Niedergang der europäischen Weltherrschaft

Europas Lage auf der Weltkarte. Quelle: Wikipedia

Stimmt es, dass auf der Mülldeponie der Geschichte seit 1914 der Platz für den Spätkapitalismus reserviert ist? Klar, wieso nicht?

Dieter Görner

Blödsinn! Ganz sicher? Das geostrategische Geschehen „der europäischen Weltherrschaft und ihres Niedergangs“1 im Spätkapitalismus2 seit 19143 erscheint einerseits unglaubhaft, weil zukunftsfähige Hochtechnologien entstehen, lässt sich andererseits aber durchaus mit Zahlen belegen.

Dialektik gesellschaftlichen Fortschritts

So erleben wir einerseits gesellschaftlichen Wandel durch Hightech wie die Industrie 4.0, wo mit Modellfabriken (vernetzte Fabrik bzw. Smart Factory) innovative Formen der Wertschöpfung entstehen. Allerdings sind das längst nicht derartig bahnbrechende Erfindungen wie in den 250 Jahren zuvor, die für Jahrhunderte den Wohlstand sicherten. Das visualisierte sehr anschaulich für den Laien der russische Erfinder der zyklischen Konjunkturtheorie, Nikolaj Dimitrijewitsch Kondratjew30 (*1892 bis †1931). Mit seinen Kondratjew-Zyklen weist er die zyklische Wirtschaftsentwicklung nach. Die Langen Wellen bedeuten Paradigmenwechsel mit bahnbrechenden Erfindungen, die massenhafte Investitionen nach sich ziehen und damit wirtschaftlichen Aufschwung bewirken. So war es jedenfalls bisher. Sind heutzutage die Genies ausgestorben? Welche Zukunft bieten wir den 2014 Geborenen?

Andererseits kann der Spätkapitalismus keineswegs existieren, wie es im Menschheitsgedächtnis so schön heißt, „ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren.“31 So werden wir gleichzeitig Zeitzeugen, wie der Spätkapitalismus sein eigenes Grab schaufelt, indem er systematisch seine eigenen gesellschaftlichen Grundlagen zerstört. Beispielsweise mit der »Wettbewerbsgesellschaft«, die zur »Gesellschaft der Angst« mutiert.

Bilanz der Abstiegsangst 2011

Allein „in den letzten 40 Jahren ist der EU-Anteil am Weltwirtschaftsprodukt um zehn Punkte geschrumpft.“4 Der Abstiegskampf Europas lässt sich beispielsweise auch am wirtschaftlichen Wachstum im Dekaden-Durchschnitt festmachen: „Siebziger: 3,13 Prozent, Achtziger: 2,46 Prozent, Neunziger: 2,14 Prozent, Nulller Jahre: 1,38 Prozent.“4

Europa verliert den Abstiegskampf auch in 40 Jahren

Ergo: Europas Wachstumsprobleme sind älter als die Finanzkrise 2008. Die europäische Realität 2014: „Keine der Krisen, aus denen sich die Euro-Krise zusammensetzt, ist auch nur annähernd gelöst – weder die Banken-, noch die Staatsschulden-, noch die Wettbewergsfähigkeitskrise.“5

Und die Talfahrt geht weiter: „Der Anteil der Europäer an der globalen Wertschöpfung wird binnen vier Jahrzehnten auf 10 Prozent absinken – 1950 hatte er noch 30 Prozent ausgemacht.“6 Und das, so träumt mancher, soll keinerlei Einfluss auf unseren Wohlstand haben?.

Europäer mutieren zur Minderheit in der Welt

Schwachsinn? Moment! Seit Beginn des vorigen Jahrhunderts ist „die Weltbevölkerung um 400 Prozent gewachsen, von 1,6 Milliarden auf 6 Milliarden Menschen. Und sie wird bis zur Mitte dieses Jahrhunderts auf 9 Milliarden Menschen ansteigen. Die Bevölkerung der europäischen Nationen zusammen wird in diesem Zeitraum auf ganze 7 Prozent der Menschheit absinken. Und keine der europäischen Nationen wird auch nur ein einziges Prozent ausmachen.“6 Und da pochen die europäischen Regierungschefs auf ihre Nationalstaatlichkeit? Ticken die noch richtig?

