Geschichtspanorama

3 900 Wölfe tötete allein Kurfürst Johann Georg I.1 (*1585 bis †1656). »Bierjörge«, wie ihn der Volksmund nannte, ging als »Wolfsmörder« und »Judas von Sachsen«2 in die Landesgeschichte ein. „Fast 7 000 Wolfstötungen finden sich in den Jagdbüchern der sächsischen Kurfürsten zwischen 1611 und 1717.“3 Erbarmungslos wurde der Wolf als Jagdkonkurrent der adligen Herrschaften massakriert. Er galt damit im Volk als Symbol des Bösen und wurde auch von den Bauern gejagt. Dem damaligen Zeitgeist entsprach somit die 1697 von Charles Perrault 4 (*1628 bis †1703) veröffentlichte Urversion vom Märchen Rotkäppchen5. Seither gilt der Wolf auch als europäisches Kulturgut und zählt mit den Grimms Märchen zum Weltkulturerbe (Weltdokumentenerbe). Allerdings der Ausrottungswahnähnlich wie bei der Hexenverfolgung – hat sich bis heute erhalten. Die bis März 2014 fünf illegal getöteten Wölfe6 in Sachsen bezeugen das. „Deutschlandweit“, so Irmela Hennig, „ gab es bislang zwölf illegale Wolfstötungen – nur dreimal wurden die Täter gefasst.“10

Wolfshass führte zur Ausrottung

Gleichzeitig wurden die von den Fürsten als vermeintliches Brauchtum gepflegten gewalttätigen Jagdspiele im so genannten »Augusteischen Zeitalter« auf die Spitze getrieben und im Kaisertum und Königreich durch Jagdorgien mit Massenexekutionen ersetzt. Der Ausrottungswahn siegte am 27. Februar 1904 in den Tzschellner Kuthen – ein Gebiet des heutigen Tagebaus Nochten – als der letzte Wolf in den Grenzen des heutigen Deutschlands in Sabrodt getötet wurde. „Es war einen Wölfin: 1,60 Meter lang, 80 Zentimeter hoch, 41 Kilo schwer.“3 Ausgestopft steht sie heute im Stadtmuseum Schloss Hoyerswerda als Sinnbild für verwehrte Nächstenliebe und verschmähter Barmherzigkeit.

Wie mühsam, zeitaufwendig – sowie ohne Garantie auf Erfolg! – sich die Rückzucht einer ausgerotteten Art gestaltet, zeigt anschaulich der spektakuläre Versuch mit dem Auerochsen.

277 Jahre vor der Ausrottung des Wolfes in Deutschland, im Jahre 1627, war das größte Landsäugetier Europas von Jägerhand in Polen ausgerottet worden. Mit dem Stammvater unserer Hausrinder, vor 8 000 Jahren erstmals im Nahen Osten domestiziert, verschwand zugleich ein über Jahrtausende bewahrtes Erbe europäischer Kultur. Die 1980 begonnene und von 70 Enthusiasten kompetent betriebene Rückzucht blieb bis dato die erwünschte Imitation schuldig. Was weg ist, ist weg!

Eine Alternative unseres leichtfertigen Umgangs mit der Natur lebt uns jetzt Papst Franziskus vor. Zumal das Weltklima mit einem Massensterben der Tierarten droht.

Gewaltspirale erfasste die Gesellschaft

Nach der Ausrottung des Wolfes 1904 setzte sich in der Gesellschaft eine Gewaltspirale in Gang: • Erster Weltkrieg11  → Zweiter Weltkrieg12Kalter Krieg13 WeltbedrohlichBerliner MauerFrontstadt Innerdeutsche GrenzeAlleinvertretungsanspruch14Unterirdischer Krieg. „Rund 1,4 Millionen Tonnen hochexplosives Material warfen Briten und Amerikaner im Zweiten Weltkrieg auf das Deutsche Reich ab.“7 Und wen kümmert das? „Die explosiv e Altlast liegt unter unseren Füßen, sie wird von Jahr zu Jahr gefährlicher, aber niemand kümmert das.“7 Luftbilder dokumentieren: „Selbst gut besuchte Volksfeste finden auf Bombenboden statt.“7

Beginn eines historischen Ausnahmezustandes

Mit der Gewaltspirale eskaladierten im Spätkapitalismus auch die weltweiten Schändungen der Natur, nahm Tierquälerei Massencharakter an. Die Konsequenz? Unser Planet steht jetzt am Beginn eines historischen Ausnahmezustandes. Die uns nun bevorstehenden Veränderungen sind denen vergleichbar, die in der Erdgeschichte stets Massensterben8 ausgelöst haben. Beispielsweise begann vor 130 000 Jahren im Jungpleistozän bei den Frühmenschen das Aussterben des Wollhaarmammuts (Mammuthus primigenius) und endete vor knapp 11 800 Jahren.9 Das prognostiziert der Bericht vom Weltklimarat IPCC [Koordinierungsstelle] (Historie), der am 31. März 2014 in Yokohama vorgestellt wurde. Rache der Erde für die vom Adel eingeleitete Naturschändung?

Quellen

1 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 194

2 Heinrich von Treitschke: deutsche Geschichte, dokumentiert von : Max Seydewitz: Dresden – Musen und Menschen, Buchverlag Der Morgen, 5. Auflage, Berlin 1979, Seite 23

3 Ulrich Wolf: Als es dem Wolf ans Fell ging, in: Sächsische Zeitung, 5. September 2011, Seite 3

4 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 16, Seite 687

5 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 18, Seite 589

6 Wieder ein Wolf illegal getötet, in: Sächsische Zeitung, 29. /30. März 2014, Seite 1

7 Andreas Frey: Unter uns, in: DIE ZEIT N0 14, 27. März 2014, Seite 41

8 Stephan Schön: Ein Massensterben von Arten droht, in: Sächsische Zeitung, 31. März 2014, Seite 1

9 Was dem Mammut zu schaffen machte, in: Sächsische Zeitung, 31. März 2014, Seite 5

10 Wir ermitteln bei erschossenen Wölfen mit Hochdruck, Irmela Hennig im Gespräch mit Staatsanwalt Sebastian Matthieu, in: Sächsische Zeitung, 17. September 2014, Seite 7

11 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 24, Seite 27

12 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 24, Seite 33

13 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 369

14 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 9, Seite 397