Auf Augenhöhe mit der Welt

Die Skyline von Los Angeles. Quelle: Wikipedia/Brain Liao

Die gemeinsame Zukunft der Welt voraussehen

Erfordert das etwa keine Kühnheit? Als 17-Jähriger Gymnasiast lieferte Konrad Zuse6 (*1910 bis †1995) als Jahresarbeit den Entwurf einer „35-Millionen-Stadt nach verkehrstechnischen Gesichtspunkten“ ab.1 Welche Eigenschaft verbirgt sich noch hinter einem derart globalen Denkmuster? Weltoffenheit? Weltgesellschaftliche Kooperationswilligkeit? Der jugendliche Wille, die gemeinsame Zukunft der Welt vorauszusehen?

Die Welt beginnt, sich neu zu definieren

Wie dem auch sei: „Die 20er Jahre waren zuerst und vor allem Nachkriegszeit – die Zeit nach dem Ende des bis dahin heftigsten Staatenkonflikts der Weltgeschichte. Der Krieg hatte jenes Europa, das bis 1914 war, zerstört; er hatte ungeheure Opfer an Menschen und materiellen Gütern gefordert; er hatte die Leidenschaft der Völker tief aufgewühlt und ihr Bewusstsein einschneidend verändert. Infolge des Krieges erfuhr die europäische Landkarte einen massive Umgestaltung.“6

Die Welt begann im Spätkapitalismus7 sich neu zu definieren. Der Niedergang des Kapitalismus hatte 1914 begonnen.8 Wäre es nicht auch denkbar, dass bei den politischen Wirrnissen im Jahr 1927 bei dem 17-Jährigen auch ein theoretisches Konzept global praktizierter Demokratie mit im Spiel war?

Von dem Film »Metropolis« inspiriert

Immerhin war Konrad Zuse von dem Film »Metropolis« inspiriert, der im Januar 1927 im Berliner Ufa-Palast am Zoo uraufgeführt wurde.2 Und er dürfte zumindest auch beeindruckt gewesen sein, als man im März das erste deutsch-amerikanische Überseekabel in Betrieb nahm2 und im November über 70 Regierungen in Washington ein »Internationales Radiotelegraphisches Abkommen« unterzeichneten. Begeistert dürfte der 17-Jährige vermutlich von dem 25-Jährigen Charles Lindbergh (*1902 bis †1974) gewesen sein, dem im Mai nach 33½ Stunden und 6.000 km Flug die Alleinüberquerung des Atlantik mit dem einmotorigen Flugzeug »Spirit of St. Louis« gelungen war.2 Die Gründung des Comité pour lˈelection de Miss Europe für den europäischen Schönheitswettbewerb war sicherlich ebenfalls von jugendlichem Interesse. Möglicherweise beflügelte das sogar die jungenhafte Vorstellung von einem einheitlichen Europa. Aber das damals Undenkbare ist inzwischen längst denkbar gemacht.

Nationalstaatliche Interessendefinitionen überwiegen noch

Wie auch immer. Schon als Gymnasiast agierte Konrad Zuse auf Augenhöhe mit der Welt. Wer also im Geiste Konrad Zuses unser Leben im Zeitalter der Globalisierung mitgestalten möchte, der kommt als Unionsbürger nicht umhin, die Weltoffenheit eines Weltbürgers zu leben. Ohnehin ist uns mündigen Bürgern im Artikel 23 Absatz 1 die Mitwirkung bei der „Verwirklichung eines vereinten Europas “ vorgeschrieben.3 Folglich gehört es zu unserem Alltag, für die gemeinsame Zukunft global zu denken und transnational zu agieren. Dabei sollten wir keineswegs aus den Augen verlieren, dass dem Europagedanken noch weitverbreitet überkommene Denkmuster nationalstaatlicher Interessendefinition entgegenstehen. Wie aber bilden wir bei einem derartig zurückgebliebenen Zeitgeist und bei zunehmendem Tempo der Globalisierungsdynamik Wir-Identitäten und Zukunftsorientierung über Generationen hinweg heraus?