Wird Europa etwa sogar Kolonie?

Was soll das denn? Na ja, die Talfahrt des Wirtschaftswachstums bleibt doch für Europas Zukunft keineswegs ohne Folgen. Nehmen wir allein den Börsengang des chinesischen Konzerns Alibaba am 19. September 2014. Was zeigte er? „Die Zukunft des E-Commerce machen die Konzerne aus China und Amerika unter sich aus.“7 Und was ist daran von historischer Bedeutung? „Weil es der Tag sein wird, an dem Europas Zukunft als Tech-Kolonie besiegelt wird.“7

Für den 29-jährigen Karl Marx25 (*1818 bis †1883) war diese Tendenz allerdings bereits vor nahezu 170 Jahren, also 1846 voraussehbar. Mann, Achtzehnhundertsonstwas! Was soll das? Moment. Für Marx war es ganz logisch, dass sich „mit der Veränderung der Produktionsweise“26 natürlich auch die „gesellschaftlichen Verhältnisse“ ändern. Und mit ihnen verändert sich zwangsläufig auch immer die jeweilige Weltanschauung, die diesen gesellschaftlichen Verhältnissen zugrunde liegt. „Somit sind diese Ideen, diese Kategorien ebenso wenig ewig wie die Verhältnisse, die sie ausdrücken. Sie sind historische, vergängliche, vorübergehende Produkte.“26 Folglich definiert sich auch die heutige Welt neu.

Spätestens seit dem Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart gehen davon auch die Protestanten aus, „denn bis 2040 rechnet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit einem Rückgang der Zahl der Protestanten von derzeit 23,4 auf 16 Millionen.“32

Doch die Europapolitiker agieren weiter wie Schlafwandler

Bereits seit Jahren haben wir es „zu tun mit einer Krise der Europäischen Union, die sich nicht nur militärisch, sondern auch außenpolitisch und ökonomisch als handlungsunfähig erweist.“8 So scheint das politische Establishment der EU aus Sicht der Unionsbürger borniert zu ignorieren, dass die politische Kultur in Osteuropa krankt.

Verächtlich blickt das Europa der EU-Altmitglieder auf Polen, als „ein Land, das beherrscht wird von Seilschaften und Machenschaften.“9 Alle Welt blickt konsterniert auf eine wüste Massenschlägerei im ukrainischen Parlament in Kiew. „Der Parlamentarismus im Land ist tot“, konstatiert Parlamentspräsident Wladimir Litwin.10 Und die Unionsbürger blicken auf einen bizarren „Machtkampf zwischen Präsident und Regierung in Rumänien, auf Korruptionsskandale in Tschechien, autokratische Tendenzen in Ungarn.“11 Ist das noch normal? Und derartige Polit-Blödiane mischen maßgeblich mit in der Geopolitik der EU?

Wir sind es unseren Kindern schuldig

„Es ist eine moralisch-historische Verpflichtung, wir sind es unseren Kindern schuldig, dass sich unsere politischen Entscheidungen an der Erhaltung des Friedens orientieren und niemals an parteipolitischer Profilierung und/oder langlebigen Klischees.“33

Doch anstatt Visionen für die Zukunft zu entwickeln und mit der breiten Öffentlichkeit zu diskutieren, pflegen deutsche Medien lieber hartnäckig die Denkschule des Kalten Krieges mit seinen weltbedrohlichen Folgen. Haargenau diese Geisteshaltung aber verstößt gegen unsere moralisch-historische Verpflichtung, indem sie unsere – durch die Digitalisierung – zusammenwachsende Welt in Ost und West, in Böse und Gut unterteilt. Diese rückwärtsgewandten Denker etikettieren Wladimir Putin kurzerhand zum Schurken, weil sie offenbar überfordert sind, geostrategische Zusammenhänge und Hintergründe zu akzeptieren. Diese politischen Typen, die außerstande sind, in ihren europäischen Kleinstaaten Reformen zu gestalten, scheinen überhaupt nicht zu begreifen, dass der russischen Bevölkerung drei Revolutionen gleichzeitig zugemutet wurden.

