Barmherziges Naturverständnis

Satt und zufrieden: schlafende Katze. 8,2 Millionen Katzen leben in Deutschland. Die Bundesbürger geben jährlich 2,6 Milliarden Euro für Tierfutter aus, das meiste für Hund und Katze. Quelle: Wikipedia

Heute naturbewusster als in der Antike? Was für ein Irrglaube!

Wer behaupten möchte, die Wolfsgegner unter den heutigen Jägern seien naturbewusster als die Frühmenschen vor 130 000 Jahren, die zwar das Mammut und das Wollnashorn (Nahrungsgrundlage) ausgerottet haben, aber keineswegs den Wolf als Jagdkonkurrenten, der darf mit einigem Widerstand rechnen.

Tiere als brüderliche Mitwesen der Wildbeuter

„Bei den meisten Naturvölkern spielen Tiere eine herausragende Rolle. Ihnen werden oft göttliche Eigenschaften zugesprochen. Dies wird besonders beim so genannten Totemismus1 offensichtlich. Dieser Ausdruck geht zurück auf das Wort »ototeman« das aus dem Algonkin2, einer nordamerikanischen Indianersprache, stammt. Es bedeutet so viel wie: »Er ist aus meiner Verwandtschaft«.“3

Diese auf mythische Abstammung zurückgeführte Bindung des Menschen an die Natur widerspiegelt auch das antike religiöse Empfinden. „Von zentraler religiöser Bedeutung ist ein Naturverständnis, bei dem der Mensch als gleichwertiger Partner brüderlicher Mitwesen auftritt, und in dem etwa einzelne Tierarten einer Schutzmacht (Herr der Tiere) zugeordnet sind, die innerhalb eines Jagdrituals (Jagdmagie)4 angerufen wird.“5

Älteste Weltsicht der Menschheit und heutiges Wohlstandsgebaren

„In dieser ältesten Wirtschaftsweise der Menschheit (Wildbeuter)6 leben heute nur noch wenige Gruppen in unzugänglichen Rückzugsgebieten, so vereinzelt Eskimos in der Arktis, Buschmänner in den Halbwüsten des südlichen Afrika, Pygmäen im tropischen Zentralafrika und einige Gruppen in Australien.“5

Die heutige wohlstandsgeprägte Tierliebe zu Hund und Katze nimmt „genauso selten Anstoß wie der durchschnittliche Fleischesser am Schicksal seines Eiweißlieferanten. Die meisten greifen am liebste nach Schnitzeln zu Schleuderpreisen. Durchschnittlich 88,4 Kilogramm Fleisch verbraucht jeder Bundesbürger im Jahr.

Nicht alles davon essen die Deutschen selbst, einiges verfüttern sie gleich weiter. 2,6 Milliarden Euro geben sie jährlich für Tierfutter aus, das meiste davon, um ihre 5,5 Millionen Hunde und 8,2 Millionen Katzen satt zu kriegen.“7 Barmherzigkeit? Dafür scheint im Konsumrausch kein Platz zu sein.

Welch ein Kontrast zur antiken Weltsicht!

„Bei der totemistischen Weltsicht werden Stämme, Gruppen, aber auch Individuen einem bestimmten Tier oder einer Pflanze zugeordnet. Diese Wesen gelten als eine Art Urahn und Schutzgeist dieser Gruppe und der Umgang mit diesen Tieren oder Pflanzen ist einem besonderem Reglement unterworfen, in dessen Zusammenhang oft der Ausdruck »Tabu« verwendet wird.

So kann es zum Beispiel zu bestimmten Zeiten »tabu« sein, das betreffende Tier zu jagen oder zu essen. Meist wird dabei angenommen, dass besondere Fähigkeiten eines Tieres auch bei den Menschen, die ihnen zugeordnet sind, wieder gefunden werden können.“3 Ein Verhalten, das dem Tier Respekt zollt. Bewusst Tiere ausrotten, wie das im vorigen Jahrhundert die Jäger mit dem Wolf gemacht haben, wäre den Steinzeitjägern nie und nimmer in den Sinn gekommen. Die Massentierquälerei im heutigen Spätkapitalismus war ebenfalls vor Urzeiten unvorstellbar.

