Bürgerideen für unsere Zivilisation?

2040 leben rund 8 Milliarden Menschen auf dem Globus. Die Bevölkerung Europas beträgt dann ganze 7 Prozent der Weltbevölkerung, Deutschland erreicht nicht mal ein Prozent. Was bedeutet das für unsere Ökonomie, unsere Kultur?

Sächsische Bürgerideen und Ingenieurkunst schufen Grundlagen der deutschen Wirtschaft und unseres heutigen Wohlstandes. Und heute? Wie erfinden wir heute Zukunft?

Unsere Reise in die Vergangenheit – wird sie zur Expedition in die Zukunft?

Industriegeschichte „beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts, als alles erfunden wird, was zum moderen Alltag gehört: Auto, Glühbirne, Dynamit, Telefon, U-Bahn, Schreibmaschine, Jeans, elektrischer Stuhl und der Kaugummi. Eine Zeit, die Selfmadetypen braucht und zeugt.“1

Mit historischen Miniaturen jener Zeit möchten wir sächsische Erinnerungskultur an regionalen Erfindergeist pflegen. Sie sind namentlich gedacht für Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie sollen sensibilisiert werden in ihrer politischen Sorgfalt im Umgang mit heutigen Bürgerideen. Gemeinsam sollten wir keineswegs aus den Augen verlieren, welches Potential ideenreiche Sachsen uns als kulturelles Erbe hinterlassen haben. Ist dieser Erfahrungsschatz, der den Fortschritt so nachhaltig prägte, uns Ansporn für die eigene Problemlösungsfähigkeit? Schließlich will Sachsen 2020 zu den zehn innovativsten Regionen Europas zählen.14

Sächsischen Selfmadetypen

Das hier dokumentierte Bürgerengagement macht die Wechselbeziehungen zwischen regionaler und nationaler Geschichte quasi als Entwicklungsrahmen der Landesgeschichte deutlich. Welches kulturhistorische Erbe hinterlassen wir für den Wohlstand unserer Nachgeborenen? „Der Anteil der Europäer an der globalen Wertschöpfung wird binnen vier Jahrzehnten auf 10 Prozent absinken – 1950 hatte er noch 30 Prozent ausgemacht.“13

An dem Ideenreichtum der sächsischen Selfmadetypen vor uns, dürften wir anschaulich nachempfinden können, was es bedeutet, sich verantwortungsbewusst den Herausforderungen seiner Zeit zu stellen. Zu diesem Tun könnte uns durchaus selbst die geografische Lage Sachsens ein Ansporn sein.

Sachsen, einst geografisch die alte Mitte Deutschlands und dazu ein Industrieland ersten Ranges, bildet heutigen Tags die Mitte Europas. Ist das etwa kein Impuls für politisches Engagement, das nicht allein in der Oberlausitz Spuren hinterlässt, sondern auch Fortschritt in der Euroregion Neiße bewirkt?

Die Weltoffenheit Sachsens

Das neue Gelände der Leipziger Messe. Quelle: Wikipedia

Die sächsische Willkommenskultur hatte in Osteuropa hohes Ansehen. Wie pflegen wir heute dieses kulturelle Erbe?

Der Freistaat Sachsen2 – der erste Freistaat Deutschlands, noch vor Bayern – ist als weltoffen bekannt. Die Tradition der Willkommenskultur reicht zurück bis in das 17. und 18. Jahrhundert. 1654 gründeten Glaubensflüchtlinge aus Böhmen im Erzgebirge Johanngeorgenstadt, „belebten den Silberbergbau und trugen zum Aufbau von Hammer- und Blaufarbenwerken bei.“3 1670 fanden böhmische und ungarische Exulanten eine neue Heimat im eigens dafür gegründeten Neusalza (Neusalza-Spremberg). Herrnhut ist heute in aller Welt bekannt. „Das ergibt sich aus der Geschichte der Evangelischen Brüder-Unität Herrnhuter Brüdergemeine, 1722 von Christen aus Böhmen und Mähren gegründet, die wegen ihres Glaubens die Heimat verlassen mussten.“4 1742 legten böhmische Emigranten den Grundstein für die ersten drei Häuser in Niesky.

Traditionsreiches Transitland Sachsen

Klar, im traditionsreichen Transitland Sachsen kreuzten sich immerhin die mehr als 2 000 Jahre alte und 4 500 km lange Kulturstraße Via Regia (Hohe Straße)5, mit der römischen Handelsstraße Via Imperii. Genau am Kreuzungspunkt  entstand um 900 als slawische Siedlung Leipzig, 6 das sich freilich 1497 zur Reichsmessestadt mauserte.

Als nunmehr europäische Handelsmetropole überflügelte Leipzig nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648), „der die deutsche Geschichte für Jahrhunderte prägen sollte“7 sogar so traditionelle Handelszentren wie Nürnberg und Frankfurt am Main. Die einstmals größte Messe der Welt wurde nach 1990 „zum modernsten Messeplatz Europas ausgebaut.“8 „Französische Glaubensflüchtlinge gaben Ende des 17. Jahrhunderts dem Wirtschaftsleben neue Impulse.“6

Wichtigste kontinentale Trasse Europas

Doch 151 Jahre bevor Leipzig überhaupt zur Reichsmessestadt mutieren konnte, hatte die uralte West-Ost-Handelsroute Via Regia im Markgraftum Oberlausitz mit dem am 21. August 1346 gegründeten Sechsstädtebund neue Impulse erhalten. Die über 469 Jahre agierende und damit längste kommunale Koalition Deutschlands verlieh der Transitstrecke höhere Sicherheit. „Die Hohe Straße, ab 1252 via regia genannt, nahm an wirtschaftlicher Bedeutung und Attraktivität zu. Sie entwickelte sich zur wichtigsten kontinentalen Trasse Europas.“9 Sie präsentierte sich in der Oberlausitz stolz als Via Regia Lusatiae superioris.

Der böhmische König und Kaiser des im 10. Jahrhundert entstandenen Heiligen Römischen Reiches, Karl IV. (*1316 bis †1378), sah in dem Städtebündnis einen willkommene Stärkung seiner Hausmacht. Die Oberlausitz, seit 1076 Markgraftum und Nebenland der Krone Böhmens, erlangte mit der europäischen Fernhandelstrasse wirtschaftliche Gestaltungsmacht. Ebenfalls mit ihrer Siedlungsgeschichte gestaltete die Oberlausitz die Geschichte Ostmitteleuropas maßgeblich mit. Heute tangiert die europaweite Kulturstraße, die 41 Regionen in acht Ländern verbindet, die Euroregion Neiße, bei der die Oberlausitz den Teil Deutschlands stellt.