana-Delta in Kenia 120 000 Hektar große Flächen. „Mit der Provinzregierung schlossen die kanadischen Manager einen Vertrag, der ihnen erlaubt, hier 45 Jahre lang Jatropha anzubauen, eine Pflanze, aus der Biosprit gewonnen wird.“14

Problematisch Altersvorsorge

Nicht allein unser hoher Fleischkonsum geht den Ackerböden an den Kragen. Auch die Altersvorsorge mit Aktien mischt kräftig mit. „Der Hedgefonds Pharos Finacial Group lässt in Kenias Nachbarland Tansania auf 325 000 Hektar auch Exportschweine züchten.“14 Umgerechnet ergibt das eine Fläche von 3 250 km². Die Oberlausitz ist 4 500 km² groß.

„In Sierra Leone, dem ärmsten Land der Welt, kultiviert das schweizerische Unternehmen Addax Bioenergy auf 10 Hektar Zuckerrohr für den europäischen Treibstoffmarkt.“14 Nur einige Beispiele. „Die Weltbank unterstützt die Investments mit großzügigen Krediten Der Landverkauf erhöhe die Produktivität und schaffe Arbeitsplätze, verspricht der IWF14

Die Industrialisierung des westdeutschen Agrarsektors

Die weltweite Industrialisierung macht um den westdeutschen Agrarsektor keinen Bogen. Im Zeitraum von 1950 bis 1970 verringerte sich dort die Zahl der Arbeitskräfte von 5,1 Millionen auf 1,8 Millionen und reduzierte sich bis 1995 auf 59.800. Gleichzeitig stieg die Zahl der Traktoren von 100.000 auf 1,4 Millionen. Dabei erhöhte sich die Getreideproduktion von 1957 bis 1989 von 46 Millionen Tonnen auf 77 Millionen Tonnen. Raubbau auch an der deutschen Natur durch Massentierhaltung und Übernutzung der Äcker.

Die Welt kommender Generationen

Umweltfreundliche Landwirtschaft? Für jede Einheit erzeugter Nahrungsenergie müssen zwei Einheiten Energie aufgewendet werden. Hinzu kommt: „Die Weltbevölkerung wird schneller wachsen als die Fläche der bewirtschafteten Äcker, die Städte breiten sich aus, gleichzeitig fressen sich wegen des Klimawandels die Wüsten vor. Alles deutet daraufhin, dass es künftig noch mehr Dürren, mehr Stürme, mehr Überschwemmungen geben wird.“14

Und der Naturschutz einiger Jagdverbände?

Ach die! Was bieten die schon für einen Schutz der Natur, wenn sie einerseits wegen der Rückkehr des Wolfes öffentliches Geschrei erheben und diabolisch das Gespenst eines vermeintlich öffentlichen Sicherheitsrisikos an die Wand malen, aber andererseits diese scheinbar umweltbesorgten Jäger nicht mit der gleichen Vehemenz gegen die flächendeckende landwirtschaftliche Umweltzerstörung zu Felde ziehen, die kommenden Generationen eine lebensfreundliche Zukunft verwehrt?

 

»Ich bin Leben, das leben will ...«

Albert Schweitzer Quelle: Wikipedia

Ethik für Tiere in einer Welt der Hartherzigkeit. Luxus? Spinnerei?

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“, bekennt in Ehrfurcht vor dem Leben Albert Schweitzer15 (*1875 bis †1965), „der mit dreißig Jahren eine vielfach gesicherte Karriere aufgibt, um Kranken im dunkelsten Afrika zu helfen.“16 Heute zählt er zu den 600 bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt. Zur Ethik im ehrfurchtvollen Umgang mit Tieren ließ sich der Theologe Schweitzer vom Gleichnis Jesus vom guten Hirten inspirieren. Demnach lässt Jesus 99 treue Schafe zurück, um einem verlorenem nachzugehen und es zurückzutragen. Denn das eine Schaf ist nicht weniger wert als alle anderen. Jedes Tier ist einzigartig.

