Reden wir etwa aneinander vorbei?

Fachsprachen haben zwar ihren eigenständigen Wortschatz, widerspiegeln aber wie jede Sprache auch Denkmuster der jeweiligen Epoche. InfoDesign: Dieter Görner

Jägersprache entwickelte über Jahrhunderte eigenständige Denkkultur

Weshalb wir kommunizieren? Na, warum wohl? Um zu informieren. Einverständnis zu erzielen. Verhaltensweisen zu koordinieren. Problemlösungen zu erörtern usw. Sprechen wir dabei allerdings mit den Jägern eine gemeinsame Sprache? Immerhin verständigen sich die Weidmänner untereinander in ihrer Fachsprache. „Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die Sprache.“1

Das hat freilich auch ideologische Gründe. Fachtermini grenzen vom allgemeinen Sprachraum ab2 Sprachliche Abgrenzung quasi als fachliches Miteinander und Füreinander. Anders sein als andere? Selbst äußerlich? Eine vermeintlich exklusive Schicht mit einheitlicher Kleidung (Tracht). Statussymbol? Korpsgeist? Standesdünkel? Jedenfalls hält die Jägersprache 6 000 Fachbezeichnungen verfügbar3

Die Entstehungsgeschichte der Jägersprache

Die Fachsprache der Jäger entstand im Frühmittelalter. Also in einer Epoche der Gewalttätigkeit, die die Völkerwanderung4 bewirkte. Sie betraf auch die Besiedlung der Oberlausitz, wo vorübergehend bis zum Jahr 450 germanische Stämme das aus den sumpfigen Wiesen und Mooren oder eisenhaltigen Seen und Bächen gewonnene Raseneisenerz5 verhütteten. Ein derartiges Verhüttungszentrum für das so genannte Sumpferz oder Wiesenerz entdeckte man beispielsweise in Merzdorf6.

„Um 600 wurde das Land neu besiedelt, was sich über Jahrhunderte fortsetzte. Damit begann die eigentliche Landesgeschichte. Den Anfang machte der slawische Stamm der Milzener […] Der Volksstamm der Milzener baute ein halbes Jahrtausend das Land aus und schuf den großen Slawengau Milska, der erst 1003 der deutschen Eroberungspolitik zum Opfer fiel.“7

Die christliche Epoche der Gewalttätigkeit

92 Jahre später rief Papst Urban II.8 (um 1035 bis †1099) am 27. November 1095 auf der Synode 9 von Clermont (heute Clermont-Ferrand) „die Christenheit zum »heiligen Krieg« gegen den Islam auf.“10 Damit begann eine neue Epoche der Gewalttätigkeit. Dient sie heute möglicherweise islamistischen Selbstmordattentätern als Maßstab?

„Religion kann dazu dienen, das Ausrufen von Kreuzzügen oder heiligen Kriegen und die in ihnen begangenen Grausamkeiten zu legitimieren, und sie wurde seit der Aufklärung 11 bis heute einer vielschichtigen Religionskritik unterzogen.“12 In dieser Zeit religiöser Gewalt schärfte auch die Jägersprache ihr Profil.

Erinnerungen an Bernhard von Clairveaux

Wallfahrtskirche Rosenthale mit wertvollem Hochaltar. Quelle: Wikipedia / Julian Nitzsche

Zwangschristianisierung unter dem Schlachtruf »Taufe oder Tod« in der Region

Eingebettet in vier kriegerische Jahrhunderte religiöser Gewalt war die Zwangschristianisierung der Altsorben im Slawengau Milska. „In der Tat, die schweren und erbitterten Kämpfe der Wenden mit Karl dem Großen13 (747-814), der das Heidentum überall mit Gewalt auszurotten versuchte, machten den christlichen Glauben für die Wenden nicht gerade empfehlenswert.“14

Etwa 12 Generationen lang regierte das christliche Schwert in der Region. „Um das Jahr 1200 war schließlich die christliche Religion allgemein von den Wenden angenommen worden, ein Prozess über fast vier Jahrhunderte.14 Wer wollte bestreiten, dass in diesen nahezu ein halbes Jahrtausend währenden Glaubenskriegen der Gedanke der Ausrottung und der Gewalttätigkeit nicht auch auf die Jägersprache abfärbte?

Noch heute pflegt der Hochaltar der Wallfahrtskirche Rosenthal die Erinnerungskultur an den Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairveaux15. Der Gottesgelehrte, der seit 1174 als größter Heiliger des Zisterzienserordens gilt, wird am 20. August – seinem Gedenktag – von den Schwestern im Zisterzienserinnen Kloster Marienstern besonders in ihr Gebet mit eingeschlossen. Immerhin konzipierte Bernhard von Clairveaux den »Kreuzzug wider die Wenden«. Mit von der Partie war 1147 auch der Gründer der Dynastie Wettin, Konrad I.17 (*vor 1089 bis †1157), der erste Regent im Fürstenzug in Dresden.

