Ein Monarchist als Regierungsberater?

Dresdner Christstollen ( hier von der Konditorei Maaß) als Zugpferd für internationale Investorenwerbung? Quelle: Wikipedia/ Lyzzy

Bei der CDU in Sachsen ist wahrhaftig nichts unmöglich

Wer kultiviert nach fast 90 Jahren Demokratie noch immer weithin sichtbar die Insignien der Macht des einstigen Königreiches Sachsens? Na wer schon? Die Regierung des Freistaates Sachsen. Genauer gesagt, die Staatskanzlei. Inwiefern? Den Kult offenbart das Gebäude der Sächsischen Staatskanzlei. Den historischen Bau nahe dem Dresdner Elbufer ziert eine goldene Krone mit imitierten Diamanten. Allerdings soll auf dieses Relikt nicht etwa »König Kurt« bestanden haben, sondern die Dresdner Denkmalpflege. Aber dennoch! Hält die republikanische Sachsenregierung mit der merkwürdigen Zierde einer Königskrone auf dem Dienstgebäude-Dach möglicherweise zugleich auch monarchistische Traditionen wach?

Na klar! Traditionsbewusstsein eben

Wie das geht? Ganz einfach: Alexander Afif von Gessaphe, im Mai 1997 vom Chef des Hauses Wettin, Albertinische Linie, mit bürgerlichen Namen Maria Emanuel Prinz von Sachsen,( schmückte sich aber im Titelwahn mit Herzog von Sachsen) ernannte Alexander zu seinem persönlichen Erben. Er besiegelte 1999 seinen Entschluss durch Adoption und übertrug damit den gesetzlichen Familiennamen »Prinz von Sachsen«. Seither tituliert er sich Alexander Prinz von Sachsen-Gessaphe.

Kabinett Milbradt mit Vorliebe für das Haus Wettin?

Diesen formal geadelten Sprössling berief Georg Milbradt kurzerhand zum Regierungsberater des Kabinetts Milbradt. – kein Witz! – und bis 27. Mai 2008 sogar persönlicher Berater von Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU). Der Beratervertrag – so ein Pressebericht, der nicht dementiert wurde – enthielt das fürstliche Honorar von 120 000 Euro im Jahr. Verglichen mit den 192 000 Euro Jahresgehalt von Bundeskanzlerin Angela Merkel ein wahrhaft fürstliches Salär. Zudem hatte der Vertrag eine Option zur jährlichen Verlängerung. Im Zeitalter befristeter Arbeitsverträge ein weiterer Luxus. Diese – rückwärtsgewandte– Umgangskultur mit Steuergeld und seit 1919 abgeschafften Adel trug das Kabinett Milbradt anstandslos mit. Fragte von denen denn keiner, was der fürstlich belohnte Prinz für das sächsische Steuergeld überhaupt leistete?

Die Frage scheint berechtigt.

Immerhin hatte der in Sachsen kläglich gescheiterte Wirtschaftsminister Martin Gillo (CDU) vom Kabinett Milbradt I den Wettiner mit einem Zwei-Jahres-Vertrag zum Wirtschaftsberater ernannt. Der gab auch sogleich den guten Rat, zu Weihnachten Dresdener Stollen in Mexiko-Stadt zu verteilen, um – anders als andere – Investoren nach Dresden zu locken. Zeugte das etwa nicht von ministerieller Beratungskompetenz? Schließlich versuchte ein anderer sächsischer Spitzenpolitiker, Abwanderer mit Eierschecke zur Rückkehr in den Freistaat zu bewegen.

Rechnungshof rügte miese Erfolgsquote

Dabei beauftragte die Bundesregierung eigens für Standortmarketing in Ostdeutschland die Bundesfirma »Invest in Germany GmbH«. Die erhielt 2008 fast 19 Millionen Euro für die Ansiedlung ausländischer Firmen speziell im Osten. Neben der Anwerbung und Beratung informiert die Bundesfirma auch über exzellente Standortbedingungen im Freistaat Sachsen.

Der in München geborenen Betriebswirtschaftler, der mit seiner Familie 30 Jahre lang in Mexiko-Stadt lebte und dort eine Import-Export-Firma betrieb, war zunächst ab Anfang 2003 als mexikanischer Staatsbürger im sächsischen Wirtschaftsministerium als Ansiedlungsbeauftragter tätig. Ihm oblag es, internationale Kontakte zu Investoren und Wirtschaftsunternehmen zu knüpfen. „Der Rechnungshof“ so die Sächsische Zeitung vom 29. November 2006 auf Seite 8, „rügte damals den geringen Erfolg der Tätigkeit.“ Dessen ungeachtet holte Milbradt Anfang 2006 den Wettiner, der im Sommer 2004 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, als Berater in Wirtschafts- und Kulturfragen (?) in die Staatskanzlei.

Nach eigenen Angaben erhält Alexander Prinz von Sachsen-Gessaphe monatlich ein Honorar von 7500 Euro plus Spesen. Ein Landrat, der verantwortlich zeichnet für einen Kreis mit mehr als 200 000 Einwohnern, bezieht (nach der Kreisreform ab 1. August 2008) mit der Besoldungsstufe B 7 monatlich 7012 Euro. Zum Vergleich: Das Fürstentum Lichtenstein zählt 35 000 Einwohner.