Als hätten die Politiker, die diese Wirtschaftsweise tolerieren, das 200 Seiten dicke Apostolische Schreiben von Papst Franziskus überhaupt nicht gelesen. Darin kritisiert der Papst mit scharfen Worten ebendiese Wirtschaftsweise: „Diese Wirtschaft tötet!“20

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Ich gebe dir, damit du mir gibst

San- Frau in Botswana. Die San lebten ursprünglich im südlichen Afrika als reine Jäger und Sammler mit einer eigenen Stammesreligion. Quelle: Wikipedia/ Lisa Gray

Die Stammesreligion und ihre Opfergaben zur Unterwerfung

„Unter dem Begriff »Stammesreligion«8 verbirgt sich eine ungeheure Vielfalt religiöser Vorstellungen, die zur geistigen Welt der so genannten Naturvölker gehören. Darunter versteht man jene Völker, deren gemeinsames Merkmal das Fehlen einer eigenen Schriftkultur darstellt und die in nichtstaatlichen, kleinen sozialen Einheiten leben – den Stämmen.“3  Zu jenen Völkern zählten ursprünglich auch die San. Die Stammesreligion war ihre Umgangskultur mit den übernatürlichen Kräften.

„Übernatürliche Kräfte sind für den Menschen überall und ständig spürbar und manifestieren sich in Naturerscheinungen, Pflanzen, Tieren oder Steinen.“3  Wie damit umgehen? „Mit dieser übersinnlichen, höheren Welt muss der Mensch in Kontakt treten und so bedient er sich des in allen Religionen der Welt üblichen Opfers, um seine Unterwerfung unter die übernatürlichen Mächte auszudrücken.“3

Die heutige Renaissance des antiken Opferkults

Wie Opferkult funktioniert? „Dies funktioniert nach dem Grundsatz »do ut des« (lateinisch: ich gebe dir, damit du mir gibst). Dabei glaubt der Mensch durch das Opfern von wertvollen Gaben, Tieren und auch Menschen die Gottheiten zu erfreuen oder zu besänftigen, um sie sich so gewogen zu machen.“3

Hat sich diese religiöse Umgangsform der Antike etwa bis heute erhalten und erlebt in Form von Sharing eine Renaissance?

Rituelle Handlungen mit Gesängen und Tänzen

Die Antike pflegte zum Opferkult bestimmte Rituale. „In engem Zusammenhang dazu stehen kultische Praktiken, die meist an Orten, an denen man sich der Gottheit am nächsten wähnt, abgehalten werden. Dies können Gewässer, Berge, Höhlen oder sonstige Plätze sein, die im besonderen Zusammenhang zu den Göttern gedacht werden. Diese rituellen Handlungen werden sehr oft in Verbindung mit Gesängen und Tänzen abgehalten. “3

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Die antiken Imitationen der Kirche

Anfang der Divinae institutiones in einer Renaissance-Prachthandschrift (Florenz ca. 1420-1430) Quelle: Wikipedia

Tradition und Sprachgebrauch reichen zurück bis in die vorchristliche Zeit

Die Gepflogenheiten der unchristlichen Antike9 (historische Epoche des Altertums10 im Mittelmeerraum im Zeitraum um 3 000 v. Chr. bis zum Ausgang der griechisch-römischen Antike um 600 n. Chr.) hat die Kirche durchaus fleißig imitiert.

