Diskurs mit Päpsten und der Riesenstollen

Der Dresdner Christstollen (Konditorei Maaß) repräsentiert eine fast 700-jährige Tradition. Quelle: Wikipedia/Lyzzy

Schmackhaftes Weihnachtsgebäck in traditionsreicher Fastenzeit?

Riesenstollen? Ja, 1,8 Tonnen schwer und etwa 7 Meter lang. Sag bloß. Aber war Stollen nicht ursprünglich ein karges Gebildegebäck der Klöster zur Fastenzeit im Advent? Urkundlich erwähnt wurde er erstmals 1329 als Weihnachtsgabe für Bischof Heinrich vom Bistum Naumburg in der Saalestadt. Gebacken aus Mehl, Hefe und Wasser á la dem Hinweis von Jesus in der Bergpredigt (Mt 6, 16-18) zur Demut.

Der Appetit der Dynastie Wettin

Doch 145  Jahre später schmeckte den Herren der Dynastie Wettin dieses Demutsgebäck nicht mehr. Folglich zauberte Hofbäckermeister Heinrich Drasdo aus Torgau ein schmackhaftes Festgebäck ähnlich heutiger Weihnachtsart. Man nannte das Gebildegebäck Striezel. Und das bedeutete schwerer Hefeteig mit Butter, Rosinen, Sultaninen oder Korinthen sowie Zitronat und Orangeat, bestrichen mit ausgelassener Butter, die wiederum bestäubt wurde mit damals sündhaft teurem Zucker. Denn den hatten 1100 die Kreuzfahrer erstmals seit der Antike nach Europa gebracht, wo er auch als Arzneimittel galt. Das üppige Fürstengebäck war freilich ein glatter Verstoß gegen den christlichen Fastenbrauch, der bis ins 4. Jahrhundert zurückreicht und für Weihnachten 40 Fastentage vorsah.

Hartnäckige Wettiner beknien Päpste

Doch auf den Geschmack gekommen, wandte sich aus dem Hause Wettin Kurfürst Friedrich II. der Sanftmütige (1412-1464) an Papst Nikolaus V. (1397-1455) mit der Bitte, das Weihnachtsgebäck mit den reichhaltigen Ingredienzien den hohen Herren im Kurfürstentum Sachsen zu genehmigen. Denn der darin enthaltene Zucker sei eine wirksame Arznei, die das Fieber senke und den Wolfsbiss heile, falls man ihn bei einer der zahlreichen Jagden erleide.

Allerdings der humanistisch gebildete Papst Nikolaus V. – Begründer der Vatikanischen Bibliothek – wehrte sich standhaft gegen diese sündhafte Backware. Die Wettiner freilich waren hart gesotten und  ließen nicht locker. Auch Albrecht der Beherzte (1443-1500), der Begründer der albertinischen Linie des Hauses Wettin, versuchte wiederholt sein Glück. Auf diese Weise beknieten die Wettiner Papst Kalixt III. (1378-1458), Pius II. (1405-1464), Paul II. (14171471) und Sixtus IV. (1414-1484), bis endlich Georg der Bärtige (1471-1539) im Jahr 1491 Papst Innozenz VIII. (1432-1492) erweichen konnte. Der sächsische Herzog sollte 33 später mit Landgraf Philipp von Hessen (1504-1567) und Heinrich II. von Braunschweig (1489-1568) im Mai 1524 im Deutschen Bauernkrieg das Heer der aufständischen Bauern in Frankenhausen vernichten.

Über ein halbes Jahrtausend Striezelmarkt

Seit 1434 findet alljährlich im Advent auf dem Altmarkt in Dresden der Striezelmarkt statt. 2011 feierte Dresden den 577. Von 1994 an veranstaltet man zudem am Sonnabend vor dem 2. Advent auf diesem Weihnachtsmarkt das von Peter Mutscheller ins Leben gerufen Stollenfest. Es knüpft an das Zeithainer Lustlager von 1730 an. Damals trumpfte August der Starke (1670-1733) mit dem »größten Stollen der Welt« auf. Der gefallsüchtige Regent hatte im so genannten Augusteischen Zeitalter bereits 1695 mit Europas längsten Karneval, dann 1709 mit einem vierwöchigen pompösen Hoffest und 1719 mit Europas glanzvollster Hochzeit von sich reden gemacht. Augustus Rex ließ diesen Riesenstollen nach von Bäckermeister Zacharias und sechzig Bäckerknechten vor 48 europäischen Fürsten und 30 000 soldatischen Augenpaaren in 24 000 Portionen aufteilen. Das Stollenmonster wog 1,8 Tonnen, war etwa 7 Meter lang, ca. 3 Meter breit und 30 cm hoch. Doch dieser damals »größte Stollen der Welt« wird auf dem heutigen Stollenfest mit einem 2,5 Tonnen schweren Stollen überboten und unter den Blicken tausender Schaulustiger auf einem Pferdegespann in einem prächtigen Festumzug durch die Dresdner Altstadt gezogen.

Das Stollenfest erinnert zugleich an den Siebenlehner Bäckerkrieg von 1615. Er war der Höhepunkt eines Konkurrenzkampfes der Bäcker aus Siebenlehn und Meißen, die »fuderweise« ihre Stollen auf den Striezelmarkt gekarrt hatten. Erst 1648, nach Ende des Dreißigjährigen Krieges,  erhielten die Dresdner Bäcker das Privileg, ihre Stollen in Dresden ganz allein feil bieten zu dürfen.

Die Bäckermeister konkurrieren bis heute

Nichtsdestotrotz hält der Konkurrenzkampf der Bäckermeister um den Stollen bis in unsere Tage an. Seit 1997 darf die Bezeichnung »Dresdner Stollen« nur noch für Backwaren aus dem Raum Dresden verwendet werden. Auf die Einhaltung dieses Produktschutzes wacht der »Schutzbund Dresdner Stollen e.V.“, der die Interessen von nahezu 150 Lebensmittelhandwerkern der dortigen Bäckerzunft vertritt. Diesem Beispiel folgte im Weihnachtsland der »Stollenverband Erzgebirge e.V.», der seit dem 27. September 2011 über das Qualitätssiegel »Erzgebirgischer Weihnachtsstollen« wacht.