Drei russische Revolutionen gleichzeitig

„Die erste: von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft. […] Die zweite: von der Diktatur der Kommunistischen Partei zu rechtstaatlichen Strukturen. […] in einem Land, das sich über elf Zeitzonen (Russland) erstreckt. […] Die dritte: von der Sowjetunion zum Nationalstaat. Wenn sich plötzlich 25 Millionen Russen außerhalb der eigenen Landesgrenzen befinden und sich in neuen souveränen Staaten behaupten müssen, in denen weite Teile der Gesellschaft nur darauf gewartet haben, es »den Russen« endlich heimzuzahlen, dann lässt sich das nicht einfach beiseite wischen.“33

Zumal in einem geopolitisch radikal veränderten Europa, wo eine unter dem Oberbefehl von Barack Obama stehende NATO – entgegen allen Absprachen mit Russland – mit ihrer rigorosen Osterweiterung die Sicherheit von 500 Millionen Europäern der EU aufs Spiel setzt. Und zwar allein im Interesse der USA.

„Es ist im ureigenen Interesse der EU, Russland als Partner zu haben. Wer diese Chance vertut, riskiert, dass Europa im Machtkampf künftiger Großmächte zerrieben wird.“33

Und was tut sich in den USA?

Die schaufeln sich ihr eigenes Grab. In der New York Times findet sich der Satz: „So wie China hat auch Russland der Welt vorgeführt, dass es noch andere Wege zur Schaffung von Wohlstand gibt als freie Wahlen und Markt-Kapitalismus.“ Wieso denn das auf einmal? Deutschlands erfahrenster Kommentator der Weltgeschichte klärt auf: „Ist nicht ein Gipfel der Absurdität erreicht, wenn die Inselrepublik Island mit 300 000 Einwohnern, bislang eine unentbehrliche Militärbasis der USA im Nordatlantik, die sich in ihrer Finanzpolitik, besser gesagt in ihrem Mangel an Finanzpolitik, auf die amerikanischen Casino-Konzepte ausgerichtet hatte, sich ausgerechnet an Moskau wandte, um dem drohenden Staatsbankrot durch eine Anleihe von vier Milliarden Euro zu entgehen?“34  Erregen also doch die Exzesse des Kapitalismus zunehmend Ekel? „Dass unter solchen Umständen das verpönte Wort »Sozialismus« neuen Wert gewinnt, dass manche sogar beginnen, in den Kompendien von Karl Marx zu Blättern, dass die Kollektivverantwortung an die Stelle strikt individualistischen Eigennutzes tritt, sollte nicht verwundern.“34

 

Die Blindheit der Zukunftsverweigerer ist historisch

Chinesisches Zimmer im Barockschloss Rammenau. 43 Jahre nach der aufwendigen Umgestaltung 1735 begann in Sachsen die industrielle Revolution Deutschlands. 1778 datiert daher als Anfang vom Untergang des Adels 1919. Quelle: Wikipedia/Magnus Manske

Gesellschaftlicher Niedergang erfolgt allmählich und mehrheitlich unbemerkt, bevor es zum Crash kommt.

Oder haben etwa unsere Vorfahren in ihrer Begeisterung vor dem Ersten Weltkrieg den Untergang der Monarchie geahnt? Wer glaubt im Spätkapitalismus schon ernsthaft an den Klimawandel und lebt danach? Bereiten wir uns etwa ernsthaft auf den demogrfischen Wandel vor? Häufig bemerkt unsereins tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen überhaupt nicht, weil sie in der Regel allmählich und über einen längeren Zeitraum erfolgen.

Wiederholt sich Zukunftsblindheit?

Fast scheint es so, als wiederhole sich die Zukunftsblindheit wie beim Untergang des Feudalismus. In jener Zeit bot die Oberlausitz nach der Ostbesiedlung über 400 Herrensitze. Sie war „reich an Schlössern und Parks, und es würde Bände füllen, wollte man sie alle beschreiben.“12 Doch was verrät uns die Geschichte beispielsweise vom Schloss Rammenau (Historie)? Es wurde im Markgraftum Oberlausitz „in den Jahren 1721 bis 1735 von einem Dresdner Baumeister“13 zu einem zweigeschossigen Barockschloss umgestaltet.

