Was wollen wir?

Die Via Regia verbindet als Wanderweg 47 Regionen in 10 Ländern. Die Oberlausitz liegt etwas östlich der Mitte.
Die Euroregion Neiße verbindet – neben gemeinsamen Herausforderungen durch die Globalisierung – auch 1000 Jahre gemeinsame Geschichte.

Dieter Görner

Die Zukunft Deutschlands wird in den Städten und Regionen gemacht. Diese Auffassung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft teilt auch Sorvia. Doch welche Zukunft bieten wir den 2014 Geborenen? Die Zukunft müssen wir erfinden! Heute! Daher unser Leitmotiv: Weg von der Problemregion – hin zur Innovationsregion. Das Ideal wäre: die Oberlausitz mutiert zum Thinktank. Undenkbares denkbar machen.

Im globalen Wettbewerb mit Kontinental-Staaten wie China, Indien oder Brasilien haben territoriale Winzlinge wie die Oberlausitz keine guten Karten. Denn zusammen mit Indien zählt das Reich der Mitte 35 Prozent der Weltbevölkerung. Gemeinsam werden der chinesische Drachen und der indische Elefant – in der dynamischsten Region der Welt mit einer geopolitischen Umwälzung historischen Ausmaßes – das »asiatische Jahrhundert« prägen.

Die Welt verändert sich. Und wir?

Aus dieser Weltsicht ergäbe nach Ansicht von Wirtschaftswissenschaftlern allein die Vereinigung von Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt einen durchaus chancenreichen Wirtschaftsraum. Das betrifft den Lebensraum von neun Millionen Menschen. Die Lausitz zählte 2011 etwas über eine Million Einwohner. Ein geeintes Mitteldeutschland würde jährlich eine Milliarde Euro an öffentlichen Mitteln einsparen. Geschichtliches Vorbild sind drei arme Länder, die im Südosten 1952 fusionierten und heute das reiche Land Baden-Württemberg bilden. Das Problem: Komplette Regierungsbürokratien sowie unzählige verzichtbare Beamte müssten ihren gut dotierten Job selbst wegrationalisieren. Ergo: Von der Politik ist garantiert keinerlei Unterstützung zu erwarten.

Wie wirtschaftliche Fusion heute funktionieren kann, praktizieren die Kurorte Mitteldeutschlands. Die Heilbäderverbände Sachsens, Brandenburgs und Sachsen-Anhalts haben auf einer gemeinsamen Tagung im Mai 2015 in Bad Schmiedeberg beschlossen, beim Marketing, der Qualitätssicherung sowie bei der Forschung gemeinsame Wege zu gehen und sich auch bei Messeauftritten gegenseitig zu unterstützen. Ergo: Nichts ist endgültig. Was auch immer spätkapitalistische Politik uns vorgaukelt. Wir halten unsere Region auf jeden Fall offen für die sich neu defierende politische Welt.

Die Lausitz als einheitlichen Wirtschaftsraum positionieren

Sorvia unterstützt deshalb die Wirtschaftsinitiative Lausitz, die Ober- und Niederlausitz als einen einheitlichen Wirtschaftsraum zukunftsfähig zu machen. 2030 leben in der Lausitz etwa ein Drittel weniger arbeitsfähiger Menschen als 2013. Dieser Schrumpfungsprozess verändert die Siedlungsstruktur und verringert das wirtschaftliche Wachstum um 0,2 Prozent. Dabei liegt heute die durchschnittliche Steuerkraft pro Einwohner in Ostdeutschland auch ein Viertel Jahrhundert nach der Wiedervereinigung lediglich bei rund 55 Prozent des Bundesdurchschnittes. Folglich sind regionale Potenzen und Ressourcen zeitgemäß zu konzentrieren, etwa wie das im Hochmittelalter der Oberlausitzer Sechsstädtebund auf seine Art als deutschlandweites Beispiel getan hat.

1000 Jahre gemeinsame Geschichte nutzen

Gleichzeitig ist unser Bürgerteam bestrebt, mit dem Basisnetzwerk Sorvia langfristig eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Polen und Tschechien zu gestalten. Zur Seite steht uns dabei unser Partner Geopark Muskauer Faltenbogen, der eine derartige Zusammenarbeit bereits erfolgreich praktiziert.

Immerhin verbindet die Euroregion Neiße rund 1 000 Jahre gemeinsame Geschichte des Markgraftum Oberlausitz als Nebenland der Krone Böhmens.Weshalb soll es dann uns Unionsbürgern nicht möglich sein, mit der Euroregion Neiße – grenzübergreifend und kooperationsfähig – einen zukunftsorientierten Wirtschaftsraum zu gestalten?

Ein 27 % niedrigeres Lohnniveau gegenüber Westdeutschland macht die Oberlausitz auch nach einem Vierteljahrhundert Deutsche Einheit immer noch zur Abwanderregion. In der hiesigen kleinteiligen Wirtschaft dominieren die Zulieferbetriebe, die preislich von der Industrie abhängig sind. Unsere Region braucht also eigene Innovationen mit eigener Preisgestaltung. Mit welchen familieären Bildungsinitiativen bereitet die Bevölkerung ihren Nachwuchs auf diese wirtschaftliche Herausforderung vor?

Ein Defizit von mehr als 5 Millionen Arbeitskräften ist auszugleichen

Dass sich tiefgreifend etwas ändern muss, lässt sich allein am Doppeltrend von Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung erahnen. Bis 2030 verliert die Oberlausitz etwa 36 Prozent ihrer arbeitsfähigen Bevölkerung. Und wir spüren bereits im globalen Kontext, dass diese Problematik zu einem gravierenden Standortproblem mutiert. Deutschland hat weltweit die niedrigste Geburtenrate. Von 2010 bis 2015 wurden im Schnitt nur 8,2 Kinder je 1000 Einwohner geboren. Besonders problematisch wird dieser Trend für eine Abwanderregion wie die Oberlausitz.

Wenn die 2014 Geborenen 2030 ihre ersten Schritte in die Erwerbstätigkeit wagen, werden in Deutschland mehr als fünf Millionen Arbeitskräfte fehlen. Zugleich nimmt das »Internet der Dinge« immer mehr Gestalt an. Auch das heizt den Wettbewerb der Regionen an. Gewaltige Umbrüche stehen also bevor. Gemeinsam mit unseren Partner - Landeszentrale für politische Bildung – möchte Sorvia dazu das erforderliche politische Basiswissen vermitteln. Auf der Agenda des Wissenstransfer steht die Frage: Wie kann sich bei derartigen Herausforderungen die Bürgerschaft der Oberlausitz stärker in die Mitgestaltung der Zukunft einbringen? Und welche Kompetenzen und Konsequenzen erfordert das von Politikern, die heute noch zu oft Zuständigkeit mit Kompetenz verwechseln?

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