Sachens Stärken

Die in der am 1. Januar 1837 gegründeten Maschinenbauanstalt Übigau bei Dresden gebaute Lok Saxonia war die erste funktionstüchtige in Deutschland gebaute Dampflokomotive. Quelle: Wikipedia/ Jürgen Heegmann.

Was wurde im Freistaat schon alles erfunden?

Eine gewiss unvollständige Übersicht
Tradition sächsischer Erfinderkultur mit neuen Impulsen

Dieter Görner

Insgesamt entstanden zwischen 1800 und 1830 wenigstens 191 Fabriken mit unterschiedlich hohem Vollkommenheitsgrad, und zwar in der Textilindustrie, dem Maschinenbau und der Papierherstellung, letztere 1828 maschinell erstmals in Sebnitz erfolgend. Dieser revolutionäre Industrialisierungsprozess erfasste in seiner ersten Phase zunächst das Erzgebirge, etwas später auch das Vogtland. Die Ober- und Niederlausitz, das Leipziger Gebiet und der Dresdner Raum blieben davon bis 1830 weitgehend unberührt. Erst in der zweiten Phase der Industriellen Revolution in Sachsen nach 1830 wurden auch diese Gebiete von der Industrialisierung erfasst.1 Immerhon scheuten sich die gleichermaßem traditionsbewussten wie innovativen Sachen selbst vor antiken Wissen nicht, pflegten aber mutig revolutionäre Traditionen, wie die Lokomotive »Saxionia« und die Göltzschtalbrücke beweisen.

Das größte Industriegebiet Deutschlands

So wurde Sachsen einmal für jene Jahrzehnte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts völlig zutreffend als das größte Industriegebiet Deutschlands bezeichnet. 1 Das Königreich Sachsen mutierte zum Schrittmacher als sich Europa kapitalistisch profilierte? Und dann dieser industrielle Absturz mit der Wende 1990! Irgendwann hieß es bereits:Tschüss, Erfindergeist! Deshalb sollten wir uns nicht ewig beim Wunden lecken aufhalten, sondern mit Innovationen aufwarten. Das Zeug dazu haben wir durchaus. Nach einem Wort von Theodor Heuss ist es keine Schande, hinzufallen, aber es ist eine Schande, einfach liegen zu bleiben.

Wer kann schon heute noch sämtliche Sächsische Innovationen vollzählig aufzählen?

Sachsen erfand:      • Das europäische Porzellan
                               • die Pluderhose
                               • das synthetische Waschmittel
                               • die Waschmaschine
                               • das Mundwasser
                               • die Zahnpasta
                               • die Reiseschreibmaschine
                               • die Ansichtskarte
                               • das Frotteehandtuch
                               • die Spiegelreflexkamera
                               • das digitale Satellitenradio
                               • das moderne Kondom
                               • den Kaffeefilter
                               • den Teebeutel

Sachsen erbaute: • die erste deutsche Lokomotive
                               • die erste deutsche Ferneisenbahn
                               • die erste Seilbahn
                               • das erste Pumpspeicherwerk der Welt
                               • den ersten mechanischen Tuchwebstuhl der Welt
                               • die erste Stahlgitterhängebrücke ohne Flusspfeiler
                                  »Blaues Wunde

 

Sächsische Großunternehmen:
                               • Audi
                               • Dresdner Bank
                               • Melitta
                               • Strabag
                               • Wella

Bildungsstätten:      • Freiberg: 1. Bergakademie
                               • Leipzig: 1. Musikkonservatorium
                               • Die 1409 gegründete Uni Leipzig wird Zentrum der Aufklärung in
                                 Deutschland.

 

Sächsische Merkwürdigkeiten:
Sechsstädtebund (1346-1815: längste Koalition Deutschlands)
• Schirgiswalde       (1809-1845: kleinster Freistaat Deutschlands)
Zittauer Gebirge    (15 x 5 km:  kleinstes Mittelgebirge Europas)
Görlitz: östlichste Stadt Deutschlands
Oberlausitz: erste Wolfsregion Deutschlands
Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft:
  größte zusammenhängende Teichlandschaft Mitteleuropas
Lausitzer Seenland: Europas größte künstliche Wasserlandschaft
Sächsische Schweiz
Riesenstollen (1730: größter Stollen der Welt)
Umgebindehaus
• Die bekanntesten deutschen Knabenchöre: Kreuzchor in Dresden, Thomanerchor
   in Leipzig
• Hoyerswerda züchtete die weltweit bekannte »Grüne Birne« 