Status quo ohne Ewigkeitswert

Damals glaubte der Adel noch fest daran, der Status quo habe Ewigkeitswert. Verblendet von Erfolgen der Gegenwart erlag die Dynastie Wettin dem Rausch des Selbstbetrugs und verkündete triumphal das »Augusteische Zeitalter« (1694 - 1763). Doch schon 43 Jahre nach Abschluss der Umgestaltung 1735 von Schloss Rammenau begann im Kurfürstentum Sachsen, genauer in Harthau – heute Ortsteil von Chemnitz – mit der Errichtung der Spinnmühle 1778 die industrielle Revolution in Deutschland. 28 Jahre später erhob Napoleon I.14 (*1769 bis †1821) Sachsen zum Königreich. Die Industrialisierung profilierte es zum »roten Königreich« 1918 war dessen Untergang besiegelt. Und 1919 beschloss die Weimarer Reichsverfassung mit Artikel 109 schließlich auch den Untergang des Adels.

Aber wie erlebt Europa heute die erneut angebrochene Zeitenwende?

Den Schweizern sträuben sich die Haare

„Die Schweizer haben zweimal über eine EU-Annäherung abgestimmt und beide Male haben die Anhänger der Souveränität gewonnen. Die Bürger von EU-Ländern wie in Deutschland wurden nie befragt, weder über die Einführung des Euro noch über die Verträge von Maastricht und Lissabon. In der Schweiz wird es nie eine Mehrheit für einen EU-Beitritt geben.“15

Die Franzosen sind sauer

In Frankreich erleben wir, dass „63 Prozent glauben, dass ihr gesellschaftliches System immer schlechter funktioniert.“16 In Großbritannien veröffentlichte Russel Brand Ende Oktober 2014 sein Buch »Revolution«. Der junge Autor –von Öffentlichkeit und Medien mit großem Wohlwollen aufgenommen – war im Königreich anscheinend auf allen Kanälen präsent. Sein „Streitgespräch mit dem Journalisten Owen Jones wurde in hunderten britischen Kinos live übertragen.“17

Die Engländer halten sich die Ohren zu

Russel Brand vertritt die Ansicht, die Politik „bietet keine Lösungen, denn die eine Partei ist wie die andere: Alles Schweine, die aus dem gleichen Trog fressen.“17 Wieso diese enorme Zustimmung der britischen Öffentlichkeit ? „Die Leute haben einfach keine Lust mehr, Karrieristen in Anzügen zuzuhören die zeit ihres Lebens nichts anderes als – schlechte – Politik gemacht zu haben.“17

Griechenland rüttelt an der geopolitischen Balance

Beim Start-up im Januar 2015 in der Regierung Griechenlands rüttelte das Linksbündnis Syriza von Alexis Tsipras sofort an handfesten geopolitischen Interessen der Europäischen Union, des Europarates, der NATO, der USA und des IWF mit der Drohung, „gegen weitere Russland-Sanktionen der EU zu stimmen.“30 Dieser Hinweis signalisierte, dass Griechenland 1981 nicht nur aus Eigeninteressen Mitglied der EU wurde, sondern wegen seiner exponierten Lage im Mittelmeerraum „die unwiderrufliche Einbindung Athens als festes Mitglied im Euro, in der EU und in der Nato von geopolitischem Interesse ist.“30

„Rein theoretisch könnte Griechenland Häfen privatisieren und diese den Russen zur Verfügung stellen.“30 Schon im Juni 2012 hatte der griechische Professor für Außenpolitik und Wirtschaft an der University of East London, Vassilis Fouskas, gewarnt: „Griechenland könne in der Ägäis Handelsrouten, Schifffahrtswege, Fluginformationssysteme  sowie Öl- und Gas-Pipline –Projekte torpedieren und die Sicherheit der Nato und der EU in der Region bedrohen.“30  

Die Deutschen haben die Nase voll

Die Syndrome des Untergangs repräsentiert die »Wettbewerbsgesellschaft«, die zur »Gesellschaft der Angst« mutierte. Zudem hat jeder zweite Deutsche nach der Wiedervereinigung die Nase voll von der einseitigen Aufarbeitung der DDR-Geschichte. „Denn das bisherige Vorgehen“ – so kritisieren 59 Prozent der Ostdeutschen – „habe zu wenig mit der damaligen Lebenswelt der Menschen in der DDR zu tun.“18 Verständlich. Denn die Rolle der Bundesrepublik Deutschland in der deutschen Nachkriegsgeschichte wird in diesem Zusammenhang komplett ausgeblendet.

