Quelle unseres Wohlstandes verramschen?

Braunkohlen-Tagebau in Australien. Quelle: Wikipedia/Stephen Codrington

Oder mit Visionen mutig Zukunft probieren?

Von Dieter Görner

Die Lausitzer Braunkohle und damit ein Stück Heimat und Identität unserer Region – aber auch ein Stück europäischer Hochkultur - wird gleichermaßen von auswärtigen wie ausländischen Kohlegegnern zunehmend gemeingefährlich diffamiert. (siehe Pfingstrandale 2016 mit über 100 Festnahmen). Purer Aktionismus, aber offensichtlich ohne zu begreifen, dass sich - eine über Jahrhunderte entstandene europäische Zivilkisations-Entwicklung weder mit Hau Ruck noch ohne jegliche Visionen stoppen lässt. Vor diesem historischen Hintergrund fordern die Mitglieder der »Lausitzrunde« vom Bund, die Braunkohleverstromung mindestens bis 2050 als Brückentechnologie zu nutzen, aber zugleich als prioritäres Ziel, „die Lausitz zur Europäischen Modellregion für Strukturentwicklung zu machen.“20 Allerdings reicht allein der kommunale Schulterschluss? 

Jetzt ist vor allem die Landesregierung gefragt

 „Bei allem Respekt vor den Wirtschaftsförderern, Bürgermeistern und Landräten in der Region - aber hier ist vor allem die Landesregierung gefragt.“22  Begründung? „Dresden wäre heute nicht so ein Zentrum der Informationstechnologien, wenn das die sächsische Landesregierung nicht so intensiv gewollt und gefördert hätte. Dieses Engagement müssen wir jetzt auch für die Lausitz einfordern.“22 Dagegen sind die Pfingstrandale 2016 der Protestbewegung »Ende Gelände« nichts als kriminelle Übergriffe im Lausitzer Braunkohlenrevier,21 wie die über 100 Festnahmen belegen dürften. Zurück bleibt bestenfalls eine Erinnerung an eine Orgie von Gewalttätigkeit und Chaos. Und das soll zukunftsweisend sein? Gewalt löst keine Probleme. Diese historische Erfahrung muss endlich in die randalierenden Hohlköpfe! rein. Schließlich leben wir im stinknormalen - besser realexistierenden - Spätkapitalismus.

Wirtschaftsexperte Dr. Günter Seifert erläuterte Visionen

Auf der Podiumsdiskussion am 18. Mai 2016 zum Thema »Die Zukunft der Lausitz – mit oder ohne Braunkohle?«- veranstaltet von Sorvia und moderiert von der Zentralstelle für politische Bildung in Sachsen – erläuterte Wirtschaftsexperte Dr. Günter Seifert vom »Traditionsverein Glückauf Schwarze Pumpe« mehrere Visionen zur zukunftsfähigen stofflichen Nutzung von Braunkohle. Zu dieser Thematik werden wir in einem Dossier ausführlich und aus unterschiedlichen Perspektiven  berichten. Doch angesichts der Pfingstrandale  gehen wir heute der Historie auf den Grund. Allerdings mit der Mahnung im Ohr: „Wir begehen häufig den Fehler, historische Prozesse nicht als solche zu behandeln, sondern als Forderung des Tages, oder wir verstehen es nicht, die Forderungen des Tages als historische Forderungen zu betrachten, das heißt, sie mit dem Geschichtsverlauf zu verbinden. Aus dieser Unfähigkeit ergeben sich schiefe Proportionen.“1

Die Rolle der Braunkohle in Europa

Wann genau und wo begann in Europa die Kohle für unseren heutigen Wohlstand die entscheidende Rolle zu spielen? Und warum ist der verantwortungsvolle Umgang zur nachhaltigen Nutzung der Braunkohle keine Bedrohung, sondern eine grandiose Herausforderung?

Ungefähr 15 bis 20 Millionen Jahre schlummerte die Braunkohle unerkannt unter der Erde der Lausitz. 2 Bis zu „den ersten Braunkohlenfunden 1734 um Zittau“ 3 – andereChronisten  berichten von Funden „im Jahr 1787 am Butterberg zu Bockwitz, dem heutigen Lauchhammer Mitte.“2 Allerdings „zunächst zur Gewinnung von Heizmaterial und ab 1871 zur Brikettierung [...] Die ab 1890 einsetzende konsequente Förderung machte die Braunkohle zum dominierenden Energieträger des damaligen mitteldeutschen Raumes und die Lausitz zum Hauptlieferanten Mittel- und Ostdeutschlands.“4

