Wie fühlt sich Zukunft an?

Auch Mode ist Ausdruck des sozialen Wandels. Quelle: Wikipedia

Alle Welt spricht davon. Aber was ist das überhaupt: Zukunft?

Dieter Görner

Angenommen, unsere Großeltern hätten nicht für sozialen Wandel gesorgt, würden wir dann immer noch in der Mode  à la anno 1900 durch die Gegend stolpern? Zu unserem Glück haben sich unsere Vorfahren sehr wohl Sorgen um unsere Zukunft gemacht und ein innovatives Vermächtnis hinterlassen. Danach war es damit Zappenduster.

Die Problematik sozialer Wandel hat - wie knapp 200 000 Jahre Menschheitsgeschichte6 belegen - schon immer die Menschen beschäftigt. Selbst Papst Paul VI., der am 26. März 1967 die Enzyklika Populorum progressio publizierte. Er erhebt darin den Anspruch, alle Menschen seien aufgerufen, zur vollen Entwicklung der ganzen menschlichen Gesellschaft beizutragen. 119 Jahre zuvor hatten zwei Rauschebärte diesen Gedanken auf die Formel4 gebracht: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“5 Heutigentags: Weltkulturerbe.

Doppelt hält besser

Also ein doppelter Hinweis für die Zeitgenossen unserer Region. Denn wir stehen ja momentan in der gemeinsamen Pflicht der salus publica, also der Pflicht, dem öffentlichen Wohl zu dienen. Und zwar mit unserer Entscheidung über die Zukunft der Lausitz. Welches Vermächtnis hinterlassen wir unseren Nachkommen? Es geht dabei auch um die Verwertung der Braunkohle. Die Frage ist nur: Völlig auf die Verwertung von Braunkohle verzichten, oder weiterhin Kohleverstromung betreiben, oder als zukunftsorientierte Alternative dazu die stofflich Nutzung der Braunkohle forcieren. Das wären die energiepolitischen Themen. Strukturwandel ist allerdings thematisch wesentlich breiter gefächert. Jedoch nähern wir uns dieser Problematik beim Podiumsgespräch im September 2016 zum Thema »Strukturwandel der Lausitz - Geschmacksache wie Bier?« Vorerst diskutieren wir über die Verwertung von Braunkohle im Zeitalter der Energiewende.

Welchen regionalen Wert hat ein Bergbau, der keine Steuern mehr zahlen kann?

Unsereins meint, die Antwort liege quasi auf der Hand angesichts der tiefroten Zahlen, die Vattenfall seit zwei Jahren für seine Braunkohlensparte bekannt geben musste. Wirtschaftet Vattenfall aber defizär, fließen auch keine Steuern mehr. Was hat dann unsere Region von einem derartigen Bergbau ohne Zukunft? Immerhin mussten etliche Kommunen die bereits von Vattenfall gezahlten Steuern in Millionenhöhe zurückzahlen.1

Wie zuverlässig ist die Lösung mit Tschechien?

Was also will GEZ aus Tschechien, der bislang ernsthafteste Bewerber für den Kauf des Auslaufmodells Braunkohlenbergbau zur Verstromung, anders machen als Vattenfall? Experten prognostizieren, dass der Braunkohlebergbau allenfalls noch 15 Jahre zur gewohnten Wertschöpfung beitrage. Klingt tröstlich. Aber:

Ist der tschechische Konzern tatsächlich auch ein zuverlässiger Partner? Tschechien gehört immerhin zu den vier sogenannten Visegrad-Ländern (V-4). Erst kürzlich hatten Tschechien und Deutschland eine gemeinsame Arbeitsgruppe zum Thema Flüchtlinge gengründet. Doch wenige Tage später hat Tschechien mit Polen, Ungarn und der Slowakei auf dem Prager Gipfel für die Befestigung der Grenzen von Mazedonien und Bulgarien zu Griechenland plädiert. Eine Lösung, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier kategorisch ablehnen mit dem Hinweis, dass damit Griechenland von der EU getrennt würde und folglich der Zusammenhalt der EU zerbreche.2