Nur die halbe deutsche Geschichte wird aufgetischt

Die weltbedrohliche Zeit des Kalten Krieges mit Adenauerrepublik und deren Alleinvertretungsanspruch sowie den Ursachen für Frontstadt, Mauerbau und vermeintlicher innerdeutschen Grenze bleibt wohlweislich unerwähnt. Die aggressive Rolle der Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegsgeschichte wird ausgeblendet. Ebenso unterschlagen die dubiosen Zeiterklärer die sozialismusfeindliche Geisteshaltung bornierter Stalinisten, die der DDR nach ihrem Bilde Gestalt gaben, obwohl die Theorie des Kommunismus längst zum Weltkulturerbe zählt. Ist portionierte Wahrheit etwa kein Lügengespinst?

Doch gerade dieses kontroverse geostrategische Geschehen in Deutschland zeugt „von einer Epoche, die komplizierter und komplexer war als das, was viele Zeiterklärer heute vorgeben. In den Medien tobt der Kampf um Erinnerungen. Täuschungen werden forciert. Nicht selten passt man das Gedächtnis der Tendenz des Zeitgeistes an.“19

Politisches Spießbürgertum fabriziert deutsche Reformruine

Ganz im Zeichen forcierter Täuschungen stand dann auch der 25. Jahrestag des Mauerfalls. Bei dem von aller Welt gleichermaßen freudig begrüßten wie geschichtsträchtig gefeierten Ereignis wurde bewusst die DDR-feindselige Rolle der Bundesrepublik Deutschland mit ihren Schikanen gegenüber den Ostdeutschen ausgeblendet und die Verantwortung für das geostrategische Geschehen allein der DDR aufgebürdet. Selbst der Deutsche Bundestag war sich nicht zu schade, ein Kabinettstück politischen Kabaretts zu inszenieren, bei dem sich der Westen Deutschlands quasi in Luft aufgelöst hatte. Von den Machern gedacht als Vorgeschmack auf den in Aussicht stehenden gesellschflichen Untergang? Immerhin ist kein Land Europas nach der Wende so reformresistent wie die bundesdeutsche Reformruine. „Die OECD moniert, dass kein Mitgliedsland seit 2007 so wenig wachstumsförderne Reformen verwirklicht hat wie Deutschland.“4

Resignation, oder was?

Resigniert die hiesige bürgerliche Politik bereits vor den Herausforderungen der immer näher rückenden Zeitenwende? Zumindest Geschichtsbewusste wissen: Selbst „das langlebigste Weltreich der Geschichte“,27 das Imperium Romanum, das über tausend Jahre herrschte, konnte seinem Zusammenbruch nicht entgehen. Denn wie sich in der Geschichte bislang immer wieder erwies: „dem Höhepunkt der Macht folgt ihr allmählicher Verfall.“28 Sind etwa unsere »Wettbewerbsgesellschaft« sowie die »Gesellschaft der Angst« keine deutlichen Anzeichen gesellschaftlichen Niedergangs? Doch borniert verschließt deutsche Bundespolitik davor die Augen.

Deutsche Spießer hüten ein Erbe aus dem 19. Jahrhundert

Folglich triumphiert seit 1990 in der deutschen Öffentlichkeit ein Spießertum, das ganz offensichtlich mit dem Rücken zur deutschen Nachkriegsgeschichte agiert. Das Outing dieses Spießbürgertums geschieht in der Politik alltäglich. Da nämlich erweist sich der deutsche Spießbürger als ein „engstirniger Mensch, der sich an überlebten Anschauungen und moralischen Grundsätzen orientiert, Neuerungen und Fortschritten ablehnend gegenübersteht und seinen sozialen Status verteidigt.“20 Und so hatte auch die Jubelfeier im Deutschen Bundestag am 7. November 2014 zum Mauerfall 1989 das geistige Format eines Politikertyps, der in Wahrheit „ein selbstzufriedener, kleiner, kleinkarierter, elender Spießer“21 ist, der borniert den Kontext kausaler Zusammenhänge des Kalten Krieges ignorierte und seine blamablen Defizite deutscher Nachkriegsgeschichte obendrein noch föhlich feierte. Aber ist das neu?