„Mit der Energie aus der Kohle und auf der Grundlage anderer heimischer Rohstoffe wurden unter anderem auch Ziegel, Keramik, Glas und Eisen produziert. Die Industrialisierung der Niederlausitz war nahezu ausschließlich auf den Rohstoff Braunkohle ausgerichtet.“ 4 „Die Lausitz bleibt eine Energieregion. Hier beginnen Starkstromleitungen in alle Himmelsrichtungen.“22 Schließlich ist die Region ein energetisches Kompetenzzentrum. „Das Leag-Vorgängerunternehmen Vattenfall hat an der Hochschule Zittau/Görlitz zwei Stiftungsprofessuren finanziell unterstützt, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Außerdem vergaben Vattenfall und vergibt jetzt die Leag Forschungsprojekte an die Hochschule, die sich ja traditionell mit Energiewirtschaft befasst.“22

Die Begründung eines Zeitalters

Doch lange bevor die hiesige Braunkohle das Leben in der Lausitz zu dominieren begann, wurde in Großbritannien die Dampfmaschine zur Antriebsquelle der Zivilisation. James Watt 5 (*1736 bis †1819) gelang „1765 der Schritt von der atmosphärischen Kolbenmaschine zur ersten direkt wirkenden Niederdruckmaschine. Sie reihte sich ein in die Galerie der »50 wichtigsten Erfindungen der Menschheit«. 9 Mit der Patentvergabe 1769 nahm das eigentliche Industriezeitalter seinen Anfang.“ 6 Die Folge? „Von 1700 bis 1900 wurden sechsmal so viele Erfindungen gemacht wie in 1 700 Jahren zuvor.“ 7

Doch „die »industrielle Revolution«, eine französische Wortschöpfung aus der Zeit um 1830, war zwar eine gewaltige Umwälzung, aber auch ein Prozess, der sich über den Zeitraum von 1750 bis 1850 erstreckte.“ 7

Großbritannien gab das Tempo an

„Aber es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die tiefgreifenden Veränderungen, die Mitte des 18. Jahrhunderts an in Großbritannien vorgingen und es zum mächtigsten Land Europas machten, von der Kohle ausgelöst wurden.“ 8

„Schon 1760 förderte England 5 Millionen Tonnen Kohle. Das Ruhrgebiet erreichte solche Fördermengen erst 100 Jahre später. Um 1900 heißen die großen Industrienationen Großbritannien, Deutschland und USA. Frankreich, Belgien, Italien, Russland und Japan sollten bald folgen.“ 7

Wohlstand und Vertreibung

Im 20. Jahrhundert folgte die Massenproduktion am Fließband (1913, Autopionier Henry Ford *1836 bis †1947)10 und die Automatisierung. „Die drei Industrierevolutionen gebaren märchenhaften Reichtum. Das Pro-Kopf-Einkommen in Westeuropa wuchs seit 1820 real um das 16-Fache, in den USA um den Faktor 24.“11

Diese dynamische  Entwicklung blieb auch für unsere Region nicht ohne Folgen. „In den viel gelobten »goldenen zwanziger Jahren« 1924 – 1928 setzte sich die technische Entwicklung der Lausitzer Braunkohlenindustrie auf nunmehr verdoppeltem Areal verstärkt fort.“12 „So liefen 1935 von insgesamt 18 deutschen Abraumförderbrücken nicht weniger als 11im Lausitzer Braunkohlenrevier.“ 12 Das bedeutete einerseits: „Die Kohleindustrie brauchte Arbeiter. Eine erste Welle von Ansiedlern kam in den zwanziger Jahren aus dem Ruhrgebiet in die Lausitz.“13 Andererseits verschlangen die Großgeräte auch Land. Das ging zu Lasten der Urbanisierung.

„1924 musste das erste Lausitzer Dorf weichen. Seither hat sich der Vorgang 138 Mal widerholt. [...] Etwa 30 000 Menschen mussten zugunsten der Kohleförderung ihren Wohnort und oft auch die mit ihm verbundene Lebensweise aufgeben.“14

Leitbild für das 21. Jahrhundert

Doch das Leitbild für das 21. Jahrhundert ist die Nachhaltigkeit. Sie wurde allerdings bereits 1713 von Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz15 (*1645 bis †1714)  in seinem Buch über die Ökonomie der Wälder begründet.16 Für die weltweite Nachhaltigkeit formulierten die Staats- und Regierungschefs aus aller Welt 2015 in der auf der UN-Vollversammlung verabschiedeten Agenda 17 Ziele, die für alle Länder gelten. Mit deren Hilfe soll bis 2030 die Zukunft unseres Planeten verbessert werden.