Strukturwandel ist unvermeidlich

Denn daran führt kein Weg vorbei. Nach Ansicht von Dr. Gerd Lippold von den Grünen, er war bereits beim Podiumsgespräch von Sorvia zum Thema Klimawandel Ansprechpartner, ist der Strukturwandel längst im Gange. „Begonnen habe er schon 1990, als rund 90 Prozent der Jobs in der Energiewirtschaft der Lausitz verloren gingen.1

Nur knapp 11 000 von 400 000 Erwerbstätigen waren 2014 noch in der Braunkohlewirtschaft in Mitteldeutschland und in der Lausitz beschäftigt. „Zudem seien rund zwei Drittel der Energiearbeiter älter als 45 Jahre.“1

Bund und Landesregierungen müssen endlich reagieren

Im Herbst 2015 schrieben 21 Bürgermeister einen offenen Brief »Zum Strukturwandel in der Lausitz« an die Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und an die Regierungschefs von Sachsen und Brandenburg. „Sie fordern den Bund auf, für Konsequenzen der neuen Energiepolitik einzustehen. Bund und Länder müssten ein Konzept für den Strukturwandel und ein Sonderprogramm für 25 Jahre vorlegen und mitfinanzieren.“1

Praktiker arbeiten längst an Zukunftslösungen

Während also etliche Kommunalpolitiker korrespondieren und tüchtig lamentieren, arbeiten Im Industriepark Schwarze Pumpe längst Wirtschaftsexperten mit Mitgliedern des Traditionsvereins Glückauf Schwarze Pumpe intensiv an Lösungen zur stofflichen Nutzung der Braunkohle. Der Erinnerungsort an die Epoche der Pest mutierte mittlerweile zum Innovationszentrum der Lausitz mit Risikomanagement und beispielgebenden Wertschöpfungsketten. Neuerdingsist der Standort sogar Namensgeber für das Porter »Schwarze Pumpe«. „Es ist blickdicht tiefschwarz, hat viel Malz,reichlich Stammwürze , 6,6 Prozent Alkohol. Nicht zum Durstlöschen und Hinterkippen. Sondern etwas zum Genießen.“3 Die Initiatoren im Industriepark Schwarze Pumpe haben zudem konkrete Vorstellungen über den Strukturwandel in der Lausitz. Doch das Podiumsgespräch, zu dem Sorvia in Kooperation mit der Zentralstelle für politische Bildung in Sachsen Interessenten sehr herzlich für den 18. Mai 2016 um 19 Uhr im Bürgerzentrum in Hoyerswerda einladen, konzentriert sich auf das Thema Zukunft der Braunkohle. Als Gesprächspartner im Podium freuen sich auf eine sachliche Aussprache Bundestagsabgeordeter Thomas Jurk, Wirtschaftsexperte Dr. Günter Seifert, Vorstandsmitglied des Traditionsvereins Glückauf Schwarze Pumpe, Dr. Wolfgang Daniels, Präsident der Vereinigung zur Förderung der Nutzung erneuerebarer Energien (VEE Sachsen.de). Nach einem Film zum Thema beginnt die Diskussion, die gegen 21 Uhr mit der Einladung zum Kalten Büfett und zum kostenlosen Literaturangebot endet, aber im September zum Thema »Strukturwandel« fortgesetzt wird.

Quellen

1 Thomas Schade: Brüche hinter den Hoftoren, in: Sächsische Zeitung, 19. Februar 2016, Seite 3

2 Hans-Jörg Schmidt: Ankündigung einer Abschottung, in: Sächsische Zeitung, 17. Februar 2016, Seite 4

3 Uwe Schulz: Schwarze Pumpe ist ein Bier, in: Hoyerswerdaer Tageblatt, 20./21. Februar 2016, Seite 8

4 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 12, Seite 223

5 Manifest der Kommunistischen Partei , Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, 43 Bände (in 45 Büchern), Dietz Verlag, Berlin 1964, Band 4, Seite 493

6 Stefanie Kara, Stedan Schmitt: Im Kosmos ein Knall, auf Erden ein Hauch, in: DIE ZEIT N0 9, 18. Februar 2016, Seite 33