Die Moral der Steinzeitmenschen

Ein Wisent als kunstvolle Felsenzeichnung in der spanischen Höhle Altamira zeugt vom Respekt der Steinzeitmenschen vor 40 000 Jahren. Quelle: Wikipedia

Der König von Polen mit dem Gemüt eines besessenen Schlächters

Das Haus Wettin legte größten Wert auf die aristokratische Unterscheidung zwischen »niedere Jagd« und »hohe Jagd«,16 die im Kurfürstentum zur Repräsentation der Dynastie staatstragend gepflegt wurde. Dabei war die vermeintlich exklusive Schicht des Adels in Sachsen demografisch eine Winzigkeit. „Unter der kursächsischen Bevölkerung zählte der Adel 1550 nur etwa 0,8 Prozent mit rund 2 400 Personen. Dieser Prozentsatz hielt sich auch 1750 trotz gestiegener Bevölkerungszahl mit nun ungefähr 5 500 Angehörigen.“18

Dennoch gaben die Wettiner der »hohen Jagd« (die dem Landesherrn und adligen Herren vorbehalten war) ein besonderes Gepräge. „Den sächsischen Potentaten fielen unter ungezählten Wildtieren auch Wisente in Massen zum Opfer. August III. erwarb sich als König von Polen den fragwürdigen Ruhm eines Schlächters von Wisenten der Bialiwieser Heide.“ 1752 blieben an einem einzigen Jagdtag 42 Wisente auf der Strecke. „Allein 20 hatte der König erlegt!“19

Im Gegensatz zu den dünkelhaften Aristokraten hatten die Frühmenschen der Altsteinzeit vor etwa 40 000 Jahren Respekt vor dem Leben des Wisent. Ihre Ehrfurcht vor dem Europäischen Bison erwiesen sie mit kunstvollen Felszeichnungen in der spanischen Höhle von Altamira.

Doch wehe den Wilddieben!

Freiheit der Andersdenkenden? Dafür war im Denken der sächsischen Regenten kein Platz. Sie demonstrierten aristokratisch – sprich unbarmherzig – die Erkenntnis, dass die Gedanken und die Sprache immer „Äußerungen des wirklichen Lebens sind. “1 „Da wurde Halali geblasen, Kurfürst August und sein Gefolge ritten in wildem Trab los. Es interessierte den »guten Vater« August gar nicht, ob dabei die erntereifen Felder der Landeskinder verwüstet wurden.“20

Hirschhornmal auf der Stirn

 „Wilddiebereien – eine Form bäuerlichen Widerstandes gegen die Lasten und Folgeerscheinungen des Jagdwesens – wurden grausam bestraft. Die Konstitutionen (eine Gesetzessammlung) erkannten darauf die Todesstrafe oder lebenslängliche Zwangsarbeit, wie beispielsweise beim Brunnenbau der Augustusburg, wo Wilddiebe mit eingebrannten Hirschhornmalen auf der Stirn, in Eisen geschmiedet, elend verpflegt, schwerste Bergmannsarbeit leisten mussten. Selbst den Amtsschössern ließ der Kurfürst harte Strafe androhen, falls sie einen flüchtigen Wilddieb nicht einfingen. Dass zur Ermittlung solcher Delinquenten die Folter angewandt wurde, war selbstverständlich.“18  

Folter selbst für Lächerlichkeit

„Im Jahr 1576 ließ Kurfürst August seinen Landjägermeister Cornelius von Ryxleben auf die Folter spannen und dann in der Pleißenburg lebenslänglich einsperren, weil Ryxleben in stark angeheitertem Zustand bei einem der fröhlichen Festmähler erzählte, dass er gesehen hätte, wie der Kurfürst seine Gemahlin geohrfeigt hat.“20

Quellen

1 Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, die große gemeinsame Arbeit, die in den Jahren 1845/46 entstand, in: Werke, 43 Bände (in 45 Büchern) Dietz Verlag, Berlin 1962, Band 3, Seite 432, 433

2 Deutsches Wörterbuch in 3 Bänden, in: Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, (Bände 26, 27, 28 mit 500 000 Stichwörtern und Kurzdefinitionen), Mannheim 1995, Band 26, Seite 1019

3 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 74

4 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 23, Seite 409

5 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 18, Seite 65

6 Günter Wetzel: Archäologische Geschichtsschreibung im Kreis Hoyerswerda bis 1990, in: Sächsische Heimatblätter 4/98, Seite 200, 201

7 Siegfried Schlegel: Die Oberlausitz – Ein liebenswertes Stück Deutschland, Lausitzer Druck- & Verlagshaus, Bautzen 2008, Seite 35

8 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1993, Band 22, Seite 695

9 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1993, Band 21, Seite 535

10 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 12, Seite 487

11 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 2, Seite 304

12 Ulrich Nanko: Religionen – Einheit in der Vielheit? Die Geschichte eines Begriffs, in: Brockhaus Meilensteine, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden zur Geschichte, Kultur und Wissenschaft, Gütersloh 2011, Band 2: Religionen und Glaubensformen, Seite 13

13 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 467

14 Friedhart Vogel, Superintendent i. R.: Die kirchliche Entwicklung im Raum Hoyerswerda , in: Hoyerswerda – Geschichte und Geschichten aus Dörfern und Städten, Geiger-Verlag, Horb am Neckar 1992, Seite 162

15 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 3, Seite 163

16 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 68

17 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 12, Seite 279

18 Karl Czok, Reiner Groß: Landwirtschaft, Bauern und Adel in : Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 215, 217

19 Ernst Günther: Der Daumeneindruck Augusts des Starken, 16 königlich-sächsische Miniaturen, Druck- und Verlagsgesellschaft, Husum 2005, Seite 71

20 Ruth Seydewitz: Wenn die Madonna reden könnte, Urania Verlag, Leipzig • Jena • Berlin, 1962, Seite 83, 82