Nehmen wir den Begriff Religion11. „Cicero12 (»De natura deorum«, 2,72) stellt »religio« zu dem Verbum »relegere« (sorgsam beachten) und definiert demgemäß Religion als »die sorgfältige Beachtung all dessen, was zum Kult der Götter gehört«“11

Lactanz zelebriert christliche Religion

„Der christliche Schriftsteller Lactanz13 (etwa 250 -317) interpretierte »religio« dagegen mit »Bindung an Gott«, womit ausschließlich der christliche Gott gemeint war.“14 Bediente sich Lactanz hier etwa nicht der zuordneten „totemistischen Weltsicht“3? Seine spätantike Apologie »Divinae institutiones « (Göttliche Unterweisung) umfasst 7 Bücher und verteidigt das frühe Christentum gegen die heidnische Kritik seiner Umwelt, namentlich gegen die antike Philosophie und Mythologie.

„Lactanz führte auch die Unterscheidung von falscher und wahrer »religio« ein, wobei das Christentum für sich beanspruchte, die einzig wahre Religion zu sein.“14 Belegt der antike Kirchengelehrte mit seinem Tun nicht auf klassische Weise die These des 25-jährigen Karl Marx15? Der hatte 1843 konstatiert: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.“16

Der Altar und die Sprache des Opferkults

„Der Altar als besonderer Platz, wo man Göttern opfert, existierte lange vor Jesus Christus in fast allen Religionen dieser Erde.“17 Überhaupt hat sich die Kirche am Sprachgebrauch vom »Opfer bringen« – „ in einer kultischen Handlung vollzogene Hingabe von jemandem“18 – reichlich bedient.

Beispielsweise der „Opfergottesdienst“ »Eucharistie« = »Danksagung«, „seit Ausgang des 1. Jahrhunderts sich durchsetzender Begriff für das Abendmahl in der Kirche“.19 Eine Handlung, „die Priester, welche ursprünglich mit dem Gesicht zur Gemeinde das Opfer vollziehen (den Kreuztod Christi in der Eucharistie vergegenwärtigen)“.18  

An die antiken Opferhandlungen, „sehr oft in Verbindung mit Gesängen und Tänzen abgehalte “,3 erinnert die Hubertusmesse im November-Wald als eine instrumental erklingende Messe. Überhaupt ist viel von »Opfer«18 die Rede: »Messopfer«, »Opfergang«. »Opferbüchse«, »Opfergaben«, »Opfergeld«, »Opferpfennig«, »Opferstock«, »Opferteller«

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Quellen

1 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1993, Band 22, Seite 269

2 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1986, Band 1, Seite 364

3 Otto Schertler: Stammesreligionen und vorgeschichtliche Religionen, in: Brockhaus Meilensteine, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden zur Geschichte, Kultur und Wissenschaft, Gütersloh 2011, Band 2: Religionen und Glaubensformen, Seite 15, 14

4 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 71, 74

5 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 74

6 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 24, Seite 192

7 Andreas Sentker: Respekt, in: DIE ZEIT N0 15, 8. April 2010, Seite 35

8 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1993, Band 21, Seite 77

9 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1986, Band 1, Seite 641

10 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1986, Band 1, Seite 440

11 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 18, Seite 267

12 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 4, Seite 580

13 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 12, Seite 681

14 Ulrich Nanko: Religionen – Einheit in der Vielheit? Die Geschichte eines Begriffs , in: Brockhaus Meilensteine, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden zur Geschichte, Kultur und Wissenschaft, Gütersloh 2011, Band 2: Religionen und Glaubensformen, Seite 12

15 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 14, Seite 260

 16 Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, 43 Bände (in 45 Büchern), Dietz Verlag, Berlin 1961, Band 1, Seite 379  

17 Walter Krämer, Götz Trenkler: Lexikon der populären Irrtümer, 500 kapitale Missverständnisse, Vorurteile und Denkfehler von Abendrot bis Zeppelin, Vito von Eichhorn Verlag, Frankfurt am Main 1996, Seite 18

18 Deutsches Wörterbuch in 3 Bänden, in: Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, (die Bände 26, 27, 28 mit 500 000 Stichwörtern und Kurzdefinitionen), Mannheim 1995, Band 27, Seite 2445, 2454

19 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 6, Seite 614

20 Evelyn Finger: Weltmacht Franziskus: in: DIE ZEIT N0 11, 6. März 2014, Seite 62