Das Ende des amerikanischen Jahrhunderts?

Fassade der Börse in der New Yorker Wall Street 2008. Quelle: Wikipedia

Wodurch entsteht das explosive Gemisch globaler Bedrohungen?

Der griechische Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis weist darauf hin, „dass die späten sechziger und die frühen siebziger Jahre eben nicht nur die Zeiten von Ölkrise und Stagflation waren, sondern – ausgelöst durch Nixons Entscheidung, die Goldbindung des Dollars aufzuheben – der Beginn eines radikalen Wandels in den Grundmechanismen des kapitalistischen Systems.“1

Anlass für Nixon Entscheidung war, „dass die amerikanische Wirtschaft Ende der sechziger Jahre ihre Überschüsse nicht mehr in Europa und Asien recyceln konnte – Aus Überschüssen waren plötzlich Defizite geworden.“ Und nun?

Das gewagte strategische Manöver

„Auf die Krise reagierte die US-Regierung 1971 dann mit einem gewagten strategischen Manöver: Statt das wachsende Haushaltsdefizit der Nation zu bekämpfen, beschloss sie, das Gegenteil zu tun, nämlich die Defizite zu erhöhen.“1

Seither verlassen sich die USA darauf, dass der Rest der Welt ihre Schulden mit permanentem Transfer von überschüssigem Kapital bezahlt. Die Folge: Die Vereinigten Staaten müssen „täglich eine Milliarde Dollar an Zuflüssen aus anderen Ländern aufsaugen, um ihren Konsum zu bezahlen.“1

Inszenierter Beschützer eines latenten Kriegszustandes

Doch die Vertrauensbasis der Investoren ist „in erster Linie nicht ökonomischer, sondern ideologischer und militärischer Natur.“ Aufgrund dieser spekulativen Konstellation müssen die USA gezwungenermaßen ihre imperiale Rolle immer wieder erneut rechtfertigen, indem sie sich in dem Szenario eines „latenten Kriegszustandes als Beschützer aller anderen »normalen« (also Nicht-»Schurken-«) anbieten.“1

Die globale Basis dafür finden die USA in einem historischen Folgeprozess. „Die Entstehung neuer Nationalstaaten in Afrika und Asien in der Folge des Zweiten Weltkrieges kennzeichnete zwar das Ende des Kolonialzeitalters, führte aber zugleich zu konfliktreichen Übertragungen westlicher Konzepte wie Nationalstaat, Industrialisierung, Demokratie, aber auch Diktatur. Auch litten die jungen Staaten häufig an ihrem kolonialen Erbe.“11

Täuschten die jungen Staaten nur etwas Europäisches vor? War etwa diese Übernahme »westlicher Werte« nichts anderes als eine Pseudomorphose? Erweist sich der »Export« westlicher Demokratie des Spätkapitalismus gar als Illusion?

Aktuelles Weltgeschehen im Menschheitsgedächtnis verwahrt

Die Antwort von 1848 ist mittlerweile im Menschheitsgedächtnis dokumentiert: Die kapitalistische Gesellschaft „zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d. h. Bourgeoisie zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bild.“14 Das freilich geht auf Dauer gründlich in die Hose. Was nun?

Erfordert das eine völlige Neubewertung von politischer Macht und traditioneller Staatssouveränität? „Kaum weniger aktuell ist der Zusammenhang zwischen unergründlicher Moralität und gründlicher Unmoralität in der Sphäre des Politischen; er wurde durch Machiavelli12 spruchreif, er ist es bis heute geblieben.“13

Wie dem auch sei, eines steht jedenfalls fest: „Historische Folgeprozesse lassen sich niemals abschließen.“11

Daraus folgt: „Noch bevor sich das auf dem Primat des US-Dollar beruhende Weltsystem richtig etabliert hatte, ist es ins Wanken geraten, was die vielen Spannungen in der Welt erklärt“.1 Schließlich existiert bereits seit Jahrzehnten ein Spannungsfeld durch den Niedergang der europäischen Weltherrschaft.

Multiple Zentren des globalen Kapitalismus rivalisieren

In diesem historischen Folgeprozess sind wir zugleich Zeitzeugen, wie sich im Spätkapitalismus kontinentale Zentren herausbilden: die Vereinigten Staaten, Europa, China und Lateinamerika. „Jedes dieser Zentren steht für einen Kapitalismus mit besonderer Prägung. Die USA für den neoliberalen Kapitalismus, Europa steht für das, was noch vom Wohlfahrtsstaat bleibt, China für den (autoritären) Kapitalismus der »asiatischen Werte« und Lateinamerika für einen populistischen Kapitalismus“1.

