Was denn nun? Staat? Kirche?

Papst Benedigt XVI., sein Pontifikat reichte von 2005 bis 2013. Quelle: Wikipedia/ Agência Brasil

Ein bisschen schwanger funktioniert auch nicht in der modernen Gesellschaft

Der Religionstourismus boomte. Benedikt XVI. zog das Publikum an wie ein Superstar. „Vor der Amtszeit von Benedikt gaben wir 8 000 Karten an Deutsche jährlich, nun 240 000“, erzählte Monsignore Reinhard Heldt von der Vatikanpräfektur. Weshalb also sollte da ausgerechnet Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) diesen frömmelnden Religionstourismus nicht ebenfalls stärken? Zumal Westbeamte die sächsischen Ministerien dominieren, die als Kirchengänger gelten. Da macht sich so etwas vermutlich ganz gut

Überhaupt inszenierte sich Tillich in der Öffentlichkeitgern gern volksverbunden sowie als Katholik und Sorbe. Wenn schon. Ist etwa die Sprache der Sachsen nicht auch bibelgeprägt? „Der Bart ist ab“ (Jesaja, Kapitel 7, Vers. 20); „Blut und Wasser schwitzen“ (Lukas 22,44); „Mit Blindheit geschlagen sein“ (Genesis 19, 11); „Jemanden aufs Dach steigen“ (Markus 2,4); „Für jemanden durchs Feuer gehen“ (Daniel 3,1 bis 97); „Das ist die Crux“ (Matthäus 10,38).

Pilgerreise auf Steuerkosten

Alles ging Schlag auf Schlag. Am 14. April 2008 schlug Ministerpräsident Georg Milbradt Finanzminister Stanislaw Tillich als seinen Nachfolger vor. Am 24. Mai wählte ihn der CDU-Landesparteitag zum Parteivorsitzenden. Am 28. Mai Wahl zum Ministerpräidenten und Vereidigung seines Kabinetts. Am 30. Juni 2008 dann auf zur Privataudienz bei Papst Benedikt XVI.

Stanislaw Tillich überreichte dem Pontifex ein Solarmodul. Eines der rund 2 000 Module umfassenden Solaranlage , die die sächsische Solar Wold AG für die päpstliche Audienzhalle Aula Paolo VI. stiftete. Durch diesen Deal bekam der Papst Solarstrom und die Sachsenfirma ein werbewirksamen Marketingevent. Tillich war von Anbeginn bemüht, sein Staatsamt und Wirtschaftsinteressen gewinnbringend unter einen Hut zu bringen.

Das 20-minütige-vier-Augen-Gespräch wurde freilich geheim gehalten. Wieso eigentlich? Immerhin flohen 2008 allein in Deutschland 120 000 Katholiken aus der Kirche. War eine katholikenfreundliche Landespolitik im säkularen Freistaat Sachsen möglicherweise eines der geheimen Gesprächsthemen? Doch nicht einmal 150 000 der 4 Millionen Sachsen sind katholisch.

Eine Außenstelle des Vatikans in Sachsen?

„Die Staatskanzlei ist keine Außenstelle des Vatikans“, monierte die Linksfraktion im Sächsischen Landtag und fragte: Sollte der Ministerpräsident nicht eher zuerst die sächsischen Nachbarn Polen und Tschechien besuchen? Altbundeskanzler Helmut Schmidt orientierte ähnlich.

Der katholische Sorbe Tillich hingegen jubelte: „Es war für mich etwas ganz Besonderes, als Ministerpräsident zu einem Vier-Augen-Gespräch vom Papst empfangen zu werden“. Und er bekennt: „Der Glaube ist mein Anker“. Anfang Juli 2009 inszeniert er sich obendrein für ein Foto in der Sächsische Zeitung mit einem Rosenkranz zwischen den Fingern der linken Hand.

Posiert der Mann überhaupt verfassungskonform?

Unsereins kommt bei diesem frömmelnden Getue im »gottlosen Sachsen« ins Grübeln. Hofiert der Premier seine zahlreichen kirchlich gebundenen Westbeamten in den sächsische Ministerien oder was? Dabei schreibt Artikel 92 der Verfassung des Freistaat Sachsen Beamten vor: „(1) Die Bediensteten des Freistaates Sachsen und der Träger der Selbstverwaltung sind Diener des ganzen Volkes, nicht einer Partei oder sonstigen Gruppe und haben ihr Amt und ihre Aufgaben unparteiisch und ohne Ansehen der Person nur nach sachlichen Gesichtspunkten auszuüben“.

Und überhaupt: Der steuerfinanzierte Religionstourismus der Elite der sächsischen Staatsregierung hatte für Sachsen die gleiche Bedeutung, als wenn ein Maultier eines italienischen Bauern einen besonders ansehnlichen Haufen hätte fallen lassen.

Staatsmann oder Katholik?

Diese Alternative artikulierte der 22-jährige Friedrich Engels (*1820 bis †1895) bereits im Oktober 1842 in einer Publikation für die Schweiz, indem er konstatiert: „… dass der konsequente Katholik unmöglich eine brauchbarer Staatsbürger sein könne“ (MEW1/449). Auch ja? Und wie begründet er das? „Wer sein ganzes Sein und Leben zu einer Vorschule des Himmels macht, kann am Irdischen nicht das Interesse haben, das der Staat von seinen Bürgern fordert. Der Staat macht den Anspruch, seinen Bürgern alles zu sein; er erkennt keine macht über sich und stellt sich überhaupt als absolute Gewalt hin. Der Katholik erkennt aber Gott und seine Einrichtung, die Kirche, als das Absolute an und kann sich also nie ohne innere Vorbehalte auf den Boden des Staates stellen. Dieser Widerspruch ist unlösbar“ (MEW 1/449). Was denn nun, Herr Tillich?

Veränderung tut Not. Packen wir es an!

Steht in dieser Hinsicht die Bundesrepublik besser da als Deutschland 1842? Altbundeskanzler Helmut Schmidt wird von ZEIT• MAGAZIN gefragt: „Ist die Bundesrepublik heute eine säkularer Staat?“ Seine Antwort: „Offiziell ja, tatsächlich etwas weniger“. Sehen Sie, Herr Tillich, und genau das wollen wir konfessionsfreien Bürger, die in Sachsen die Mehrheit stellen, kirchenrechtlich auf der Grundlage der Verfassung verändert haben. Denn: „Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren“. So schützt das Grundgesetz mit Artikel 140 die Glaubensfreiheit hierzulande. Also bitte keine frömmelnde Trickserei mehr. Einverstanden?