Karl Marx 22 (*1818 bis †1883) setzte Spießer gleich mit Philister. Und damit war für ihn „die vollkommenste Philisterwelt, unser Deutschland“23. Geistige Wesen? Freie Republikaner? „Beides wollen die Spießbürger nicht sein. Was bleibt ihnen übrig, zu sein und zu wollen?“23

Ein angestammter Zeitgeist also, der sich im Zeitalter der Globalsierung als kapitaler Selbstbetrug mit katastrophalen Folgen erweisen dürfte. Denn es bleibt dabei: „Die Jahrhunderte des europäischen Imperialismus und ebenso des Kolonismus sind an ihr Ende gelangt.“8 Das erweist sich nicht zuletzt an „einer schrumpfenden Kirche in einer immer glaubensferneren Gesellschaft.“25

Als weiterer Indikator des allgemeinen Niedergangs im Spätkapitalismus dürfte nicht zuletzt die „turbulente Großwetterlage auf den Weltmärkten“ 2015 gelten. „Die Weltwirtschaft wächst – trotz des niedrigen Ölpreises – nicht wie erhofft.“ Und das bei einem „Preisabstieg von über 50 Prozent“29 beim Rohölpreis 2015. Die Welt definiert sich neu. Wie auch immer.

 

Tatsächlich die Zeichen der Zeit begriffen?

„Wir erleben eine schleichende Selbstabdankung, man könnte auch sagen: die Selbstzerstörung des Westens.“ Ach, ja. Und wann begann das? Etwa mit der Siegeseuphorie 1989? „Der Glaube an das »Ende der Geschichte« war vermutlich unser aller Fehler. Was heißt hier »aller Fehler«? Den Marxisten wäre so ein Quatsch nicht im Traum eingefallen. Und was dachten die ewig Gestrigen? „Als in den Jahren 1989/90 Die Ordnung des Kalten Krieges zerbrach, dachten wir, dass nur in Ostdeutschland und Osteuropa die Folgen zu spüren sein würden. Die Sowjetunion ging unter. Das ganze bipolare System war scheinbar ohne negative Folgen verschwunden.“ Die Realität?

„1989 war eine globale Zäsur

Und wie haben Sie in Ihrem grandiosen Irrtum reagiert? „Wir haben uns entspannt zurückgelehnt und gedacht, es geht so weiter. Jetzt müssen wir feststellen, das war ein Denkfehler. 1989 war eine globale Zäsur. Der Umbruch ist mit Verzögerung überall spürbar geworden. Er führte zuerst zu dem »unipolaren Moment«, indem sich die USA als letzte Weltmacht gerierten. Doch dieser Moment endete in der Katastrophe des Irakkrieges, dessen Folgen wir heute noch spüren. Er endete aber auch in einer völligen Selbstvergessenheit, was die Grundregeln der Marktwirtschaft betrifft, in der Finanzkrise 2008. Eine zweite entscheidende Zäsur

Quellen

1 Maxim Biller: Antisemiten sind mir egal, in: DIE ZEIT N0 41, 1. Oktober 2014, Seite 53

2 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 438

3 Ossip K. Flechtheim: Demokratie – noch vor ihrer Bewährung, in: Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild, Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv, Stuttgart 1999, Band: Die 70er Jahre, Seite 191

4 Josef Joffe: Loser Amerika? In: DIE ZEIT N0 38, 13.September 2012, Seite 12

5 Mobil, gerecht, einig. Die Glienicker Gruppe – elf deutsche Ökonomen, Politologen und Juristen – entwerfen ein neues Europa, in: DIE ZEIT N0 43, 17. Oktober 2013, Seite 30/31

6 Helmut Schmidt: Rede am 2. Juli 2012 zum Dank für die Verleihung des Eric-M.-Warburg-Preises, in: Weltmacht wird Europa nicht, DIE ZEIT N0 28, 5. Juli 2012, Seite 4