 

Sächsische Spezialitäten
Meerrettich (von Westslawen eingeführt)
Lausitzer Leinöl
Dresdner Christstollen (seit 1491)
Pulsnitzer Pfefferkuchen (seit 1558)
Leipziger Allerlei (seit 1815, nach den napoleonischen Kriegen [1803-1815])
Bautzʼner Senf (seit 1866)
Bio-Karpfen
Kamenzer (Würstchen)
Pizza »Margherita«

 

Sächsische Geistesgrößen
Adam Ries (1493-1559), begründete die Montanwissenschaften
Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), letzter Universalgelehrte
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)
Johann Gottlieb Fichte (1762-1814)
Friedrich Nietzsche (1844-1900), Philosoph, Autor von »Also sprach Zarathustra«
Wilhelm Ostwald (1853-1932), Nobelpreisträger (1909), begründete die
   physikalische Chemie
Fritz Foerster (1866-1931), begründete die Elektrochemie
Manfred von Ardenne (1907-1997), hielt rund 600 Erfindungen und Patente in der
  Funk- und Fernsehtechnik, Elektronenmikroskopie, Nuklear-, Plasma- und
  Medizintechnik

 

Sachsen schreibt Europageschichte
Das kleinste Volk Europas sind die Westslawen (Sorben). Sie sind zugleich die
  ersten sesshaften Siedler Sachsens.

Sachsen schreibt mit der deutschen Ostbesiedlung europäische
   Siedlungsgeschichte
.

Das Herzogtum Sachsen ist (1470-1530) in der Zeit des Frühkapitalismus und der
  frühbürgerlichen Revolution europäische Wirtschaftsmacht.
  (Geschichte Sachsens, Seite 174)

Sachsen ist das Geburtsland der Reformation
  Herzog Georg der Bärtige (1471-1539) begrüßt ausdrücklich die 95 Thesen von
  Martin Luther (1483-1546).
  (Geschichte Sachsens
, Seite 184)
  Seine Thesen soll der 34-Jährige am 31. Oktober 1517 angeblich an die Tür der
  Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. Dabei hat mit großer
  Wahrscheinlichkeit dieses denkwürdige Ereignis niemals stattgefunden.
  (Lexikon der populären Irrtümer, Seite 209)

Die erste Rechenmaschine der Welt erdachte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-
  1781) in Leipzig, bevor 1878 in Glashütte die erste Rechenmaschine der Welt
   industriell produziert wurde. 

• Im Augusteischen Zeitalter (1694-1763) stieg das Kurfürstentum Sachsen (in 
  Personalunion Sachsen-Polen ab 1697) unter August den Starken (1670-1733) und
  Friedrich August II. (1696-1763) zur europäischen Großmacht auf.
  (Geschichte Sachsen, Seite 249)

Die erste deutsche Staatsbank gründete 1698 August der Starke (1670-1733)  –
  seiner Zeit weit voraus – in der Messestadt Leipzig. Das Eigenkapital betrug
  zwei Millionen Taler. Sechs Prozent Zinsen waren garantiert. Kreditgeschäfte
  versprachen maximal neun Prozent. Aber die Kaufleute – offenbar immer noch dem
  Mittelalter verhaftet – blieben skeptisch. Also musste August 1706 die einst so stolz
  gegründete Staatsbank wieder schließen.

Sachsen erzeugt am 15. Januar 1708 das europäische Porzellan. Das geschah
  1500 Jahre nach der Erfindung des chinesischen Porzellans. Als die Chinesen mit
  dem hauchzarten Porzellan hantierten, lebten in den Gefilden von Sachsen Kelten  
  und Germanen, die zwar Keramik brennen konnten, aber weder Glas kannten (seit
  1 600 v. Chr. bekannt) noch Emaile oder Münzen. Die Germanen hatten gerade von
  den Kelten gelernt, Raseneisenstein in Rennöfen zu schmiedbaren Eisen zu
  verhütten und Sicheln herzustellen. Die Sense blieb noch lange unbekannt.

1722 gründen Protestanten aus Mähren in Herrenhut die Brüder-Unität, die weltweit
  wirkt.  

Sachsen ist 1800 Geburtsland der deutschen Industrierevolution.
  (Geschichte Sachsens, Seite 298,300)

Sachsen ist Schrittmacher des deutschen Eisenbahnbaus.
  (Geschichte Sachsens, Seite 343)

Die höchste Eisenbahnbrücke der Welt ist die Göltzschtalbrücke (erbaut 1849-
  1851)
  (Geschichte Sachsens, Seite 344)

1862 beginnt in Dresden der Siegeszug der Zigarette in Europa.

