Eine zweisprachige Region

Ein traditionsreicher sorbischer Brauch ist das Osterreiten. Foto: Detlef Degner

Was bedeutet das im digitalen Zeitalter?

Zweisprachigkeit? In der Oberlausitz? Wie das denn? Tja, neben Deutsch und den hiesigen Mundarten, die zum obersächsischen Sprachbereich zählen – genauer zum Thüringisch-Obersächsischen1 – vernimmt man in der Oberlausitz 2 zudem vielerorts die westslawische Sprache Obersorbisch3. Wieso? „Schon in ur- und frühgeschichtlicher Zeit bewegten sich in der heutigen Oberlausitzer verschiedene Völker und Kulturen.“4 Dem Neandertaler folgten Kelten5, danach die Elbgermanen6 mit den Wandalen7, dem Hauptvolk der germanischen Kultgenossenschaft, die wiederum abgelöst wurden von den westslawischen Milzenern8. Von diesen Wanderbewegungen ganzer Völkerschaften zeugen die unterschiedlichsten alteuropäischen Sprachdenkmale auch in den acht Landschaften der Oberlausitz.

Wann begann eigentlich unsere Geschichte?

Etwa mit den Sprachdenkmalen? Als keltischen Ursprungs werden beispielsweise „die Namen der Elbe9, der Saale10, der Oder11, der Pleiße12 und der Neiße13“ angesehen14. Von der Elbgermanen benannt sind die Flüsse Mulde15, die beiden (Weiße und Schwarze) Elster16, Spree17 und andere14.

Doch die hiesige Geschichte begann vor nahezu 1 400 Jahren, als „gegen Ende des 6. oder zu Beginn des 7. Jahrhunderts“18 der westslawische Völkerstamm der Milzener8 quasi im Niemandsland hier aufkreuzte. Zuvor hatten hier die Wandalen7, das Hauptvolk der germanischen Kultgenossenschaft, die im 1. oder 2. Jahrhundert eingewandert waren; in etwa 1 m hohen Schachtöfen Raseneisenerz verhüttet. Die Schmelzöfen waren in Ofenbatterien angeordnet, die bis zu 51 Öfen umfassten19. Doch nachdem die Elbgermanen der Römischen Kaiserzeit20 nach Südwesten abgewandert waren, entstand „eine fast 700 Jahre dauernde Siedlungslücke in der Oberlausitz.“21 .

Aber dann kamen die Milzener

Wie aus dem Nichts tauchten sie auf. „Woher kamen die Slawen, wo befand sich ihre Urheimat? Diese Frage wurde nicht nur von Historikern, Archäologen oder Linguisten immer wieder gestellt. Bislang konnte sie von niemandem mit absoluter Sicherheit beantwortet werden.“22

Und die Vermutung? „Einer populären wissenschaftlichen These zufolge lag die Urheimat der Altslawen vor über 2 500 Jahren irgendwo in der Region zwischen dem Weichselbogen und dem Fluss Bug, im Gebiet der heutigen westlichen Ukraine oder des modernen Polen.“22 Manche vermuten die slawische Urheimat sogar viel weiter östlich, wo sie von asiatischen Nomadenvölkern immer weiter westwärts verdrängt wurden. „Fest steht jedoch, dass die Slawen, die im 2. und 3. Jahrhundert nach Westen bis über die Elbe und Saale vorgedrungen waren, zu Beginn des 6. Jahrhunderts mit dem Vormarsch der Awaren23 zu kämpfen hatten.“22

Als ebenso sicher gilt, die „Westslawen, die bis an die Elbe und sogar bis zu den Ostalpen vordringen konnten, sind die Ahnen der Polen, Pomoraner, Sorben, Tschechen und Slowaken.“22

Der Slawengau Milska entsteht

Zur neuen Heimat der westslawischen Ankömmlinge wurden die fruchtbaren Gebiete im Oberlausitzer Gefilde um Bautzen. „Der Volksstamm der Milzener baute ein halbes Jahrtausend das Land aus und schuf den großen Slawengau Milska, der erst nach 1003 der deutschen Eroberungspolitik zum Opfer fiel.“4  Über diese Zeit ist wenig überliefert, da die Milzener keine Schriftsprache besaßen. Das älteste erhaltene sorbische Schriftdenkmal ist der Text eines Bürgereids, den die Bautzener Sorben „im 15. und 16. Jahrhundert in ihrer Muttersprache ablegen“durften.24