„In dieser neuen postamerikanischen Welt reizen sich die alten und die neuen Supermächte gegenseitig aus und versuchen, ihre jeweils eigene Vision der globalen Regeln durchzusetzen. Sie tun dies, indem sie mit Stellvertretern experimentieren – und diese Stellvertreter sind die vielen anderen kleinen Nationen und Staaten“.1

Weiterer Machtfaktor: Fundamentalismus

Zu den rivalisierenden Supermächten gesellen sich als weiterer Machtfaktor die fundamentalistischen Bewegungen in der dritten Welt hinzu, „die sich allen Großmächten widersetzen, gleichwohl aber bereit sind, mit der einen oder anderen Macht strategische Pakte einzugehen. Kein Wunder, dass wir uns in einem immer verworreneren Schlamassel befinden“.

Die daraus entstehenden Konflikte „treiben die Rüstungsausgaben wieder in die Höhe und lassen einen begrenzten Krieg immer plausibler erscheinen.“

In diesem „explosiven Gemisch aus Kreuz- und Querverbindungen“ entsteht die globale Bedrohung, die bedeutet: „wenn wir weiter so handeln, wie wir es derzeit tun, sind wir zum Untergang verurteilt, ganz gleich, wie umsichtig wir vorgehen“.1

Historie des USA-Terrors

„In ihrer Geschichte haben die USA Soldaten oder Agenten Hunderte Male in andere Staaten geschickt, um zu intervenieren. Da wurden unliebsame Regierungen gestürzt, Politiker entmachtet oder gar ermordet, Wahlen beeinflusst, Häfen vermint, Wirtschaftsbeziehungen gestört.“8 Und die Beweise dafür? Die liefert uns der Journalist Armin Wertz, der die Geheimoperationen der USA in seinem Nachschlagewerk »Die Weltbeherrscher« dokumentiert hat.

Einer der Strategen dieser amerikanischen »Spirale der Gewalt« war George Frost Kennann9 (*1904 bis †2005). Der Architekt der Containment-Politik des Kalten Krieges gab 1948 die Richtung der amerikanischen Außenpolitik vor: „Wir sollten aufhören, von vagen unrealistischen Zielen wie Menschenrechten, Anhebung von Lebensstandards und Demokratisierung zu reden. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem unser Handeln von nüchternem Machtdenken geleitet sein muss. Je weniger wir dann von idealistischen Parolen behindert werden, desto besser.“8 Hat etwa Kennan den Niedergang seines Landes bereits geahnt?

Denn am 5. November 2008 konstatiert Deutschlands erfahrenster Kommentator der Weltgeschichte: „Dennoch setzt sich im Inneren wie im Äußeren die Wahrnehmung durch, dass der Höhepunkt überschritten ist , dass die USA exemplarischen Charakter, an dem sich die übrige Welt ein halbes Jahrhundert lang nolens volens orientierte, weitgehend eingebüßt haben.“10 Und was bedeutet das? In Amerika lässt sich „das Scheitern, zumindest die flagrante Unzulänglichkeit des Kapitalismus beobachten.“10

 

Also: Goodbye USA! Und China?

Volksrepublik China. Quelle: Wikipedia

Wird es gemeinsam mit Indien das »asiatische Jahrhundert« prägen?

Oder freut sich Asien eventuell zu früh? Zwar verweist Peter Scholl-Latour darauf, dass „der Rang der Vereinigten Staaten von Amerika als stärkste Weltmacht nicht ernsthaft in Frage gestellt“10 sei. Aber: „Auf jeden Fall findet ein irreparabler Prestigeverlust statt. Es wird immer schwieriger, weiterhin vom »American dream« zu sprechen.“10 Zumal der amerikanische Politologe Francis Fukuyama zu sehen glaubt, wie die Welt beginnt, sich neu zu definieren: „Das amerikanische Markenzeichen ist harten Prüfungen ausgesetzt zu einem Zeitpunkt , da andere Modelle  – russisch wie chinesisch – an Attraktivität gewinnen.“ 10

Klar, dass die Amerikaner das Reich der Mitte fürchten. Denn zusammen mit Indien zählt China 35 Prozent der Weltbevölkerung. „Gemeinsam werden sie das »asiatische Jahrhundert« prägen.2 Und was deutet daraufhin? „China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Es baut in anderen Ländern Eisenbahnen, Pipelines, Häfen; es schafft sich so eine globale Infrastruktur.“2 Na und?

China war schon einmal der Welt weit voraus

„Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war China3 der Welt wirtschaftlich voraus.“4 Bildungsbürger wie Hochadel bewunderten die chinesische Kultur, die im 17. und 18. Jahrhundert die europäische Kultur zur Chinoiserie5 führte. Und heute?