Die erste Goldmedaille für ein deutsches Produkt errang 1862 die Firma
  Zimmermann aus Chemnitz auf der Weltausstellung in Paris für ihre Maschine zur
  Metallbearbeitung.

Die Gründung der SPD geht aus der von August Bebel in Chemnitz gegründeten
  Sächsischen Volkspartei hervor.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges besiegeln sowjetische und amerikanische
  Streitkräfte in Torgau an der Elbe.

Das Taschenbergpalais der Gräfin Cosel wird in Dresden nach Originalplänen zu
  einem der führenden Hotels Europas wieder aufgebaut.

Das größte Infrastrukturprogramm der europäischen Wirtschaftsgeschichte
  realisiert Sachsen nach der Wende 1990.

 

Sachsen schreiben europäische Kunstgeschichte
Maler wie:               • Caspar David Friedrich (1774-1840)
                                • Adrian Ludwig Richter (1803-1884)
                                • Otto Dix (1891-1969)
                                • Georg Baselitz (1938-)

Komponisten wie: • Heinrich Schütz (1585-1672)
                                  komponierte die erste deutsche Oper (»Daphne«)
                                • Johann Sebastian Bach (1685-1750)
                                • Carl Maria von Weber (1786-1826)
                                • Robert Schumann (1810-1856)
                                • Richard Wagner (1813-1883)

1905 gründen im Dresdner »Topflappenviertel« (zwischen Dresdner Hauptbahnhof und Stadtteil Friedrichstadt) vier junge Architekturstudenten die Künstlergruppe »Brücke«, die als Wegbereiter des deutschen Expressionismus gilt:
Fritz Bleyl (1880-1966)
Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938)
Erich Heckel (1883-1970)
Karl Schmidt Rottluff  (1884-1976)

Ihnen schlossen sich später an: Cuno Amiet (1868-1961), Otto Mueller (1874-1930), Kees van Dongen (1877-1968), Emil Nolde (1867-1956) und Max Pechstein (1881-1955). 

Quellen

1 Reiner Gross: Kurstaat und Königreich an der Schwelle zum Kapitalismus (1789 – 1830), in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 302,

Sachsen tüftelt munter weiter

Der Columbia-Supercomputer der NASA mit 20 x 512 Intel-Itanium-2-Prozessoren. Quelle: Wikipedia/NASA

Tradition sächsischer Erfinderkultur mit neuen Impulsen

„Tüftler und Erfinder bleiben Sachsen treu“.1 Dafür sorgen nicht nur Forschungsstätten wie die TU Dresden und TU Chemnitz oder die Technische Universität Freiberg, die sich mit Supercomputern dem internationalen Wettbewerb stellen. Da diese Rechenmaschinen enorm viel Energie verbrauchen, tüfteln Experten bereits an Ökolösungen mit Algen. In der sächsischen Erfinderelite mischen auch die Unternehmen vom Standort Industriepark Schwarze Pumpe sowie Mitglieder des Traditionsvereins Glückauf Schwarze Pumpe kräftig mit.

Die traditionsreiche Erfinderkultur breitet sich in Sachsen wieder aus. Das sächsische Wirtschaftsministerium förderte 2015 nach eigenen Angaben „557 Technologieprojekte mit etwa 112 Millionen Euro aus europäischen Strukturfonds- und Landesmitteln“.1 Nie zuvor waren es mehr. Sachsen meldete 2013 und 2014 jeweils 968 Patente beim Deutschen Patent- und Markenamt in München an. „Der Freistaat belegt damit laut Wirtschaftsministerium den siebten Rang unter den Ländern und sei Spitzenreiter im Osten“.1 Bezogen auf die Einwohnerzahl rangiert Sachsen mit 24 Patentanmeldungen je 100 000 Einwohner auf Rang 8. „Im internationalen Vergleich glänzen die Sachsen mit besonders vielen Patenten bei Werkzeugmaschinen, der Oberflächentechnik, in der chemischen Verfahrenstechnik sowie der Elektrotechnik und im Bereich der elektronischen Energie, wie das Ministerium unter Verweis auf eien Technologiebericht mitteilte. Im innerdeutschen Vergleich sei es die Halbleitertechnik, gefolgt von der Textil- und Papiermaschinen- sowie der Biotechnologie“.1

Quellen

1 Sachsen bleibt Erfinderland, in: Sächsische Zeitung, 29. Februar 2016, Seite 5