Dafür finden sich als damalige Zeitzeugen im Oberlausitzer Gefilde noch heute auf einem „in Nord-Süd-Richtung nur ca. 15 km breiten und in Ost-West-Richtung ca. 50 km langen Gebiet“18 etwa 60 Wallanlagen aus der frühmittelalterlichen Besiedlung der Oberlausitz. Man geht davon aus, dass diese Befestigungsanlagen um 920 und 945 „als direkte Reaktion auf die Kriegszüge Heinrichs I.25 und des Markgrafen Gero“26 errichtet wurden. Damit begann die 400 Jahre währende Zwangschristianisierung der Sorben27, die ihren Höhepunkt der Gewalt mit dem Kreuzzug wider die Wenden erlebte. Es ist zugleich die Entstehungszeit der militärischen Demokratie. „Heerführer, Rat, Volksversammlung bilden die Organe der zu einer militärischen Demokratie fortentwickelten Gentilgesellschaft.“28

Nachhaltige Kulturleistung der Sorben

Der Name der Stadt Bautzen (obersorbisch: Budyšin) ist ebenfalls sorbischen Ursprungs. Quelle: Wikipedia

30 000 altsorbische Bezeichnungen in unserem Sprachschatz

Wie nachhaltig die Altsorben die sprachliche Kultur des historischen Mitteleuropas und damit die Kultur des Abendlandes geprägt haben, dokumentieren in der Oberlausitz sowie im Freistaat Sachsen die zahlreichen Sprachdenkmale. „Rekonstruierbar ist das Altsorbische allein aus den etwa 30 000 ursprünglich altsorbischen – zum Teil stark eingedeutschten – Siedlungs-, Flur-, Gewässer- und Personennamen.“29

Beispielsweise sind 60 Städtenamen Sachsens sorbischen Ursprungs, wie Dresden, Leipzig oder Chemnitz, aber ebenso Bautzen, Görlitz, Zittau. „Dem Laien sind solche Namen im Allgemeinen durch die im Deutschen »egalisierten« Endungen auf –itz, -o(v)| -o(w)| -au| -a, in| -en, -zig, -nik, und andere, die im Altsorbischen weitaus differenziertere Grundlagen hatten, geläufig.“29

Beispiele: Görlitz, Neschwitz, Maltitz oder Ostro, Torno, Bukow, Beeskow oder Zittau, Löbau, Wilkau oder Wettin, Prettin, Trossin oder Bautzen, Nossen, Trebsen oder Leipzig, Görzig, Dölzig oder Jauernik und andere.29  

Sprachliche Folgen historischer Wandlungen

Bei der deutschen Siedlungsbewegung, die im Hochmittelalter (1050 – 1250)30 von 1100 bis 1289 in drei Etappen in den von Slawen besiedelten Ostgebieten (auf ausdrücklichen Wunsch der dort Herrschenden!) erfolgte und im Spätmittelalter in der Spätphase von 1200 bis 1280 auch unsere Region mit dem Slawengau Milska erfasste31, ist das sorbische Namensgut in ständig zunehmendem Maße »eingedeutscht« worden.

Einen derartigen sprachlichen Wandel wie im Mittelalter vor über 700 Jahren erlebten die Ostdeutschen nach der Wende 1990. „Von den 800 bis 1 400 Wörtern, die DDR-spezifisch waren, haben im Osten nur ganz wenige überlebt.“32 Die Ostdeutschen erlebten „eindeutig eine sprachliche Übernahme“ mit der Maßgabe: „Viele DDR-Bürger mussten »Westdeutsch« wie eine Zweitsprache lernen.“33

Sprechwandel im digitalen Zeitalter

Kommunikationswandel vom Altsorbischen Sprachgut in der Oberlausitz zur digitalen Interaktion mit Hightech-Strategie der Cyber –physischen Systeme als Voraussetzung für die Industrie 4.0. Quelle: Wikipedia

Was bedeutet das für unseren Alltag? Was für künftiges Arbeitsleben?

Derzeit erleben die germanischen Sprachen einen langfristigen Wandel. In den Medien ist man sich freilich sicher, dass die Ursachen dafür in der Migration mit der Mischung aus Kiezdeutsch und eigentümlicher Grammatik zu suchen seien. „Ich gehe Kino«. Linguisten wollen festgestellt haben, dass mittlerweile sogar Professoren so verkürzt artikulieren.

Doch entgegen derartigen Unkenrufen über den Tod deutscher Hochsprache bahnt sich nach Auffassung von Joachim Scharloth, Professor für angewandte Linguistik an der TU Dresden, in der Kommunikation eine ganz andere Tendenz an: „Ich glaube, dass die wirklich interessante Entwicklung durch die Digitalisierung auf uns zukommen werden – nämlich bei der Mensch-Maschine- womöglich auch beider Maschine-Maschine-Kommunikation“34. Die Industrie 4.0 lässt grüßen.