Eine neue Welt entsteht

Klimawandel, EU-Krise, Finanzmarktkollaps und Staatschuldenkrise führen uns wie eben auch jede internationale Grippeepidemie den gemeinsamen Horizont einer globalen Welt vor Augen. Mögliche Lösungsoptionen für Weltprobleme – wie beispielsweise bahnbrechende Erfindungen von Basisinnovationen – erfordern eine neu Qualität staatsbürgerlichen Handelns. Denn die wirtschaftlichen, soziopolitischen und ökologischen Probleme der Gegenwart lassen sich zumeist nicht mehr regional oder nationalstaatlich lösen. „Seit Ende des Kalten Krieges entsteht eine neue Welt, die charakterisiert ist durch Globalisierungskrisen, tektonische Machtverschiebungen und vor allem die unabweisbar werdenden Grenzen des Erdsystems“, definiert Prof. Dr. Claus Leggewie unsere Gegenwart.4 Das ist eine geradezu historische Aufgabe. „Für diese engmaschig vernetzte Welt müssen neue weltweite Kooperationsmuster vorgedacht werden. Diese Veränderungen sind nur vergleichbar mit dem sozialen und politischen Wandel vor rund 200 Jahren, als Aufklärung, Erfindung der Demokratie und industrielle Revolution zusammentrafen und das internationale System schufen.“4

Das Undenkbare denkbar machen

Wie problematisch internationale Kooperation in heutigen Krisenzeiten sein kann, schildert Frank Schirrmacher in seinem Buch »Ego. Das Spiel des Lebens«. Beispielsweise die Demokratie im Würgegriff des Finanzkapitalismus, die Pest der heutigen Welt . „Bürger und Staat haben keine Souveränität, sondern »spielen« sie nur. Darum werden Parlamente zu Staffagen und Öffentlichkeit zu Echoräumen, die man anspricht, um Märkte zu beeinflussen.“5 Das politische Ergebnis? „Regierungen reden nur noch taktisch mit ihrer eigenen Öffentlichkeit, sie übergehen Parlamente und Gesetze, sie müssen falsche Fährten legen und widersprüchliche Erwartungen hegen, Regulierungen ankündigen, durchsetzen, verwerfen – alles nur, um im Rüstungswettlauf mit den Märkten den Gegenspieler zu verwirren.“5

Die Konsequenz aus diesem Verwirrspiel? „Wie man es dreht und wendet: Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert globaler Kooperation sein oder ein Zeitalter weltweiter Instabilität und Konflikte.“4 

Gerade deshalb: Eine neue Welt entsteht. Das Undenkbare wird denkbar gemacht im Geiste von Konrad Zuse. „Wie die Welt von morgen aussehen wird“ da war sich Astrid Lindgren (*1907 bis †2002) ganz sicher, „hängt in großem Maße von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen.“

Quellen

1 Konrad Zuse: Der Computer – mein Lebenswerk, in: Hoyerswerda – Geschichte und Geschichten aus Dörfern und Städten, Geiger-Verlag, Horb am Neckar 1992, Seite 209

2 Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild, Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv, Stuttgart 1999, Band: Die 20er Jahre, Seite 88, 89, 90

3 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Textausgabe Januar 2007, Seite 24

4 Prof. Dr. Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen (WBGU) im Interview „Nationalstaatliche Interessen aufbrechen“, in: Spezial »Wie wird geforscht in Nordrhein-Westfalen?«, Seite 3 in: DIE ZEIT N0 8, 14. Februar 2013

5 Thomas Assheuer: Unterm Strich zähl ich, eine Rezension in: DIE ZEIT N0 8, 14. Februar 2013, Seite 55

6 Eberhard Kolb: Die allmähliche Überwindung der Nachkriegszeit, in: Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild, Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv, Stuttgart 1999, Band: die 20er Jahre, Seite 122

7 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 438

8 Ossip K. Flechtheim: Demokratie – noch vor ihrer Bewährung, in: Das 20. Jahrhundert in Wort, Bild, Film und Ton, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 22 Bänden, Coron Exclusiv, Stuttgart 1999, Band: die 70er Jahre, Seite 191