Königlicher Berater war effizienter

Göltzschtalbrücke. Die höchste Eisenbahnbrücke der Welt und weltweit größte Ziegelsteinbrücke projektierte der königliche Regierungsberater Johann Andreas Schubert. Quelle: Wikipedia/ Ulrich AAB

Ein Wettiner mit zweifelhaften Sachsen-Kenntnissen

Sachsens Regierung unter König Friedrich August II. (1797-1854) hatte auch einen Berater: Johann Andreas Schubert (1808-1870). Aber der kostete Sachsen lediglich eine Studienreise nach England. Dafür nahm er für Sachsen 1837 mit der von ihm gebauten »Königin Maria« das erste Dampfschiff für die Oberelbe in Betrieb. Danach baute er die erste gebrauchsfähige Dampflokomotive Deutschlands. Am 8. April 1839 steuerte er die »Saxonia« von Dresden nach Leipzig. Die von Schubert konstruierte Göltzschtalbrücke, die am 15. Juli 1851 den Eisenbahnverkehr aufnahm, funktioniert heute noch. Und was bleibt Sachsen – außer Spesen –von Milbradts perönlichen Berater Alexander Prinz von Sachsen-Gessaphe?

Zumal der deutsche Adelsrechtsausschuss die Königslinie der Wettiner für erloschen erklärt hat. Neues Oberhaupt der Familie sei damit Prinz Michael –Benedikt von Sachsen-Weimar-Eisenach und nicht Prinz Alexander von Sachsen, der vom 2012 verstorbenen Chef-Wettiner Markgraf Maria Emanuel adoptiert worden war.

Sachsens eigene Wirtschaftsförderung

Hinzu kommt, dass der Freistaat Sachsen 1991 die Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH (WFS) als landeseigenes Unternehmen gegründet hat. In der zu 100 Prozent staatlich finanzierten WFS betreiben 45 Mitarbeiter Standortwerbung, beraten Investoren und helfen Firmen bei Export und Kooperation. Die Wirtschaftsförderer holten im Jahr 2007 insgesamt 25 Ansiedlungen nach Sachsen. Mit rund 417 Von 1998 bis 2007 erfolgten 185 Ansiedlungen. Und welche Bilanz konnte der Regierungsberater mit dem vermeintlichen Adelsprädikat ziehen? Das Investoren-Internetportal der WSF belege im Weltvergleich einen Spitzenplatz. Selbst das wirtschaftsstarke Bayern könne von den Sachsen lernen, „wie man einen Gesamtstandort vermarktet und serviceorientiert ansiedelt“ (SZ 29.02.2008, Seite 22).  

Eigentümliche Sachsen-Kenntnis

Welche Kompetenz besaß dieser angebliche Prinz als Berater eines Ministerpräsidenten, wenn er in der Öffentlichkeit befremdliche Ansichten über die Urbewohner des Standortes Sachsens – den Sorben – verbreitete?

In einem Interview mit Disy TV erläuterte er Anja K. Fließbach die Bedeutung der Wettiner für Sachsen mit dem laxen Hinweis: „Wir sollten das Deutsche Reich vor Angriffen von östlicher Seite schützen, also vor den Vandalen. Das haben wir damals so erfolgreich getan, dass wir knapp tausend Jahre dieses Land regierten.“

Moment, Moment! Hier sind wir dem teuren Regierungsberater aber etliche geschichtliche Korrekturen schuldig:

Deutsches Reich: War die Bezeichnung des deutschen Staates zwischen 1871 und 1945. Der Prinz beruft sich aber auf die Jahreszahl 1089 und meint sicherlich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das 1254 erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Vandalen? Wo denn?

Vandalen: Die Vandalen waren ein Ostgermanischer Stamm. 553 ist König Gelimer als letzter König im Exil im Oströmischen Reich gestorben. Folglich waren in unserer Region auch Jahrhunderte nach 1089 weit und breit keine Vandalen mehr zu sehen. Doch ab 600 n. Chr. siedelten hier die Altsorben.

Vor Angriffen von östlicher Seite schützen: Genau umgekehrt. 806 begann Karl der Große (747-814) mit der Unterwerfung der Sorben und infolgedessen mit dem Bau des Grenzwalles Limes Sorabicus. Die Sorben schützten sich gegen die fortgesetzten Angriffe der Landräuber aus dem Frankenreich – später Heiliges Römisches Reich – mit Fluchtburgen wie die Slawenburg Raddusch. 932 erfolgte die Unterwerfung der Liutizen und Milzener. 936 setzt Otto I. (912-973) Markgrafen zur Sicherung der eroberten Ostgebiete ein. 937 wurde Gero (900-965) der erste Markgraf der Sächsischen Ostmark, der zugleich eine brutale Ausrottungspolitik der Sorben betrieb.

Militanter Gründer des Hauses Wettin

Nach seinem Tod entstand die Markgrafschaft Meißen. Mit dem Wendenkreuzzug 1147 zogen die sächsischen Fürsten erneut auf Landraub gegen die Sorben, die sie mit Zwangschristianisierung unterwarfen. Mit von der Partie der Angreifer und Landräuber war Markgraf Konrad von Meißen (1089-1157), später genannt der Große, der als Gründer des Territorialstaates den Dresdner Fürstenzug anführt. Er legte das Fundament für die  Macht der Wettiner.

Erwartungsgemäß lehnte es Ministerpräsident Stanislaw Tillich, Nachfolger von Premier Georg Milbradt, ab, den Beratervertrag für Alexander Prinz von Sachsen zu verlängern. Damit war der Wettiner, der ein steuerfinanziertes Gehalt von etwa 120 000 Euro bezog, am 28. Mai 2008 arbeitslos. Sein Kommentar: „Man hat mir gesagt, dass meine Arbeit im Ausland und mit internationalen Gästen nicht mehr gebraucht wird.“