Und dennoch verwenden wir im täglichen Sprachgebrauch immer noch geflügelte Worte der Antike. Sollten wir uns vielleicht nicht zugleich stärker auf die gespeicherten Erfahrungen jener Epoche besinnen? Braucht unsere indirekte Demokratie etwa keine Weiterentwicklung?

Wie achten Eltern im digitalen Zeitalter auf deutsche Sprachkultur?

Einerseits: „Die Schulklassen sind häufiger als früher gemischt mit Gleichaltrigen aus aller Welt, sodass junge Leute bereits mit anderen Gepflogenheiten aufwachsen“35. Andererseits: „Kinder lernen heute zeitig alles Mögliche. Sie kennen sich gut aus mit modernen Kommunikationsformen, nutzen Computer, Handy, iPod, iPad.“35

Und was bedeutet das im ellenbogenorientierten Spätkapitalismus? „Wenn Menschen sich achten, friedvoll miteinander umgehen, rücksichtsvoll und freundlich zueinander sind, kommen sie in der Welt besser miteinander zurecht.“36.Ein Rat von 1788. Also ist die Nächstenliebe von Jesus Christus möglicherweise doch kein Nonsens?

Quellen

1 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 13, Seite 149

2 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 13, Seite 148

3 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1993, Band 20, Seite 483

4 Siegfried Schlegel: Die Oberlausitz. Ein liebenswertes Stück Deutschland, Lausitzer Druck- & Verlagshaus, Bautzen 2008, Seite 35

5 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 11, Seite 583

6 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 8, Seite 361

7 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1994, Band 23, Seite 566

8 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 14, Seite 616

9 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 6, Seite 252

10 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 19, Seite 14

11 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 16, Seite 94

12 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 17, Seite 246

13 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1990, Band 13, Seite 149

14 Hans Walther: Landnahme und Stammesbildung der Sorben (um 600 bis 929), in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 59, 60,

15 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 15, Seite 164

16 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1988, Band 6, Seite 328

17 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1993, Band 20, Seite 718

18 Thomas Westphalen: Slawenzeit, in: Die Oberlausitz. Ausflugsziele zwischen Neiße und Pulsnitz, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2010, Seite 75, 77 79

19 Günter Wetzel: Die Siedlungsgeschichte im Kreis Hoyerswerda bis zum Mittelalter, in: Hoyerswerda – Geschichte und Geschichten aus Dörfern und Städten, Geiger-Verlag, Horb am Neckar 1992, Seite 29

20 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1992, Band 18, Seite 540

21 Friederike Koch: Römische Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit, in: Die Oberlausitz. Ausflugsziele zwischen Neiße und Pulsnitz, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2010, Seite 66

22 Ana María Schop Soler: Herkunft unbekannt – Die Slawen, in: Brockhaus. Meilensteine, multimediale Geschichtsenzyklopädie in 10 Themenbänden zur Geschichte, Kultur und Wissenschaft, Gütersloh 2011, Band 1: Völker, Staaten und Kulturen, Seite 134

23 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 2, Seite 430

24 Die Sorben. Wissenswertes aus Vergangenheit und Gegenwart der sorbischen nationalen Minderheit, VEB DOMOWINA VERLAG, Bautzen 1970, dritte erweiterte und ergänzte Auflage, Seite 17

25 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1989, Band 9, Seite 628

26 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1987, Band 8, Seite 375

27 Friedhart Vogel, Superintendent i. R. in Hoyerswerda: Die kirchliche Entwicklung im Raum Hoyerswerda, in: Hoyerswerda – Geschichte und Geschichten aus Dörfern und Städten, Geiger-Verlag, Horb am Neckar,Seite 162

28 Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, 43 Bände (in 45 Büchern), Dietz Verlag, Berlin 1962, Seite 159

29 Hans Walther: Landnahme und Stammesbildung der Sorben (um 600 bis 929) in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 64

30 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage, Mannheim 1991, Band 14, Seite 669

31 Hans Walther: Die Markgrafschaft Meißen (929 – 1156), in: Geschichte Sachsens, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, Seite 103

32 Statement von Linguist Manfred W. Hellmann, der von 1964 bis 2001 als Wissenschaftler für das Institut für Deutsche Sprache (IDS) die Redegewohnheiten im Osten studierte, in: Umschalten auf Westprogramm, in: Lausitzer Rundschau,18. Juni 2014, Seite 5

33 Ulrike von Leszczynski: Die generationsfrage: Broiler oder Brathähnchen?, in Lausitzer Rundschau, 18. Juni 2014, Seite 5

34 Dominique Bielmeier: Maschinen reden mit, in: Sächsische Zeitung , 25. Juli 2014, Seite 18

35 Lilli Vostry: Ist Knigge heute von gestern?, in: Sächsische Zeitung, 25. Juli 2014, Seite 31

36 Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen, 1788