Europäisches Kulturerbe im Märchenbuch

Pierre Montallier: Die Werke der Barmherzigkeit, um 1680. Quelle: Wikipedia

Die französischen Vorbilder der deutschen Märchen

Woher kommen die Märchen, die alle Welt als deutsche Geschichten kennt? Wurden sie von den Brüdern Grimm erfunden? Nein, nicht erfunden. Gefunden. Im Bekanntenkreis beispielsweise. Die Grimms lebten damals in Kassel. Daran erinnert heute das Brüder Grimm-Museum Kassel. In der Stadt wohnten die Schwestern Hassenflug, die zu den Bekannten der Brüder Grimm zählten. Deren Mutter war Hugenottin1. Folglich sprach man zu Hause Französisch. Auch die Märchen, die Mutter erzählte, kamen aus Frankreich. Viele stammten aus der berühmten Sammlung von Charles Perrault2 (1628-1703). Scheinbar urdeutsche Märchen wie Dornröschen3, Rotkäppchen4, Aschenbuttel5 oder Hänsel und Gretel6 haben französische Vorbilder.

Andere Märchen entnahmen die Grimms vergessenen Schriften des Barock, alten Anthologien oder dem Pentameron von Giambattista Basile7 (1575-1632). Was die Grimms erfunden haben, das war die Sprache der Märchen. Sie strahlte Volkstümlichkeit aus und war angereichert mit Alltagsweisheiten und regionalen Redewendungen.

Der Zauber der Märchenpoesie

Es war vor allem Wilhelm Grimm8 (1786-1859), der diese Märchenpoesie schuf, wie 1852 mit dem Märchen Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich: „ In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen: wenn nun der Tag recht heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens: und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk. Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte.“

Die erste handschriftliche Fassung von 1810 beginnt so: „ Die jüngste Tochter des Königs ging hinaus in den Wald und setzte sich an einen kühlen Brunnen. Darauf nahm sie eine goldene Kugel und spielte damit, als diese plötzlich in den Brunnen hineinfiel.“ Zwei nüchterne Sätze. Und welche Märchenpoesie hat daraus Wilhelm Grimm gezaubert. Übrigens gegen die Auffassung seines Bruders Jacob9 (1785-1863), der sie für unwissenschaftlich hielt.

 

Märchenpoesie & Barmherzigkeit

Johann Gottfried Herder. Quelle: Wikipedia

Märchen machen selbst menschliches Fehlverhalten verstehbar

Das Sammeln von Volksliedern und Märchen hatte Johann Gottfried Herder10 (1744-1803) angeregt. Der freilich zählt zu den sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt. Von ihm heißt es: „Herder der Anreger und Angeregte, der Vermittelnde, eine allzu leicht und selbstverständlich zu den anderen Größen hinzugesellte Größe der deutschen Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts.“11

Herders Idee folgten Clemens Brentano12 (1788-1842) und Achim von Arnim13 (1781-1831) mit ihrer Anthologie Des Knaben Wunderhorn14 (1806). Die enthält zwar nur Gedichte, sollte aber ursprünglich um Märchen erweitert werden. Für diesen Part wollte man die Brüder Grimm gewinnen. Doch diese Zusammenarbeit zerschlug sich. Und so machten die Grimms ihre eigene Ausgabe.

Die Märchen machen selbst verschuldetes Unglück als menschliches Fehlverhalten verstehbar. Rotkäppchen weicht vom Weg ab, Dornröschen öffnet die verbotene Tür, die Königstochter betrügt den Frosch. All diese Fehltritte zeigen den Menschen als widerspruchsvolles Wesen. Aber selbst in hoffnungsloser Lage gibt es immer noch Hoffnung. Wer im Märchen – trotz Schrecknisse – kreativ ist, findet auch eine alternative Wirklichkeit. Sogar Rapunzel18, die als Hilfe für den Geliebten nichts weiter hat als lange Haare …

Bitte Barmherzigkeit auch im Wald

Die Märchen lehren uns nicht zuletzt Barmherzigkeit. Das Uranliegen der Bibel. Vor allem aber das Lebenskonzept von Jesus Christus15 in der Spätantike. Nächstenliebe und Toleranzgedanke als lebenswerte Alternative. Besonders in unserer an Konflikten reichen Zeit im Spätkapitalismus dürften bewährte Erfahrungen der Antike durchaus dienlich sein. Würde sonst Jesus zu den sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt zählen?

„Jesus hält die Menschen offenbar für fähig, ihre mitmenschlichen Beziehungen völlig zu revolutioniere, ihnen eine neue Struktur zu geben, so dass sie nicht mehr nach »Recht und Gerechtigkeit« miteinander umgehen, unnachsichtig die ihnen zustehenden Ansprüche gegeneinander geltend mach; dass nicht mehr jeder auf seinen Interessen beharrt und bestenfalls einem gerechten Ausgleich der widerstrebenden Interessen zustimmt.16

Vermittelt uns diese antike Opferbereitschaft der Nächstenliebe etwa keine Impulse für eine grundgesetzgerechte17 Willkommenskultur im Umgang mit Wölfen? Sind Erfahrungen der Antike für den mündigen Bürger, der in unserem Rechtsstaat die Jagd zeitgemäß kultiviert, nicht zugleich auch Anregung für eine moderne Demokratie im sachkompetenten Umgang mit streng geschützten Raubtieren wie den Wölfen? Würde es den Jagdverbänden nicht gut zu Gesicht stehen, diese humane Geisteshaltung ebenso fröhlich zu verbreiten, wie Papst Franziskus momentan seine Kirche auf Vordermann bringt?

Quellen

1 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 10, Seite 285

2 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 16, Seite 687

3 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 5, Seite 628

4 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 18, Seite 589

5 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 2, Seite 173

6 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 9, Seite 471

7 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 2, Seite 613

8 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 9, Seite 151

9 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 9, Seite 150

10 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 9, Seite 698

11 Walter Flemmer : Johann Gottfried Herder, in: Die Großen – Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band VI/2, Seite 853

12 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 3, Seite 667

13 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 2, Seite 136

14 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 24, Seite 361

15 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 171

16 Gertrude Sartory: Jesus, in: Die Großen – Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt, Geschichtsenzyklopädie in 24 Bänden, Kindler Verlag, Zürich 1995, Band II/1, Seite 228

17 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 20a, Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und der Tiere, Berlin 2007, Seite 23

18 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 18, Seite 64