„Auf der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015 haben 195 Staaten ein bahnbrechendes Klimaabkommen beschlossen. Es ist ein Versprechen an die Generationen unserer Kinder und Enkel: „Wir werden euch keinem gefährlichen Klimawandel aussetzen.17 Denn: „Jedes Jahr wird heute etwa ebenso viel fossiler Brennstoff verbraucht, wie sich in einer Million von Jahren gebildet hat.18

Würden wir nämlich weiterhin „die bekannten und vermuteten Vorkommen ausbeuten und zur Energiegewinnung einsetzen, lägen die globalen Emissionen in einer Größenordnung von 15 000 Gigatonnen CO2. Die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen bedeutet also: von 15 000 Gigatonnen CO2 in Form von Öl, Kohle und Gas müssen wir mindestens 14 000 im Boden lassen! 17

Deshalb haben die im Deutschen „Bundestag vertretenen Parteien beschlossen, dass wir unsere Treibhausgase bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 reduzieren wollen. Als Zwischenziele wurden beschlossen: Minderung der Treibhausgase bis 2020 um 40 Prozent, bis 2030 um 55 Prozent und bis 2040 um 70 Prozent“17

Alte Bibelweisheit  auf dem Weg in die Zukunft

Unser Zukunfts-Engagement  sollte getragen sein von der uralten Weisheit: „Gedenke der vorigen Zeiten und habe Acht auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht.“19       

 

 

 

 

 

 

Quellen:

1 Johannes R. Becher: Macht der Poesie, in: Bekenntnisse, Entdeckungen, Variationen, Berlin und Weimar  1968

2 Torsten Richter, Ringo Jünigk: Lausitzer Seenland. Ein Wasserkunstwerk vor der Vollendung, Edition Limosa, Clenze 2012, Seite 19

3 Friedhelm Schulz im Gespräch mit Mirko Kolodziej über sein Buch »Drei Jahrhunderte Lausitzer Braunkohlenbergbau«, in: Hoyerswerdaer Tageblatt, 24. Mai 2016, Seite 15

4 Marion Quitz: Der Bergbau und seine Auswirkungen auf Kirchen und Kirchengemeinden der Ober- und Niederlausitz, in: Verlorene Heimat, Evangelische Kirchengemeinde Horno, 2007, Seite 8

5 Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, Mannheim 1994, Band 23, Seite 651

6 Andreas Braun: Die Dampfmaschine – Antriebsquelle des 19. Jahrhunderts, in: Brockhaus Meilensteine – Geschichte, Kultur und Wissenschaft, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden, Gütersloh 2011, Band 6, Große Erfindungen, Seite 186

7 Andreas Braun: Vom Glanz einer zweiten Schöpfung- Das Industriezeitalter, Brockhaus Meilensteine – Geschichte, Kultur und Wissenschaft, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden, Gütersloh 2011, Band 6, Große Erfindungen, Seite 200, 201,

8 Michael Andrews: Europa- Entstehung und Entwicklung eines Kontinents , RVG-Interbook Verlagsgesellschaft, 1994, Seite 200

9 Großes Extra-Heft, präsentiert von HÖRZU WISSEN, Seite 14

10 Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, Mannheim 1988, Band 7, Seite 455

11 Josef Joffe: Feierabend forever! in: DIE ZEIT N0 12, 10. März 2016, Seite 23

12 Frank Förster: Wie die Braunkohlenindustrie in den Raum Hoyerswerda kam, in: Hoyerswerda – Geschichte und Geschichten aus Dörfern und Städten, Geiger-Verlag, Horb am Neckar 1992, Seite 44

13 Otto Lasowsyki (Pseudonym): Um die Identität einer Landschaft und ihrer Bewohner, in: Hoyerswerda – Geschichte und Geschichten aus Dörfern und Städten, Geiger-Verlag, Horb am Neckar 1992, Seite 37

14 Das Erbe des Braunkohlentagebaus, in Sächsische Zeitung, 24. Mai 2016, Seite 18

15 Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, Mannheim 1988, Band 7, Seite 476

16 Nachhaltig in die Zukunft, in DIE ZEIT N0 15, 31. März 2016, Seite 64

17 Rainer Baake: Some like it hot, in: DIE ZEIT N0 13, 17. März 2016, Seite 9

18 Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, Weltatlas, Atlas zum 21. Jahrhundert, Mannheim 2004

19 5. Mose 32, 7

20 Thomas Staudt: Treffen mit Sigmar Gabriel verschiebt sich, in: Sächsische Zeitung 21. September 2016, Seite 18

21 Irmela Henning: Das waren kriminelle Aktionen, in: Sächsische Zeitung, 19. Mai 2016, Seite 21  

22 Zittaus IHK-Chef Matthias Schwarzbach: Wir brauchen ein Image als macher, in: Sächsische Zeitung 2. August 2017, Seite 19