7 Heike Buchter: Europa als Kolonie, in: DIE ZEIT N0 39, 18. September 2014, Seite 37

8 Helmut Schmidt: Wir Schlafwandler, in DIE ZEIT N0 40, 25. September 2014, Seite 6

9 Alica Bota: Alle sind verdächtig, in: DIE ZEIT N0 52, 19. Dezember 2012, Seite 8

10 Wüste Schlägerei im Parlament, in: Handelsblatt, 25. Mai 2012

11 Jan Ross: Die giftige Botschaft, in: DIE ZEIT N0 52, 19. Dezember 2012, Seite 6

12 Siegfried Schlegel: Die Oberlausitz. Ein Liebenswertes Stück Deutschland. Lausitzer Druck- & Verlagshaus, Bautzen 2008, Seite 72

13 Karl Czok, Reiner Groß: Das Kurfürstentum, die sächsisch-polnische Union und die Staatsreform (1747 – 1789), in: Geschichte Sachsens, Hremann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 274

14 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 15, Seite 326

15 Natali Rickli, Schweizerische Volkspartei (SVP) im Interview mit Jürgen Elsässer. Die Jeanne d` Arv der Eidgenossen, in: COMPACT N0 8/2012, Seite 45

16 Georg Blume: Gefangen im Teufelskreis, in: DIE ZEIT N0 46, 6. November 2014, Seite 29

17 Jochen Wittman: Der schöne Revoluzzer, in: Sächsische Zeitung, 30. Oktober 2014, Seite 4

18 Annette Binninger: Jeder zweite Deutsche hat genug von der DDR-Geschichte, in: Sächsische Zeitung, 4. November 2014, Seite 1

19 Kerstin Hensel: Alltag in Zwischentönen, die Schriftstellerin und Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« in Berlin rezensiert das von Mathias Bertram herausgegebene »Das pure Leben – Fotografien aus der DDR«. Zwei Bände, Lehmstedt Verlag, in: Magazin, Sächsische Zeitung , 1./2. November 2014, Seite M2

20 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1993, Band 20, Seite 661

21 Deutsches Wörterbuch in drei Bänden, in: Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden (die Bände 26, 27 und 28 mit 500 000 Stichwörtern und Kurzdefinitionen),19. Auflage, Mannheim 1999, Band 28, Seite 3174

22 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 199, Band 14, Seite 260

23 Karl Marx: Briefe aus den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern«, Marx an Ruge, 1844, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, 43 Bände (in 45 Büchern), Dietz Verlag, Berlin 196, Band 1, Seite 339, 338

24 Bernward Lohscheid: Der Kirchen-Modernisierer, in; Sächsische Zeitung, 12. November 2014, Seite 4

25 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 14, Seite 260

26 Karl Marx: Das Elend der Philosophie, geschrieben zwischen Ende Dezember 1846 und Anfang April 1847, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, 43 Bände, (in 45 Büchern), Dietz Verlag, Berlin 1946, Band 4, Seite 130

27 Klaus Zmeskal: Inbegriff eines Imperiums – Das Römische Reich, in: Brockhaus. Meilensteine. Multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden, Geschichte, Kultur und Wissenschaft, Gütersloh 2011, Band 1: Völker, Staaten und Kulturen, Seite 102

28 Klaus Zemeskal: Expansion und Grenzsicherung des römischen Kaiserreiches, in: Brockhaus. Meilensteine. Multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden, Geschichte, Kultur und Wissenschaft, Gütersloh 2011, Band 3: Kriege und Konflikte, Seite 52

29 Michael Donhauser: Russland ist der große Verlierer, in: Sächsische Zeitung, 11. Februar 2015, Seite 20

30 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 12, Seite 243

31 Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, 43 Bände (in 45 Büchern), Dietz Verlag, Berlin 1964, Band 4, Seite 465

32 Michael Evers, Monika Wendel: Durst nach Stärkung des Glaubens, in: Sächsische Zeitung, 8. Juni 2015, Seite 2

33 Gabriele Krone-Schmalz: Russland verstehen, Verlag C.H.Beck, 4. Auflage 2015, München 2015, Seite 11, 166

34 Peter Scholl-Latour: Der Schwarze Mann im Weißen Haus, 5. November 2008, in: Der Weg in den neuen Kalten Krieg, Ullstein Buchverlage, 2. Auflage 2014, Berlin 2008, Seite 344, 346

35 Joschka Fischer: Wir sind auf uns gestellt, in DIE ZEIT N0, 31, 27. Juli 2017, Seite 7