Heute wie zu Kaisers Zeiten

Schon 1902 hat Albert Schweitzer in einer Straßburger Predigt entschiedene Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen im Spätkapitalismus geübt: „Die Industrie, gestützt auf das Kapital, beutet die Menschen aus und macht aus ihnen Maschinen. Sie spottet ihrer Gesundheit … zerstört das Leben der Familie … So und so viele junge Menschen wachsen auf, verlassen, entstellt moralisch wie physisch. “16

Jesus lebte die Alternative

Albert Schweitzer lebte die Maxime der Nächstenliebe und Barmherzigkeit von Jesus, der empfahl: „Lass dir genügen an Nahrung, Kleidung und Obdach, trachte zuerst nach Frieden und Gerechtigkeit.“ Papst Franziskus, der heitere Reformer,  predigte bei der Feier zur Kardinalsernennung am 20. Februar 2014 über das Ansinnen von Jesus: „Jesus ist nicht gekommen, um eine Philosophie, eine Ideologie zu lehren, sondern einen Weg. Man erlernt ihn, indem man ihn beschreitet. Im Gehen.“17 Das dürfte selbst ein Atheist akzeptieren.

Die barmherzige Weltsicht der Nächstenliebe sowie der Ehrfurcht vor dem Leben Albert Schweitzers erläutert philosophisch Wolfgang Deppert und lebt ganz praktisch Karl Ludwig Schweisfurth. Er schaffte den Sprung vom größten Fleischfabrikanten Europas zum ökologischen Visionär..

Quellen

1 Hilal Sezgin: Angst. Qual. Tod. In: DIE ZEIT N0 6, 30. Januar 2014, Seit 54

2 György Bálint (*1906 bis †1943): Lob der Tiere, Leipzig 1963, Seite 20

3 Andreas Sentker: Respekt, in: DIE ZEIT N0 15, 8. April 2010, Seite 35

4 Alina Schadwinkel: Rettung auf Eis, in: DIE ZEIT N0 31, 29. Juli 2010, Seite 31

5 Martin Hofstetter: Sind Veganer bessere Menschen?, in: Sächsische Zeitung, 18. Februar 2014, Seite 5

6 Martina Hahn: Neue Gefahr durch Antibiotika für Tiere, in: Sächsische Zeitung, 4. November 2013, Seite 1

7 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1986, Band 1, Seite 635

8 Rainer Flindt: Biologie in Zahlen – Eine Datensammlung in Tabellen mit über 10 000 Einzelwerten, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg; Berlin 2000, Seite 7

9 Tim Braune: USA und EU bauen eine Brücke über den Atlantik, in: Sächsische Zeitung, 18. Februar 2014, Seite 19

10 Heike Buchter, Claas Tatje: Goliath gegen Goliath, in: DIE ZEIT N0 7, 6. Februar 2014, Seit 27

11 Petra Pinzler: Extrarechte für Multis; in: DIE ZEIT N0 50, 5. Dezember 2013, Seite 25

12 Petra Pinzler , Wolfgang Uchatius: Im Namen des Geldes, in: DIE ZEIT N0 10, 27. Februar 2014, Seite 15

13 Christiane Grefe: Wir verlieren den Boden, gespräch mit Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes, in: DIE ZEIT N0 26, 22. Juni 2011, Seite 39

14 Anita Blasberg, Marian Blasberg: Warum muss Joy hungern?, in: DIE ZEIT N0 42, 10. Oktober 2013, Seite 16

15 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 19, Seite 646

16 Robert Jungk: Albert Schweitzer, in: Die Großen – Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band XI/2, Seite 991, 992

17 Evelyn Finger: Der Vordenker, in: DIE ZEIT N0 10, 27. Februar 2014, Seite 58

18 Heike Buchter: Das große Schlachten, in: DIE ZEIT N0 46, 7. November 2013, Seite 26

19 Dr. Jorge D. Pamplona Roger: Fleisch, in: Die große Saatkorn Gesundheitsbibliothek , Heilkräfte der Nahrung, Saatkorn-Verlag, Madrid 1999, Band I, Seite 303

20 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1993, Band 21, Seite 326, 327

21 Rainer Flindt: Biologie in Zahlen, Eine Datensammlung in Tabellen mit über 10 000 Einzelwerten, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 2000, Seite 7

22 Jorge D. Pamplona Roger: Heilkräfte der Nahrung, Die große Saatkorn Gesundheitsbibliothek in 3 Bänden, Editorial Safeliz und Saatkorn Verlag, Madrid 1999, Band I, Seite 269

23 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 8, Seite 614

24 Silke von Küster: Das Bioland-Kochbuch, Rund ums Jahr genießen im Einklang mit der Natur, FALKEN Verlag, Niederhausen 1997, Seite 13

25 Kalte Küche, VEB Fachbuchverlag Leipzig, Leipzig 1985, Seite 154

26 Resistente Keime gefährden immer mehr Menschenleben, in: Sächsische Zeitung, 4. Juni 2015, Seite