„Heute sind die Konjunkturdaten aus Peking entscheidend für die globale Wirtschaft. Denn die Volksrepublik ist wichtigster Absatzmarkt für unsere Autoindustrie und zugleich größter Energie- und Lebensmittelkonsument der Erde. Vor allem aber ist sie der Motor der Weltkonjunktur: Laut dem Internationalen Währungsfonds ist China heute für fast ein Viertel des globalen Wirtschaftswachstums verantwortlich.“6

Auf Party an die Côte dʼAzur

Folglich ist das Reich der Mitte immer für eine Überraschung gut. Im Mai 2015 gingen 6.400 Beschäftigte des chinesischen Mischkonzerns Tiens auf Betriebsausflug an die Côte dʼ Azur. Auf Kosten des Konzernchefs in Höhe von geschätzten 13 Millionen Euro, versteht sich. „In Paris belegte die Gruppe 140 Hotels und Tausende Zimmer in Cannes und Monaco.“7 Können Sie zumindest einen der Weltkonzerne nennen, der die Hälfte seiner Belegschaft auf Konzernkosten zur Party in einem anderen Kontinent eigeladen hat?

China steckt die EU in die Tasche

Wer auch immer über das 7.400 km entfernte China in Ostasien urteilt, der sollte sich stets auch der Dimensionen dieser 3.500 Jahre alten chinesischen Zivilisation bewusst sein, die mit ihrer enormen Ausdehnung die geographische Länge von 5 Zeitzonen tangiert. Schließlich ist die wagemutige Volksrepublik 25-mal größer als Deutschland, mit 9.571,302 km² doppelt so groß wie die  Europäische Union mit ihren 28 Mitgliedstaaten und fast so groß wie ganz Europa mit 739 Millionen Einwohnern in 50 Ländern.

Bevölkerungsreichstes Land der Erde

Das bevölkerungsreichste Land der Erde mit 1,3 Milliarden Einwohnern ist für 19,7 Prozent der Weltbevölkerung Heimatland. Während die Bundesrepublik Deutschland mit 16 Bundesländern bereits zu tun hat, alle Bundesbürger (samt Minderheiten) unter einen Hut zu bringen, bevölkern 70 offiziell anerkannte Nationalitäten den Vielvölkerstaat China, der unterteilt ist in 22 Provinzen, 5 autonome Gebiete, 4 regierungsunmittelbare Städte und 2 Sonderverwaltungszonen. In China gibt es 19 Sprachen, davon 7 offizielle. Neben den 4 Religionen wie Buddhismus, Daoismus, Islam und Christentum, existieren noch alter chinesischer Volksglaube und der Konfuzianismus.

Mythos und Wirklichkeit

Während die »selektive Wahrnehmung« westlicher Medien das Bedrohungsszenario eines Systemgegners strickt, wagte das Riesenland einen radikalen Wandel und begab sich auf den Weg in Richtung Sozialismus, der bislang noch nirgendwo auf der Welt gelebt wurde.

Dabei grenzt China an 14 Staaten – darunter vom Westen fabrizierte chronische Krisenherde wie Afghanistan (Musterbeispiel der Vergeblichkeit des Krieges), Pakistan, Tadschikistan, Kirgisistan sowie Nordkorea – und hat damit wie Russland die meisten Nachbarländer der Welt. Entsprechend groß sind auch die Möglichkeiten (Studie Heinrich-Böll-Stiftung), nicht allein mit der „westlichen Medienverschwörung« von außen Einfluss zu nehmen auf den „bedrohlichen Systemgegner

Quellen

1 Slavoj Žižek: Globales Schlamassel, in: DIE ZEIT N0 53, 23. Dezember 2014, Seite 44

2 Angela Köckritz, Jan Ross: Indien vs. China, in: DIE ZEIT N0 20, 13. Mai 2015, Seite 6

3 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 4, Seite 476

4 DIE ZEIT No 22/2011

5 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 4, Seite 515

6 Claus Hecking: Peking-Ente, in: DIE ZEIT N0 19, 7. Mai 2015, Seite 35

7 Blaumachen an der Côte dʼ Azur, in: Sächsische Zeitung, 12. Mai 2015, Seite 20

8 Frank Grubitzsch: Mythos Weltbeherrscher, in: Sächsische Zeitung, 15. Mai 2015, Seite 15

9 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 596

10 Peter Scholl-Latour: Epilog: Der Schwarze Mann im Weißen Haus, 5. November 2008, in: Der Weg in den neuen Kalten Krieg, Ullstein Buchverlag, Berlin 2009, 2. Auflage, 2014, Seite 337, 338 340

11 Astrit Irrgang: Stunde null? Die Folgen des Zweiten Weltkrieges, in: Brockhaus. Meilensteine, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden – Geschichte, Kultur und Wissenschaft –  Gütersloh 2011, Band 3: Kriege und Konflikte, Seite 266

12 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 13, Seite 671

13 Hellmut Diwald: Die großen Ereignisse, Fünf Jahrtausende Weltgeschichte in Darstellungen und Dokumenten, Geschichtsenzyklopädie in 6 Bänden, Coron Verlag, Lachen am Zürichsee 1990, Band 4, Seite 6

14 Karl Marx, Friedrich Engels; Manifest der Kommunistischen Partei, in: Werke, 43 Bände (in 45 Büchern), Dietz Verlag, Berlin 1964, Band 4, Seite 466